Herzogenrath - Autorin Undine Zimmer: „Hartz IV reicht nur in der Theorie zum Leben“

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Autorin Undine Zimmer: „Hartz IV reicht nur in der Theorie zum Leben“

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Undine Zimmer ist Tochter von Langzeitarbeitslosen. Als Autorin will sie Mitgefühl für die Situation sozial schwacher Familien wecken. Foto: Handschuhmacher

Herzogenrath. Sie hat als Kind und Jugendliche von Sozialhilfe gelebt und ein bewegendes Buch darüber geschrieben. Nun war Undine Zimmer im Vorfeld der Solidaritätskollekte mit ihrem Buch „Nicht von schlechten Eltern – Meine Hartz-IV-Familie“ auf Einladung des Bistums auf Lesereise in unserer Region.

Die 36-Jährige sprach mit unserer Redakteurin Christina Handschuhmacher über fehlende Chancengleichheit, das Stigma Hartz IV und ihre Arbeit in einem Jobcenter.

Wann ist Ihnen bewusst geworden, dass Ihre Familie weniger Geld hat als andere Familien?

Zimmer: Es ist nicht so, dass ich als Kind eines Tages plötzlich gemerkt habe: Oh, wir sind ja ärmer als andere. Jedes Kind – und so war es auch bei mir – nimmt die Situation erst einmal so hin, wie sie ist. Aber wenn ich zurückdenke, fällt mir das Faschingsfest ein: Das macht einem Kind eigentlich Spaß, weil es sich ein tolles Kostüm aussuchen kann oder die Mutter Talent hat und etwas näht. Das war bei uns anders. Wir hatten kein Geld für Kostüme. Für mich war Fasching deshalb jedes Mal ein Ereignis, bei dem ich mich unbewusst zurückgezogen habe. Ich habe wahrgenommen, dass ich mich unwohl gefühlt habe. Aber ich habe nie gedacht, das liegt daran, dass wir arm sind.

Sie schreiben in Ihrem Buch, Sozialhilfe sei wie eine „lange, nie enden wollende Diät“. Wie meinen Sie das?

Zimmer: Bei einer Diät hat man viel Appetit auf Dinge, die man sich gerade verbietet. Aber es ist ein freiwilliger Entschluss und man kann die Diät jederzeit abbrechen. Beim Bezug von Sozialleistungen ist es ähnlich – nur ohne die Freiwilligkeit. Es gab ständig Sachen, auf die ich Lust hatte – egal, ob es etwas Besonderes zu essen oder neue Kleidung war. Aber das ging eben nicht, weil das Geld fehlte. Beim Einkaufen mussten wir uns auf die Dinge beschränken, die das Notwendige abdecken. Trotzdem waren wir immer finanziell im Minus. Hartz IV reicht nur in der Theorie zum Leben. Der Regelsatz reicht in der Realität nie für Extraausgaben wie zum Beispiel neue Turnschuhe oder eine Reparatur.

Sind die Vorurteile gegenüber Hartz-IV-Empfängern auch Teil des Problems?

Zimmer: Der Begriff Hartz IV hat durch die öffentliche Debatte eine unglaubliche Schlagkraft bekommen. Hartz IV ist wie ein Stigma, denn es schwingt direkt eine Reihe von Assoziationen mit: Versager, sozialer Abstieg, Armut, katastrophale Familienverhältnisse, Suchtprobleme. Früher hätte niemand gesagt: ‚Ich harze.’ Heute ist das wie ein Lebenskonzept, das man übergestülpt bekommt. Und im Gegensatz dazu suggerieren Medien und Werbung ständig, dass man sich selbst verwirklichen soll. Das ist aber in so einer Situation nicht möglich.

Sie haben es dennoch geschafft. Sie haben Abitur gemacht, waren im Ausland und haben ein Studium abgeschlossen. Zeigt das, dass es die viel zitierte Bildungsgerechtigkeit in Deutschland doch gibt?

Zimmer: Nein, wir haben keine funktionierende Chancengleichheit in Deutschland. Ich hatte das Glück, dass Bildung in meiner Familie einen hohen Stellenwert hatte. Aber ein Kind, das von seinen Eltern nicht in dieser Art und Weise unterstützt wird, geht ein großes Risiko ein, denn es muss sich aus seinem gewohnten Kontext entfernen – ohne Hilfestellung von außen. Immer noch spielt das Elternhaus bei Bildung und Berufswahl eine zu große Rolle. Erst wenn ich zeige, dass ich mich von meinem Weg nicht abbringen lasse, bekomme ich als „Unterschichtenkind“ Unterstützung. Im Studium geht es dann weiter: Alle Studenten sagen, dass sie wenig Geld haben. Aber dann gibt es die, die sich mit ihrem Nebenjob die Weltreise finanzieren, und die, die wirklich jede Schicht brauchen, um Miete und Essen zu bezahlen.

Nach dem Studium waren Sie zuerst freie Journalistin. Seit drei Jahren arbeiten Sie als Arbeitsvermittlerin in einem Jobcenter. Haben Sie dort das Gefühl, dass Ihnen Ihre Herkunft von Nutzen ist?

Zimmer: Im Vorstellungsgespräch dort habe ich gemerkt, dass ich sehr gut weiß, was mich erwartet und mit welchen Menschen ich zu tun haben werde. Und ich hatte Lust darauf. Es ist ein positiver Aspekt, dass ich viele meiner eigenen Erfahrungen in meiner Arbeit nutzen kann. Aber ich arbeite dort in erster Linie als normale Arbeitnehmerin, nicht als Tochter von Langzeitarbeitslosen. Meine Arbeit als Autorin ergänzt das. Wenn ich aus meinem Buch lese, will ich Empathie für die Situation sozial schwacher Familien wecken und zeigen, welche Schicksale oft hinter dem Klischee Hartz IV stehen.

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