Aachen - Bundeswehr: Acht Millionen Euro für ein aufpoliertes Image

Bundeswehr: Acht Millionen Euro für ein aufpoliertes Image

Von: Sonja Essers
Letzte Aktualisierung:
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Zwölf Rekruten werden während ihrer Grundausbildung in der Marinetechnikschule in Parow bei Stralsund begleitet. Die Szenen sind in der 90-teiligen YouTube-Serie „Die Rekruten“ zu sehen. Das Format kommt jedoch nicht überall gut an. Foto: dpa

Aachen. Um 14 Uhr heißt es Licht aus, ab in die Betten. Während man als Zuschauer noch über den Sinn der Aktion rätselt, freuen sich Julia, Jerome und Nathan über den frühen Feierabend. Der Tag war anstrengend genug, da kann ein Mittagsschläfchen nicht schaden. Ihre Ausbilder sind da anderer Meinung und treffen Vorbereitungen für eine Überraschung. Schnitt.

Nur wenige Sekunden nach dem Erlöschen des Lichtes ist es soweit: Ein schriller Alarm ertönt, im verdunkelten Zimmer stürzen sich die jungen Frauen und Männer von ihren Hochbetten, suchen ihre Kleidung zusammen und rennen so schnell sie können durch das Treppenhaus nach draußen. Schnitt. Bepackt mit einem 25 Kilogramm schweren Rucksack und dem Helm auf dem Kopf startet ein Zwölf-Kilometer-Marsch, dessen Tempo fortan von den Ausbildern gesteigert wird.

Julia ist das zu viel. Sie ringt weinend nach Luft, muss von Jerome und Nathan gestützt werden. Die Truppe funktioniert. Gemeinsam wird das Ziel erreicht. Die Botschaft kommt an. Miteinander, Zusammenhalt, Abenteuer. Es ist das Bild der Bundeswehr – oder zumindest das Bild von der Bundeswehr, das das Verteidigungsministerium nach außen präsentieren möchte. Aber ist diese Szene auch realistisch?

Bis zu einer Million Zuschauer

Julia, Jerome und Nathan sind nämlich keine gewöhnlichen Soldaten. Sie sind die Protagonisten der Serie „Die Rekruten“, die täglich von bis zu einer Million Zuschauern via Smartphone, Tablet oder PC angeschaut wird. In Form einer Reality-Dokumentation werden zwölf angehende Soldaten über die dreimonatige Grundausbildung in der Marinetechnikschule in Parow begleitet.

Die Videos sind täglich auf dem Online-Portal YouTube zu sehen. „Die Serie zeigt, wie aus jungen Menschen junge Soldaten werden. Die Rekruten werden dabei gezeigt, wie sie eine Entwicklung durchleben, ihre Stärken entdecken und an ihre Grenzen geführt werden“, sagt Kapitänleutnant Matthias Gebler von der Pressestelle der Bundeswehr. So weit, so gut.

Das Ziel der Serie: Die Bundeswehr soll für junge Menschen wieder attraktiv werden. Nachwuchs gibt es in der Freiwilligenarmee nämlich kaum noch. Ein Grund dafür: die Aussetzung der Wehrpflicht. Seitdem diese 2011 abgeschafft wurde, starten jährlich rund 9000 junge Menschen eine Karriere beim Freiwilligen Wehrdienst.

2011 war die Zahl mehr als doppelt so hoch (19.400 Soldaten). Gebraucht werden neue Rekruten dringend. Der jährliche Regenerationsbedarf liege nämlich bei 5000 Soldaten. Zusätzlich können bis zu 7500 weitere Freiwillige eingebunden werden, sagt Gebler. Die Internet-Serie soll helfen.

1,7 Millionen Euro lässt sich das Verteidigungsministerium die 90-teilige Webserie kosten, die mit verwackelten Bildern Authentizität erzeugen will. Weitere 6,2 Millionen Euro gibt die Bundeswehr zudem für Werbung im Internet, Radio und mit Plakaten aus. Möglich macht das eine Aufstockung des Personalwerbeetats. Seit diesem Jahr sind dafür 35,3 Millionen Euro im Verteidigungsetat vorgesehen. Eine Steigerung um 18 Prozent im Vergleich zu 2014.

„Gerade weil der Soldatenberuf kein Beruf wie jeder andere ist, müssen wir uns noch mehr als andere Arbeitgeber anstrengen, junge Menschen für eine Karriere bei der Bundeswehr zu interessieren“, sagt Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU). Mit der Serie „Die Rekruten“ habe man offenbar einen Nerv getroffen. Unter dem Motto „Mach, was wirklich zählt“ positioniert sich die Bundeswehr seit dem vergangenen Jahr als attraktiver Arbeitgeber neu.

Kern der Kommunikation sei die sogenannte Arbeitgeberstory. In dieser soll den Zuschauern klar werden, dass man bei der Bundeswehr einen sinnstiftenden und – auch über die Dienstzeit hinaus – qualifizierenden Beruf ausübt. „Man übernimmt Verantwortung und kommt weiter. Die Bundeswehr ist heute eine Freiwilligenarmee, niemand muss mehr zur Bundeswehr kommen, niemand muss bleiben. Darum muss die Bundeswehr auf die jungen Menschen zugehen, um sie für sich zu gewinnen“, sagt Gebler.

Nicht nur von der Leyen ist von diesem Schritt überzeugt. „Insgesamt sind die acht Millionen Euro eine sehr gute und vor allem nachhaltige Investition für uns. Die Serie wird jahrelang auf YouTube zu finden sein. Auch die nächsten Jahrgänge werden sich die Serie anschauen“, sagt Dirk Feldhaus, der Beauftragte für die Arbeitgebermarke der Bundeswehr, in einem Interview, das die Bundeswehr auf ihrer Homepage veröffentlicht hat.

Natürlich liegt die Bundeswehr mit ihrem Werbeetat noch im unteren Preissegment. Große Unternehmen wie Coca Cola (156,9 Millionen Euro), Volkswagen (225,5 Millionen) oder Lidl (205,8 Millionen) haben deutlich höhere Budgets. Zu den Spitzenreitern in der Bundesrepublik gehören 2016 Ferrero (332,4 Millionen) und L´Oreal (298,8 Millionen). Der Unterschied ist jedoch, dass die Firmen Produkte vermarkten, die Bundeswehr hingegen wirbt um Arbeitskräfte. Das ist wohl einzigartig in Deutschland.

Keine Weicheier in der Truppe

Die Serie will jedoch nicht nur um neues Personal werben. Die Verantwortlichen wollen auch mit Mythen aufräumen. „Wer in den 80er und 90er Jahren seine Grundausbildung gemacht hat, erzählt von 20 Kilometer langen Märschen in der Nacht und Liegestützen auf dem Gang. Die heutigen Rekruten gelten als verweichlicht“, sagt Gebler. Damit will die Serie aufräumen.

Auf die Klickzahlen wirkt sich das nicht aus. 3,5 Millionen Menschen haben bisher den Teaser zur Serie gesehen. Die Videos erhalten zwischen 299000 und 961000 Klicks. Ausreißer nach oben ist der Clip mit dem Titel „Erstkontakt Waffe“, den in vier Tagen 1,1 Millionen Zuschauer anklickten. Ein Thema, das polarisiert. Erst vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass die Zahl der minderjährigen Soldaten auf ihren höchsten Wert seit dem Aussetzen der Wehrpflicht gestiegen ist.

Zum 1. November seien 1576 Rekruten jünger als 18 Jahre gewesen, kam bei einer Anfrage der Linke-Fraktion an das Verteidigungsministerium heraus. Danach sei die Zahl der Minderjährigen seit 2011 von 689 auf 1576 pro Jahr gestiegen – mehr als sieben Prozent eines Jahrganges sind demnach minderjährig.

Mit Einverständnis der Eltern können Jugendliche mit 17 Jahren die Ausbildung bei der Bundeswehr antreten. Der Gebrauch von Waffen ist dabei zunächst auf Ausbildungszwecke beschränkt. Wachdienste und Auslandseinsätze dürfen die Soldaten erst ab dem 18. Lebensjahr leisten. In dem Serien-Clip „Erstkontakt Waffe“ steht jedoch – anders als vielleicht vermutet – nicht der Umgang mit der Waffe im Vordergrund. Es fällt kein Schuss, die Waffen werden noch nicht einmal geladen.

Kritiker werfen dem Format deshalb vor, dass die Gefahren des Soldatenberufs in der Serie verharmlost werden. Feldhaus kann das nicht nachvollziehen. „Der Soldatenberuf ist ein sehr besonderer Beruf mit einer besonderen Gefahr. Im Ernstfall geht es um Leben und Tod. Das verharmlosen wir auch nicht“, sagt er. Seit 1992 sind insgesamt 106 Soldaten der Bundeswehr im Auslandseinsatz ums Leben gekommen.

Eine Information, die in der Folge „Mit der Bundeswehr im Einsatz“ eingeblendet wird. In dieser erzählen Ausbilder von ihren Einsätzen. „Der Familie ist bewusst, dass Sachen passieren können, wenn man Soldat ist“, sagt einer der Ausbilder. Dass es im schlimmsten Fall sogar zum Tod kommen kann, wird jedoch nicht thematisiert. Mit Realität hat das nur wenig zu tun.

Und das ist nicht die einzige Kritik, die an dem Format geübt wird. Plakate mit dem Titel „Ab November wird draußen gespielt“ werden von vielen als Provokation empfunden. In Aachen wurde eines dieser Plakate erst am vergangenen Wochenende mit etlichen Protest-Aufklebern versehen. Ob Aktionen dieser Art häufiger vorkommen, konnte die Bundeswehr nicht beantworten. „Wir können natürlich die Beobachtung, dass so etwas ab und an vorkommt bestätigen, jedoch weder sagen, ob es öfters oder ausnahmsweise dazu kommt.“ Dirk Feldhaus hat diesbezüglich eine klare Meinung: „Werbung muss provozieren, wenn sie gut sein soll.“ Damit rege man zum Nachdenken an.

Medienwissenschaftler wie Prof. Frank Hartung, Dozent für Multimediatechnik an der Aachener Fachhochschule, sind überzeugt, dass die Kampagne ein gutes Beispiel für crossmediale Werbung ist. „Das Geheimnis der Serie ist, dass sie sehr gut umgesetzt wurde“, sagt er. Das sehen auch junge Soldaten aus der Region so. „Ich bin überrascht, wie viel Mühe in dieses Projekt investiert wird.

Die Szenen sind realistisch und bringen dem Zuschauer einige wahre Momente näher“, sagt ein Soldat, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Auch in der Pressestelle der Bundeswehr ist man von der Resonanz überrascht. „Die Reaktionen sind groß und die meisten finden die Serie gut. Die Zielgruppe wird erreicht.“ Damit hätte man zu Beginn des Projekts nicht gerechnet, sagt Gebler.

Ob der Hype bis zum Ende der Serie im Januar 2017 bestehen bleibt, wird sich zeigen. Hartung meint: „Ich glaube schon, dass die Klickzahlen zurückgehen.“ Ob die Bundeswehr künftig mehr junge Menschen für den Freiwilligendienst begeistert, ist nicht absehbar. „Wie sich das auf die Bewerbungen auswirkt, können wir noch nicht auswerten“, sagt Gebler.

Ein Ziel hat die Serie schon erreicht: Es wird wieder über die Bundeswehr geredet. „Dieses Konzept ist sehr ausgefeilt. Vor allen Dingen, wenn man sich die bisherigen Kampagnen anschaut, die eher altbacken daherkamen“, sagt Hartung

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