„Charlie Hebdo“ hat so viele Leser wie noch nie

Von: Christine Pöhlmann und Naima Wolfsperger
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Menschen in Paris warteten am Mittwoch schon an den Zeitungskiosken, bevor diese öffneten, um eine Ausgabe des Satiremagazins „Chalie Hebdo“ kaufen zu können. Foto: afp

Paris/Aachen. Es ist die bittere, spöttische und zugleich ungläubige Feststellung der Überlebenden von „Charlie Hebdo“: Die französische Satire-Zeitung „vollbringt seit einer Woche mehr Wunder als alle Heiligen und Propheten zusammen“.

Eine Auflage von fünf Millionen Exemplaren für die neue „Charlie Hebdo“-Ausgabe vom Mittwoch, Schlangen vor den Zeitungskiosken in Frankreich, weltweit Millionen Unterstützer. Eine Woche nach dem blutigen Anschlag auf die Redaktion in Paris ist es ein Wunder, dass die Zeichner und Redakteure von „Charlie Hebdo“ überhaupt eine neue Ausgabe ihrer Zeitung zustande brachten, nachdem acht ihrer Kollegen praktisch vor ihren Augen von islamistischen Attentätern niedergeschossen wurden. Der Zeichner Luz, der nur überlebte, weil er am Tag des Anschlags zu spät dran war, gestaltete die Titelseite – ganz im Geiste von „Charlie Hebdo“ und ohne Rücksicht auf religiöse Befindlichkeiten: Ein weinender Prophet hält dort ein Schild „Ich bin Charlie“, darüber der versöhnliche Text: „Alles ist vergeben“.

Die Mohammed-Karikaturen waren es, die „Charlie Hebdo“ seit dem Jahr 2006 zur Zielscheibe von gewaltbereiten Islamisten machten. Eine neue Ausgabe ohne Mohammed-Karikatur hätte nach dem Blutbad mit zwölf Toten nicht zu dem Blatt gepasst, das unnachgiebig für die Trennung von Staat und Religion, für Toleranz und Meinungsfreiheit kämpft: „Wir haben uns in den vergangenen Jahren ein bisschen einsam gefühlt“, schrieb Chefredakteur Gérard Biard am Mittwoch in der neuen Ausgabe. Aber die Millionen neuen Freunde findet das Blatt, das zuletzt in einer Auflage von 60.000 erschien, auch verdächtig. 700.000 Exemplare wurden den Zeitungshändlern am Mittwochmorgen in Frankreich aus den Händen gerissen, ab dem Nachmittag sollte nachgeliefert werden.

„Ich habe so etwas noch nie erlebt“, berichtete der Verkäufer Malek im eher konservativ geprägten 15. Bezirk von Paris. „Die Leute standen bis zur Ecke Schlange.“ Solche Szenen spielten sich landesweit ab: Schlangen vor den Kiosken schon am frühen Morgen, handgeschriebene Schilder mit „Es gibt keinen ‚Charlie Hebdo‘ mehr“ und enttäuschte Franzosen, die kein Exemplar ergattern konnten. Um 10 Uhr war an allen 27.000 Zeitungsläden die neue Ausgabe ausverkauft. In Bordeaux im Südwesten Frankreichs musste eine Händlerin sogar die Polizei rufen, weil ein Kunde inmitten eines „wüsten Gerangels“ handgreiflich wurde. Im Internet wurde das Blatt, das in Frankreich drei Euro kostet, für tausende von Euro angeboten.

Die Überlebenden von „Charlie Hebdo“ wollen von ihren „neuen Freunden“ keine Ausflüchte, kein „ja, aber“ mehr hören. Als Islamfeinde und Provokateure seien sie gescholten worden, schrieb Chefredakteur Biard. Und fügte hinzu: „All jene, die vorgeben, die Muslime zu verteidigen, indem sie den totalitären religiösen Diskurs akzeptieren, verteidigen in Wirklichkeit ihre Henker.“

Viele kauften „Charlie Hebdo“ aus Solidarität mit der Zeitung, andere schlicht aus Neugier. Auf Grund der hohen Nachfrage soll die Auflagenstärke der neuen Ausgabe jetzt von drei Millionen Exemplaren, die nach dem Anschlag angesetzt wurden, auf fünf Millionen erhöht werden. Geplant ist, das aktuelle Satiremagazin in 25 Ländern und in 16 Sprachen zu verkaufen. „Die Mörder haben ihren Coup vermasselt“, stellte die Journalistenorganisation Reporter ohne Grenzen fest. Hatten die Attentäter doch nach ihrem Anschlag geschrien: „Wir haben Charlie Hebdo getötet!“ Nun aber lebt „Charlie“ weiter – mit einer so großen Leserschaft wie noch nie.

Trotz der hohen Auflage könnte es in Deutschland schwierig werden, eine Ausgabe zu erhalten. Einzelhandel und Vertriebskreise sind gleichermaßen hilflos, wenn es um die Auflagenstärke wie auch um den Erscheinungstag geht. Man erhalte keine genauen Angaben aus Paris, heißt es, man erwarte etwa 10.000 Exemplare für die Bundesrepublik. Die Lieferung werde vom Deutschen Pressevertrieb (DPV) für Donnerstagabend erwartet, verbindliche Aussagen wolle man aber nicht treffen, ehe die Lkw auch vor der Tür stünden. Erst dann wird entschieden, in welcher Zahl die Magazine auf die Verkaufsstellen verteilt werden. Im Einzelhandel sind die Exemplare voraussichtlich am Samstag, 17. Januar, erhältlich und werden wahrscheinlich vier Euro kosten. Verkaufsstellen sind Buchhandlungen an Hauptbahnhöfen und Flughäfen sowie größere Buchhandlungen im Innenstadtbereich.

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