Der „Sonnenkönig“ hält Hof in Versailles: Macron legt los

Von: Fabian Erik Schlüter und Laurence Benhamou
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Heute ein König: Der französische Präsident Emmanuel Macron stolziert ins Schloss Versailles anlässlich einer Rede vor beiden Kammern des französischen Parlaments ein. Das bringt ihm viel Kritik ein. Foto: dpa

Paris. Einen Auftritt mit großem Pomp gönnt sich Emmanuel Macron. Die Kulisse: Das prächtige Schloss von Versailles. Das Publikum: Hunderte Abgeordnete und Senatoren. Der Anlass: Eine Grundsatzrede zu seiner Politik. Doch mit der Ansprache vor dem französischen Kongress am Montagnachmittag hat der junge Staatschef teils scharfe Kritik der Opposition auf sich gezogen.

Sie wirft Macron das Selbstverständnis eines „Sonnenkönigs“ vor – und warnt vor einer ungeheuren Machtfülle des neuen Präsidenten.

Mit der Rede vor dem in Versailles versammelten Kongress überschreite Macron „eine neue Schwelle in der pharaonischen Dimension der präsidentiellen Monarchie“, poltert der Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon. Seine Bewegung und die Kommunisten verkündeten schon vergangene Woche einen Boykott des Kongresses. Dazu muss man wissen: Eine Rede des französischen Präsidenten vor den versammelten Abgeordneten und Senatoren ist höchst selten.

Bislang ergriffen nur Macrons Vorgänger Nicolas Sarkozy und François Hollande je ein Mal vor beiden Parlamentskammern das Wort – und keiner von beiden so kurz nach Amtsantritt. Macron aber will aus dem Auftritt vor dem Kongress ein jährliches Ritual machen, ähnlich wie die US-Präsidenten mit ihren Reden zur Lage der Nation.

Besondere Kritik hat sich an dem von Macron gewählten Datum entzündet. Denn am Dienstag wird Premier Edouard Philippe vor der Nationalversammlung seine Regierungserklärung abgeben – der Präsident stiehlt ihm mit seinem Auftritt aber komplett die Show. Der konservative Oppositionspolitiker Christian Jacob kritisierte, Macrons Rede werde die des Premiers „zwangsläufig erdrücken“ und warnte vor einer „ungeteilten Macht“.

Unbehagen nimmt zu

In den vergangenen Wochen ist das Unbehagen über den Führungsstil des Präsidenten gewachsen. Der 39-Jährige, so der Vorwurf, wolle alle Macht an sich ziehen, alles kontrollieren, alles selbst entscheiden. Seine Regierungsmannschaft führt er mit straffen Zügeln, seine Partei La République en Marche sowieso, und das Regierungslager hat nach seinem klaren Sieg bei der Parlamentswahl die Schlüsselposten in der Nationalversammlung übernommen.

„Eine solche Machtkonzentration zugunsten des Präsidentenamtes, das den Premierminister, die Regierung, die Regierungspartei und die Nationalversammlung kontrolliert, ist charakteristisch für den Macronismus, der gerade erfunden wird“, sagt der Politikwissenschaftler Pascal Perrineau. Der Essayist Guy Sorman stellte in der Tageszeitung „Le Monde“ gar die Frage, ob Macron ein „aufgeklärter Despot“ sei.

Allerdings ist ein allmächtiger französischer Präsident an sich nichts Neues – das institutionelle System ist in Frankreich ganz auf das Staatsoberhaupt zugeschnitten. „Er kehrt zu den Wurzeln der Fünften Republik zurück“, sagt der Historiker Christian Delporte. „Das erstaunt uns, weil wir eine Zeit mit verschwommenen Rollen hatten, aber so funktioniert das.“ Gemeint ist damit die Amtszeit von Macrons Vorgänger Hollande: Der Sozialist hatte sich als bürgernaher „normaler“ Präsident gesehen und nicht als „republikanischer Monarch“, wie Frankreichs Staatschef häufig genannt wird. Macron hat stets deutlich gemacht, dass er von einem solchen Amtsverständnis wenig hält: Die Franzosen wollten keinen normalen Präsidenten, sagte er schon Monate vor seinem Wahlsieg – sondern einen wie „Jupiter“, die oberste Gottheit der Römer. Entsprechend zelebriert Macron die Erhabenheit des Amtes, mit sichtlichem Gefallen an der Selbstinszenierung.

Schon Ende Mai empfing er den russischen Präsidenten Wladimir Putin im Schloss von Versailles. Jetzt also die Rückkehr für seine Grundsatzrede. Böse Zungen spotten, der Elysée-Palast sei für das Ego des erfolgsverwöhnten Präsidenten schon zu klein geworden, da müsse eben das Schloss von Sonnenkönig Ludwig XIV. her. Für womöglich kritische Fragen von Journalisten hat Frankreichs neuer Sonnenkönig übrigens weniger Zeit: Das traditionelle Fernsehinterview zum französischen Nationalfeiertag am 14. Juli hat er einfach abgesagt.

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