Berlin/Aachen - Berliner Breitscheidplatz: Amüsement und Gedenken treffen aufeinander

Berliner Breitscheidplatz: Amüsement und Gedenken treffen aufeinander

Von: Naima Wolfsperger
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Ein goldener Riss im Herzen Berlins: Zur Erinnerung an die Opfer des Terroranschlags wird am Dienstag ein Mahnmal eingeweiht. Foto: Wolfsperger, dpa
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Die Polizei-Patrouillen auf dem Weihnachtsmarkt wurden verstärkt. Foto: Wolfsperger, dpa

Berlin/Aachen. Neben zwei schlichten Holzkreuzen, Blumen und Kerzen, die inmitten des Weihnachtsmarktes auf dem Berliner Breitscheidplatz an den Anschlag vor einem Jahr erinnern, steht ein großes beleuchtetes Geschenk aus Draht. Viele Besucher bleiben an dem Geschenk stehen, machen ein Foto und erfreuen sich der Weihnachtszeit. Die Kreuze schräg dahinter, die Blumen und Kerzen bleiben von dort aus oft unentdeckt.

Am 19. Dezember 2016 ist der Tunesier Anis Amri mit einem Lkw in den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche gerast. Zwölf Menschen starben, etwa 70 wurden verletzt, unzählige weitere leiden noch heute unter den Erlebnissen oder dem Verlust eines lieben Menschen. Bisher sind es vor allem die Kreuze mit den Blumen und die Betonblöcke an den Zugängen des Marktes, die an den Anschlag erinnern.

Aachener schuf goldene Narbe

Was den Breitscheidplatz dieser Tage ausmacht, ist die Absurdität des Aufeinandertreffens von Amüsement und Gedenken. Und das soll wohl auch das Mahnmal ausdrücken, das am Dienstag eingeweiht wird: Es bleibt eine Narbe, aber man darf nicht aufgeben.

Dort, wo im vergangenen Jahr noch eine Markthütte stand, wird ein Riss zu sehen sein, der vom Vorplatz der Gedächtniskirche die Stufen hinab bis auf den Breitscheidplatz verläuft. Dieser Riss ist bereits in großen Teilen mit einer goldenen Metallmischung gefüllt. Auf den Stufen vor der Gedächtniskirche sind die Namen der Toten eingraviert und darüber die Widmung: „Zur Erinnerung an die Opfer des Terroranschlags am 19. Dezember 2016. Für ein friedliches Miteinander aller Menschen. In dieser Nacht starben . . .“.

Wie eine goldene Narbe, so die Idee des Architekturbüros HG Merz, soll die goldene Markierung die verletzte, aber heilende Gesellschaft symbolisieren. Gemeinsam mit den Angehörigen soll am Dienstag noch einmal Metall erhitzt werden und das letzte Stückchen des Risses gefüllt, vernarbt werden. Die Füllung stammt vom Aachener Kunstschmied Michael Hammers. „An der Kirche wurde der Riss in die Stufen gefräst, davon ein Abdruck genommen – so wie beim Zahnarzt, und dann wird das Metallgemisch mit Goldanteil geformt und schließlich eingesetzt.“ Die Reaktionen der Standleute seien gut, sagt Hammers. Viele lugen durch die Abdeckungen der Drahtzäune, die das Mahnmal noch umgeben. Hammers geht das Projekt sehr nah. Deshalb sucht er auch das Gespräch mit den betroffenen Standleuten.

Fast alle der Standleute vom vergangenen Jahr sind nach Angaben des Schaustellerverbands wieder da. Auch das zeigt, dass sie sich nicht unterkriegen lassen wollen. Dennoch haben sich die Schausteller auf ein gemeinsames Schweigen geeinigt. Wer zu Beginn des Weihnachtsmarktes vielleicht noch bereit war zu seufzen und zu sagen „was muss, das muss“, dem platzt inzwischen bei den vielen Nachfragen der Kragen: „Können Sie das nicht bei Ihren Kollegen nachlesen?“, fragt einer. „Wir wollen das jetzt endlich mal hinter uns lassen“, sagt ein anderer. Täglich sind Medien da, Schreiberlinge, Radioreporter, Fernsehteams; wie die verstärkten Polizei-Patrouillen sind sie in diesem Jahr Teil des Weihnachtsmarktes.

Einer, der gewillt ist zu sprechen, ist Axel Kaiser. Der Betreiber der Weihnachtsterrasse auf dem Markt hat einen überdachten und beheizten Stand mit Feuerzangenbowle und Glühwein auf den Stufen der Gedächtniskirche. Leicht erhöht konnte er damals auf das Chaos herabblicken. „Ich habe anfangs gar nicht verstanden, dass es sich um einen Anschlag handelt. Ich dachte es sei ein Unfall“, sagt Kaiser ruhig. Sein Stand war an jenem Abend gut besucht. „Wir haben die Gäste zum Notausgang hinausgebeten und unsere Hütte den Sanitätern zur Verfügung gestellt“, sagt Kaiser.

Vor allem Menschen im Schockzustand wurden bei ihm untergebracht. „Aber auch die Sanitäter und Polizisten haben bei mir kurz Erholung gefunden. Ich erinnere mich gut, wie manche von ihnen mit zitternden Händen und Tränen in den Augen kamen. Wie sie sich zusammenreißen mussten, um wieder hinauszugehen.“ Wenn es selbst die Rettungskräfte so hart treffe, sagt er, müsse man auch verstehen, wenn die Standleute nicht sprechen wollten.

Nach dem Anschlag hat Kaiser, im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen auf dem Weihnachtsmarkt, schnell eine Stimme gefunden. Er sprach mit verschiedenen Zeitungen, gab Fernsehinterviews und bedrängte Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einer RTL-Sendung im August dermaßen mit der Frage, wie Amri frei herumlaufen konnte, dass sie ihm versprach, einmal persönlich bei ihm in der Weihnachtsterrasse vorbeizuschauen. Ein Versprechen, dass sie am vergangenen Donnerstag einhielt.

„Nichts kann uns zu 100 Prozent vor einem Anschlag schützen. Daran müssen wir uns gewöhnen – und dürfen nicht in Angst verfallen“, sagt Kaiser. „Wichtig ist, dass der Weihnachtsmarkt gut läuft. Denn das ist eine starke Botschaft: Wir lassen uns nicht unterkriegen! Abends wird hier gefeiert wie eh und je.“

Selbst viele Kindergärten und Schulklassen haben sich ihren Besuch auf dem Weihnachtsmarkt nicht nehmen lassen. Ebenso wenig wie Touristen aus der ganzen Welt und die Berliner selbst. Wie stark der Riss in der Gesellschaft zum Tragen kommt, ist aber nicht leicht einzuschätzen. Vor allem, weil diejenigen, die Angst haben, nicht auftauchen, auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz.

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