Dialog trotz Attentaten, Zutrauen trotz Gefahr

Von: Peter Pappert
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Treffen in Aachen: Missio-Präsident Klaus Krämer (rechts) freut sich über die gesundheitlichen Fortschritte von Father Anselmo. Foto: Missio

Aachen. Father Anselmo ist ein überaus freundlicher, temperamentvoller Herr. Er lacht offensichtlich gerne, auch wenn er in seiner Situation nicht viel zu lachen hat. Seit einem halben Jahr ist er in Deutschland, hat mehrere komplizierte und schmerzhafte Operationen hinter sich.

Nach Ostern will der katholische Priester zurück in seine Heimat – nach Sansibar. Dort wurde er vor eineinhalb Jahren Opfer eines Attentats, das er fast nicht überlebt hätte.

Islamistische Terroristen übergossen ihn auf offener Straße in der Hauptstadt Stonetown mit Säure. Sein Gesicht ist schlimm gezeichnet; daran haben auch die Operationen nichts ändern können. Dass er zur Behandlung nach Deutschland kommen konnte, verdankt er nicht zuletzt dem katholischen Hilfswerk Missio in Aachen, das die Kosten für die Behandlung zu einem großen Teil trägt. In dessen Zentrale sprach Father Anselmo mit unserer Zeitung.

Der Schein trügt

Sansibar: ein Urlaubsparadies, das rund 100.000 Touristen pro Jahr anzieht, traumhafte Strände und das anmutige Stonetown mit Moscheen, Kirchen und Hindutempeln. Die ostafrikanische Insel mit ihrer zu 99 Prozent muslimischen Bevölkerung galt lange als Idylle – nicht weit vom Festland und der Republik Tansania entfernt, zu der sie gehört. Tansania – mehrheitlich christlich, zwischen Kenia im Norden und Mosambik im Süden – hatte ebenfalls einen guten Ruf als friedliches Land, das freie Religionsausübung garantiert.

Der schöne Eindruck ist dahin. Das Auswärtige Amt in Berlin weist ausdrücklich auf die zunehmende Zahl von Überfällen und insbesondere religiös motivierte Gewaltakte auf Sansibar hin. Missio stellt fest, dass religiös motivierte Gewalt zunimmt. „Vor allem auf Sansibar, aber auch in Bistümern auf dem Festland waren die christliche Bevölkerung und kirchliche Einrichtungen immer wieder Ziele von Anschlägen muslimischer Fanatiker“, heißt es in einem aktuellen Missio-Papier. „In dem vormals für seine religiöse Aufgeschlossenheit und friedliche Koexistenz bekannten Land sitzt der Schock bei der Mehrheit der Bevölkerung tief über die religiös motivierten Anschläge und Gewalttaten.“

„Wir wollen Euch hier nicht! Für Mohammed!“ Das sei der Ruf der Attentäter gewesen, als sie im September 2013 den Anschlag auf ihn verübten, sagt Father Anselmo. Er unterscheidet genau zwischen Terroristen und gläubigen Muslimen. „Die Attentäter behaupten, dem Koran zu folgen. Aber das tun sie nicht. Sie bekommen eine Menge Geld von arabischen Staaten.“ Welche Staaten das sind, kann oder will Anselmo auf Nachfrage nicht sagen. Missio-Präsident Klaus Krämer nennt als Beispiel Somalia, Gerüchte gibt es über Geldflüsse aus Saudi-Arabien und dem Oman. Die islamistische Bewegung Uamsho, die auf Sansibar aktiv ist und die Unabhängigkeit der Insel von Tansania anstrebe, „will einen Gottesstaat aufbauen“, sagt Father Anselmo, und versuche, Christen mit Terror zu vertreiben.

Die Konrad-Adenauer-Stiftung, die in der tansanischen Hauptstadt Dar es Salaam ein Auslandsbüro hat, stellt auf Sansibar schon seit längerem eine gesellschaftliche Veränderung fest: „in Richtung von religiöser Radikalisierung und der Interpretation des Islams als politische Ideologie. Die Anzahl der Frauen, die den Schleier tragen und zum Teil auch ihr Gesicht verhüllen, nimmt seit mehreren Jahren zu.“

Christen wie Muslime auf der Insel leben in ständiger Angst vor Terroranschlägen durch Islamisten. Father Anselmo kann sich deren Hass auf den westlichen Lebensstil und die Gewalt gegen Christen nicht erklären. Er berichtet von Angriffen auf Kirchen und von christlichen Mädchen, die mit muslimischen Männern zwangsverheiratet werden. Er wünscht sich mehr Unterstützung von der Regierung in Dar es Salaam und der internationalen Gemeinschaft.

Er muss um sein Leben fürchten

Missio engagiert sich in einem neuen Projekt für interreligiösen Dialog, Frieden und Gerechtigkeit in Tansania. Gesetzlich seien Mann und Frau gleichberechtigt, aber Benachteiligung von und Gewalt gegen Frauen seien weitverbreitet – „nicht zuletzt aufgrund überkommener Traditionen und Rollenmuster“, heißt es in dem Missio-Papier. Die Situation auf Sansibar werde verschärft durch große Armut in weiten Teilen der Bevölkerung, durch Missbrauch öffentlicher Gelder, durch Korruption und eine Polizei, die bestechlich sei und an konsequenter Strafverfolgung von Attentätern kein Interesse habe, sagt Father Anselmo.

In ein paar Tagen wird er also zurückkehren. Er ist gefährdet, muss um sein Leben fürchten. Das weiß Father Anselmo. Er wird Leibwächter brauchen, wenn er unterwegs ist; schließlich ist er als Opfer eines Säureanschlags leicht zu identifizieren. Aber er kann und will nicht länger in Deutschland bleiben. Schließlich gibt es auf Sansibar auch gutes Miteinander von Christen und Muslimen. „Wir haben ja einen Dialog.“ Er will sich weiter dafür einsetzen. Wie groß dabei seine Hoffnung ist, lässt er offen.

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