Bonn - Der „Deutsche Herbst“ vor 40 Jahren: Voller Hass und Größenwahn

Der „Deutsche Herbst“ vor 40 Jahren: Voller Hass und Größenwahn

Von: Peter Pappert
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5. September 1977: der Tatort in Köln-Braunsfeld am Abend. Hier töteten die RAF-Terroristen die Begleiter von Hanns Martin Schleyer und entführten den Arbeitgeberpräsidenten. Foto: imago/Sven Simon
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25. Oktober 1977: Bundeskanzler Helmut Schmidt und Waltrude Schleyer bei der Trauerfeier für Hanns Martin Schleyer in Stuttgart. Foto: imago/Sven Simon

Bonn. In einer Zeit, da Islamisten weltweit Terroranschläge verüben und sich auf religiöse Motive berufen, erinnert sich die Bundesrepublik an den „Deutschen Herbst“ vor 40 Jahren, als linksextremistische Terroristen der sogenannten Rote-Armee-Fraktion (RAF) den westdeutschen Staat und dessen Institutionen herausforderten und Repräsentanten des ihnen verhassten „kapitalistischen und imperialistischen Systems“ ermordeten.

Die RAF sah sich selbst als revolutionäre Avantgarde, die das herrschende System stürzen wollte, verfügte jedoch über keinerlei schlüssige Ideologie, geschweige denn ein politisches Konzept. Im Herbst vor 40 Jahren ging es vor allem darum, elf RAF-Häftlinge freizupressen – unter ihnen die früheren Anführer Andreas Baader und Gudrun Ensslin, die mit Jan-Carl Raspe und Irmgard Möller im Gefängnis Stuttgart-Stammheim inhaftiert waren.

40 Jahre später ist das Ziel des IS-Terrors, ein Gefühl von Unsicherheit zu erzeugen und durch eine Folge von Gewalt-Eskalationen zu vertiefen sowie die politisch Verantwortlichen zu möglichst harten Gegenmaßnahmen zu provozieren. Damals wie heute: Ohne Feindbilder – scharf gezeichnet und maßlos übertrieben – geht es nicht. Das gilt für die Terroristen der RAF wie für islamistische „Gotteskrieger“. Die RAF-Mörder und ihre Helfer suchten ihre Opfer aber gezielt aus, die Terroristen des selbsternannten Islamischen Staates (IS) morden wahllos.

In völliger Verblendung erklären Terroristen dem Staat den Krieg. Sie wollen kriegsähnliche Zustände, weil sie sich selbst im Krieg wähnen. Das Ziel der RAF war letztlich, die westdeutsche Demokratie zu zerstören; die Krieger vom Islamischen Staat (IS) oder der Al Kaida streben einen islamistischen Gottesstaat an. Bei allen Unterschieden in der Ideologie, den Motiven und Aktionen verbindet IS und RAF der abgrundtiefe Hass auf den Westen und dessen Werte, auf die Gemeinschaft der westlichen Demokratien.

Bleibt die Frage, ob Terroristen tatsächlich überzeugt sind, dass sich der Kampf lohnt, dass sie ihre Ziele erreichen können. Fanatiker waren zu allen Zeiten davon überzeugt, dass ihr Ansinnen richtig und ihre Methoden angemessen sind. Den RAF-Attentätern damals und den Auftraggebern und Drahtziehern des IS heute fehlen jeder Funke von Mitleid, jede Menschlichkeit und jegliches Realitätsbewusstsein. Terroristen waren und sind hasserfüllt und hemmungslos, kaltblütig und größenwahnsinnig – eine unheilvolle Kombination.

„Der Baader-Meinhof-Komplex“

Es gibt gute Gründe, die Geschichte der RAF am 2. Juni 1967 mit dem Tod des Studenten Benno Ohnesorg bei einer Berliner Demonstration gegen den persischen Kaiser beginnen zu lassen. Der Journalist Stefan Aust, einer der besten Kenner der RAF-Geschichte, nennt in seinem Standardwerk „Der Baader-Meinhof-Komplex“ das Kapitel über den Schah-Besuch in Berlin „Der Schock des 2. Juni“.

Die RAF verstand sich als Stadtguerilla, die Rudi Dutschke und der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) – in Anlehnung an Ché Guevara – 1967/68 propagiert hatten. 1971 formulierte die Journalistin und RAF-Anführerin Ulrike Meinhof in einer Schrift „Das Konzept Stadtguerilla“. Fünf Jahre später erhängte sie sich in ihrer Gefängniszelle.

Dass die linke Studentenbewegung Ende der 60er Jahre in den Terrorismus geführt und Dutschke der RAF den Weg bereitet habe, sind allerdings kurzsichtige Schlussfolgerungen, die in den aufgeheizten Debatten vor 40 Jahren in konservativen Kreisen gezogen wurden und oftmals politischen Zwecken dienten. Dutschke hat den RAF-Terror als „reinen Mord“ und „gegen die sozialistische Ethik“ gerichtet verurteilt.

Der „Deutsche Herbst“ 1977 nahm schon im Frühjahr seinen schrecklichen Anfang: Im April und Juli wurden Generalbundesanwalt Siegfried Buback und zwei Begleiter sowie der Chef der Dresdner Bank, Jürgen Ponto, erschossen.

Um RAF-Häftlinge freizupressen entführte ein RAF-Kommando Anfang September den Arbeitgeber-Präsidenten Hanns Martin Schleyer und ermordete dabei drei Leibwächter und Schleyers Fahrer. Die politisch Verantwortlichen – allen voran Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) – gaben nicht nach. Fünf Jahre zuvor hatte sich die Bundesregierung erpressen lassen: Nach der Entführung des Berliner CDU-Politikers Peter Lorenz wurden fünf verurteilte RAF-Terroristen in den Nahen Osten ausgeflogen. Vier von ihnen verübten erneut Terrorakte. Nach dieser Erfahrung blieben die Spitzen von Politik und Justiz zwei Jahre später hart.

Um den Forderungen der Schleyer-Entführer Nachdruck zu verleihen, entführten palästinensische Komplizen der RAF am 13. Oktober eine Lufthansa-Maschine mit 91 Menschen und ermordeten während eines tagelangen Irrflugs den Flugkapitän Jürgen Schumann. Nachdem eine deutsche Anti-Terror-Einheit am 18. Oktober alle Geiseln unversehrt befreit hatte, wobei drei Terroristen starben, töteten sich die drei RAF-Häftlinge Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in ihren Zellen im Gefängnis Stuttgart-Stammheim selbst.

Einen Tag später wurde der Leichnam von Schleyer mit mehreren Kopfschüssen gefunden. RAF-Mitglieder und -Sympathisanten setzten die Legende vom „Mord in Stammheim“ in die Welt, die in äußerst linken Kreisen des In- und Auslands durchaus auf Resonanz stieß.

Sechswöchiger Leidenswef

Schleyers sechswöchiger Leidensweg, den Videos und Briefe der Öffentlichkeit vor Augen führten, und schließlich die furchtbaren Tage für Passagiere und Besatzung der „Landshut“ führten im September und Oktober 1977 zwangsläufig zu der Frage, ob die konsequente Linie der Verantwortlichen in Politik und Justiz, den Forderungen der Terroristen nicht nachzugeben und dabei den Tod der Entführten in Kauf zu nehmen, richtig war.

Hätten sie sich den Erpressern gebeugt, „wäre dies eine Kapitulation vor dem internationalen Terrorismus und die Preisgabe des Rechtsstaates gewesen. Bei einer Abwägung der Rechtsgüter musste die Rechtssicherheit der Bundesrepublik und ihrer Bürger Vorrang haben vor dem Recht Schleyers und der anderen Geiseln auf Leben und körperliche Unversehrtheit“, schreibt der Berliner Historiker Heinrich August Winkler in seiner „Geschichte des Westens“.

In der Auseinandersetzung mit dem Terrorismus gilt unter den Bundestagsparteien bis heute dieser Konsens, dass der Staat nicht erpressbar sein darf.

In den Jahrzehnten seit dem „Deutschen Herbst“ hat sich das Interesse von Medien und Politik, Buchautoren und Filmemachern weitgehend auf die Täter konzentriert. Das Schicksal der Opfer, das unfassbare Leid der betroffenen Familien fand deutlich weniger Aufmerksamkeit. Die allermeisten Angehörigen sind im Laufe der Zeit eher zurückhaltend und leise an die Öffentlichkeit getreten.

Viele leiden bis heute nicht zuletzt unter einem doppelten Schweigen: dem Schweigen der Täter und dem Schweigen der Behörden, denen mangelhafte Sorgfalt und Energie bei der Aufklärung vorgehalten wird.

Schmerz der Familien

In der Frage, wer im einzelnen die Attentäter waren, haben sich die RAF-Mitglieder fast ausnahmslos an ihre mafiöse Schweigeverpflichtung gehalten. Schmerzen und Qualen der zurückgelassenen Familien sind in den vielen Jahren seit den Morden auch dadurch verstärkt worden, dass Täter, Unterstützer und Sympathisanten der Attentäter weitgehend keine Spur von Reue gezeigt, sondern oft genug mit Arroganz und Selbstmitleid über den RAF-Terror gesprochen haben.

Am nachdrücklichsten hat sich Michael Buback, der Sohn des 1977 erschossenen Generalbundesanwalts, jahrelang darum bemüht, die Hintergründe dieses Mordes aufzuklären. Er ist nach wie vor überzeugt, dass die wahren Täter bis heute nicht zur Rechenschaft gezogen und die falschen verurteilt worden sind. Buback macht Justiz und Politik deswegen schwerste Vorwürfe; er fühlt sich von den Behörden im Stich gelassen und stellt 40 Jahre dem Tod seines Vaters fest: „Wir kennen die Täter nicht.“ Der Mord sei nach wie vor unaufgeklärt und werde „auch immer unklarer“.

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