„Der grüne Scheich“: Seit 20 Jahren für den Umweltschutz aktiv

Von: Christian Rein
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Empfang im Aachener Rathaus: der „grüne“ Scheich Abdul Aziz bin Ali al-Nuaimi (Mitte) mit CDU-Landeschef Armin Laschet (links) und Oberbürgermeister Marcel Philipp. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Wenn Scheich Abdul Aziz bin Ali al-Nuaimi davon berichtet, wie er vom Umweltverschmutzer zum Umweltschützer wurde, dann beginnt er mit einer Beobachtung aus seiner Kindheit. Sein Vater, ein passionierter Falkner, liebt die Wüste und die Schönheit der Wildnis. Dorthin hat er eines Tages einen Falken mit auf die Jagd genommen.

Wie sich herausstellte allerdings nur, damit der Vogel seiner Natur freien Lauf lassen konnte. Der Vater selbst hat nie eine Waffe angerührt, um ein Tier zu erlegen, es ging ihm einzig und allein um den Vogel. „Die Kommunikation zwischen dem Falken, meinem Vater und der Natur war einzigartig. Es war die perfekte Harmonie“, sagt der Scheich. „Ich trage dieses Bild seitdem in mir, obwohl ich seine Bedeutung zum damaligen Zeitpunkt gar nicht begriffen habe.“

Heute nennt sich al-Nuaimi schlicht „Der grüne Scheich“. Seit rund 20 Jahren setzt er sich in seiner Heimat, dem Emirat Adsch­man, und weit darüber hinaus für Umweltschutz und einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen ein. Über den Stellenwert dieser Themen in der arabischen Welt, die Vorbildfunktion Deutschlands in Sachen Umweltschutz und seinen ungewöhnlichen persönlichen Werdegang sprach der Scheich mit unserer Zeitung während eines Besuchs in Aachen auf Einladung des CDU-Landeschefs und Landtagsabgeordneten Armin Laschet.

Die Vereinigten Arabischen Emirate sind auf der Liste der Staaten mit der größten geförderten Menge an Erdöl auf Platz sieben. Für jemanden, der aus einem der bedeutendsten Königshäuser der Emirate stammt, ist es also quasi vorbestimmt, eine Karriere in der Öl- und Gasindustrie zu machen. Tatsächlich hat auch Scheich al-Nua­imi Ingenieurwesen studiert und einige Zeit in verschiedenen Bereichen der petrochemischen Industrie gearbeitet, darunter auf einer Bohrinsel.

„In dieser Zeit ist mir bewusst geworden, wie sehr wir in die Natur eingreifen und wie sehr die Menschen davon direkt oder indirekt betroffen sind, wie viele dadurch krank werden“, sagt al-Nuaimi. „Schließlich bin ich konvertiert, vom Umweltverschmutzer zum Umweltschützer.“ Man kann sich gut vorstellen, wie der Scheich das dreckige Geschäft der Erdöl-Förderung und -Verwertung kennenlernte, und wie ihm doch immer wieder das Bild des Vaters mit dem Falken in der Wüste in den Sinn gekommen sein muss.

Mitte 20 war er damals. Seitdem möchte al-Nuaimi im Mittleren Osten nicht weniger als eine „Kultur des Respekts“ für die Umwelt schaffen. Er will die Menschen dazu anregen, ihren Lebensstil zu überdenken – und natürlich auch zu ändern. Das ist durchaus ein philosophischer Ansatz; doch in der Veränderung des Lebensstils seiner Mitmenschen sieht der Scheich eine weitaus größere Herausforderung als in der Veränderung der Energiepolitik seines Landes. „Den Menschen ist schon bewusst, dass Umweltverschmutzung ein Problem ist, aber sie machen einfach so weiter wie bisher“, sagt al-Nuaimi. Und was will er dagegen tun? „Man kann andere Menschen nicht ändern. Man kann nur sich selbst ändern“, sagt der Scheich. „Ich möchte als ‚grüner‘ Scheich durch bewusstes Handeln ein Vorbild sein, und wer weiß, vielleicht orientieren sich dann ja andere an mir?“

Die Energiepolitik seines Landes werde freilich auch verändert. Man investiere dort beispielsweise Milliarden in Solarenergie, sagt al-Nuaimi, der die Regierung von Adsch­man auch in Umweltfragen berät. Adschman ist allerdings das kleinste der sieben Emirate und, natürlich, es wäre ein unvergleichlich größerer Schritt, wenn der große Nachbar Saudi-Arabien Sonnenkollektoren in seiner Wüste aufstellen würde.

Al-Nuaimi ficht das nicht an. Er tut, was er kann. Seit Januar unter anderem auch als 16. Botschafter der Umweltschutzorganisation „Earth Condominium“.

Wie blickt ein Aktivist wie al-Nuaimi auf Deutschland? Deutschland habe eine Menge erreicht. Hier werde im Bereich der technischen Entwicklung und der Gesetzgebung für den Umweltschutz eine Menge getan, die Menschen seien sehr engagiert. „Aber das reicht nicht aus“, sagt der Scheich. „Die große Herausforderung ist, diese Errungenschaften hinaus in die Welt zu tragen. Dafür brauchen wir eine Plattform. Der Austausch muss dringend verbessert werden.“

Das größte Problem sieht al-Nuaimi in kulturellen Barrieren. Der Scheich ist zum Beispiel fasziniert davon, wie in Deutschland Rohstoffe aus Abfall recycelt werden. So einfach lasse sich das System aber nicht auf andere Teile der Welt übertragen. Es sei natürlich leicht, ein Gesetz zu machen. Wenn man die Menschen wirklich dazu bringen wolle, etwas zu verändern, müsse man aber versuchen, das mit dem in Einklang zu bringen, was sie aus Jahrtausende alter Überlieferung, aus ihrer Religion und ihrer Kultur kennen. Viele Regeln, die für einen respektvollen Umgang mit der Natur wichtig seien, gäbe es dort übrigens bereits. Man müsse die Menschen also nur daran erinnern. „Letztlich ist der Glaube wichtiger als Gesetze“, sagt al-Nuaimi.

Und dann erinnert sich auch der Scheich noch einmal: „Der Falke in der Wüste, das ist wirklich die perfekte Harmonie.“

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