Eschweiler - Bürgermeister von Eschweiler: „Suchen händeringend nach qualifizierten Mitarbeitern“

Bürgermeister von Eschweiler: „Suchen händeringend nach qualifizierten Mitarbeitern“

Von: Joachim Zinsen
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Rudi Bertram (SPD) ist sicher: Der Privatisierungswahn der 90er Jahre rächt sich jetzt. Foto: Archiv

Eschweiler. Der Beamtenbund beklagt das Fehlen von 185.000 Mitarbeitern im Öffentlichen Dienst. Vor allem die Kommunen leiden unter Personalnot. Unser Redakteur Joachim Zinsen sprach darüber mit Rudi Bertram (SPD). Der Eschweiler Bürgermeister ist stellvertretender Vorsitzender des für Personal zuständigen Ausschusses des Deutschen Städte- und Gemeindebundes.

Herr Bertram, geht den Kommunen tatsächlich das Personal aus?

Bertram: Ja, die Städte und Gemeinden suchen schon seit Jahren händeringend nach qualifizierten Mitarbeitern.

In welchen Arbeitsbereichen sind die Lücken besonders groß?

Bertram: Zunächst im Erziehungsbereich. Durch die gesetzlichen Veränderungen wie beispielsweise den Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz oder die U3-Betreuung brauchen wir deutlich mehr Personal. Vor zehn Jahren hieß es noch, in Folge des demografischen Wandels werde es deutlich weniger Kinder geben. Das Gegenteil ist eingetreten. Wir erleben derzeit einen Kinderboom. In Eschweiler beispielsweise wird 2018 der vierte Kindergartenneubau der vergangenen Jahre eröffnet. Auch für die Inklusion brauchen wir mehr qualifiziertes Personal.

Gibt es daneben weitere Bereiche, in denen den Kommunen Mitarbeiter fehlen?

Bertram: Der gesamte technische Bereich – also Hochbau, Tiefbau und der Planungsbereich – bereitet mir zunehmend Sorgen. Da tun sich ebenfalls immer größere Personallücken auf.

Was sind dafür die Ursachen?

Bertram: Immer wenn es der Wirtschaft wie derzeit gut geht, bekommt der Öffentliche Dienst Probleme. Ingenieure, Architekten, Planer oder EDV-Fachleute verdienen in der Privatwirtschaft halt häufig bis zum Doppelten von dem, was in den Kommunen gezahlt werden kann.

Hat der Öffentliche Dienst auch zu wenig ausgebildet?

Bertram: Da gibt es in manchen Kommunen sicherlich Versäumnisse. In den 90er Jahren haben wir einen regelrechten Privatisierungswahn erlebt. Das rächt sich jetzt. Die Verwaltungen wurden damals ausgedünnt, immer mehr Fachbereiche wurden outgesourct. Beispielsweise haben fast alle Kommunen ihre Bauhöfe privatisiert. Deshalb glaubten viele Städte und Gemeinden, künftig weniger Personal nötig zu haben und bildeten kaum noch aus. Jetzt stehen sie vor dem Problem, dass viele Mitarbeiter in Pension oder Rente gehen und nicht durch eigene Nachwuchskräfte adäquat ersetzt werden können.

Wenn das Personal so knapp ist, warum rekommunalisieren dann derzeit viele Städte und Gemeinden vor Jahren privatisierte Aufgabenbereiche?

Bertram: Weil erkannt wurde, dass die Dienstleistungen für den Bürger dann besser sind. Zudem ist es für Städte und Gemeinden in der Regel kostengünstiger, wenn die Aufgaben von ihnen selbst und nicht von Privatunternehmen erledigt werden.

Befürchten Sie, dass der Personalmangel in den kommenden Jahren noch zunehmen wird?

Bertram: Leider Gottes: Ja. Die Kommunen bekommen immer mehr Aufgaben zugewiesen. Zudem ist noch völlig unklar, ob die Digitalisierung und das „papierlose Rathaus“ der Zukunft einen größeren oder geringeren Personaleinsatz nötig machen.

Was bedeutet es für den Bürger, wenn die Personallücken nicht bald geschlossen werden?

Bertram: Das liegt auf der Hand. Alles wird für den Bürger länger dauern, von der Bewilligung privater Bauanträge über die Ausgabe neuer Personalausweise bis hin zur Möglichkeit, sich im Jugend- oder Sozialamt beraten zu lassen.

Sollte es tatsächlich zu Koalitionsverhandlungen zwischen Union und SPD kommen, was müssten beide Seiten vereinbaren, um den Kommunen zu helfen, wieder mehr Personal zu finden?

Bertram: Es gilt, grundsätzlich neu über die Finanzierungsmöglichkeiten für Kommunen und über die Struktur der Besoldungspolitik nachzudenken. Die Arbeitsplätze im Öffentlichen Dienst müssen attraktiver gemacht, die Verwaltungsmitarbeiter wieder mehr wertgeschätzt werden.

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