"Aquarius": Seenotrettung aus dem „Meer des Todes“

Von: Ines Kubat
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Das rettende Schiff erreicht: Gleich nimmt die „Aquarius“ im Mittelmeer Bootsflüchtlinge auf. Foto: Patrick Bar

Aachen. „Meer des Todes“ nennt Heiko Kauffmann den Seeweg zwischen der afrikanischen Küste in Libyen und Italiens Stränden auf Sizilien oder Lampedusa. Allein im Jahr 2015 seien auf diesem Weg rund 2800 Flüchtlinge ums Leben gekommen oder werden seitdem vermisst, sagt Kauffmann, der nicht nur Aachener Friedenspreisträger, sondern auch Mitbegründer von Pro Asyl ist, im Gespräch mit unserer Zeitung.

Die Menschen, die auf dem Seeweg nach Italien kommen, suchen ihr Heil in Europa und zahlen dafür mitunter den höchsten Preis. Denn die Boote, auf denen sie fahren, sind überfüllt, häufig alt und nicht gemacht für die stürmische See.

Seit Anfang März ist das Schiff „Aquarius“ auf dieser gefährlichen Route zwischen Afrika und Italien unterwegs und rettet Menschen, die auf überfüllten Booten in Seenot geraten und um ihr Leben kämpfen. Die „Aquarius“, die bis zu 500 Menschen aufnehmen kann, ist Teil des zivilen europäischen Projektes „SOS Méditerranée“, das 2015 auf Initiative von Klaus Vogel ins Leben gerufen wurde, der auch auf dem Schiff selbst das Ruder übernommen hat: Vogel ist Kapitän.

Allein in den ersten vier Wochen ihres Einsatzes rückte die „Aquarius“ vier Mal aus, brachte dabei mehr als 600 Flüchtlinge in Sicherheit. „Darunter waren besonders viele Kinder, Schwangere und alte Menschen“, berichtet Kauffmann. Die meisten stammen aus Ländern wie Eritrea, Mali, dem Sudan und anderen afrikanischen Staaten.

Kauffmann hat die Idee von „SOS Méditerranée“ von Anfang an tatkräftig unterstützt: Was vor den Toren Europas geschehe, sei „eine Schande für die zivilisierte Welt“, sagt er mit aller Deutlichkeit. Solange die EU noch darüber diskutiere, wie die Flüchtlingskrise zu lösen sei, während Menschen an den Grenzen zu Europa zu Schaden kommen, wollten die Initiatoren handeln und als Bürger für die gemeinsamen Werte und Ziele von Europa einstehen.

Doch der Einsatz kostet, die Organisatoren sind auf Hilfe aus der Bevölkerung angewiesen: Dem Aufruf, für den Einsatz der „Aquarius“ zu spenden, sind im vergangenen Jahr viele Privatpersonen, Künstler, Wissenschaftler, Schauspieler, Journalisten, Politiker nachgekommen. Auf der Unterstützerliste stehen beispielsweise die ehemalige Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP), der Kabarettist Jürgen Becker, der Autor und Journalist Günter Wallraff sowie der Schauspieler Armin Rohde. Durch Spenden kamen bislang knapp 500.000 Euro zusammen – genug, um das Schiff zu chartern und zunächst bis Ende April für die Seenotrettung einzusetzen. Unterstützung bekommt das Projekt außerdem von „Ärzte der Welt“ und „AWO International“.

Mit einem Team von knapp zehn Leuten plus Ärzten und Krankenschwestern ist die „Aquarius“ zwischen Libyen, Sizilien und Lampedusa unterwegs. Dabei steht sie im ständigen Funkkontakt mit dem Maritime Rescue Coordination Center. Das italienische Einsatzzentrum in Rom wurde nach den Schiffs-Katastrophen vor Lampedusa eingerichtet, bei denen mehrere Hundert Flüchtlinge ums Leben kamen. Es sendet der „Aquarius“ Notruf-Signale, die eilt dann dem kenternden Schiff zur Hilfe.

An Bord werden die Flüchtenden medizinisch untersucht, im Notfall versorgt und dann an die italienische Küste gebracht, entweder nach Sizilien oder Lampedusa, wo sie weiter betreut werden. Der gesamte Einsatz finde in enger Kooperation mit den italienischen Behörden statt, die dankbar für die Einsätze der „Aquarius“ seien, wie Kauffmann berichtet: „Die Bürgermeisterin von Lampedusa hat sich bereits bei Kapitän Vogel für die Hilfe bedankt.“

Vor allem vor dem Hintergrund, dass die Balkanroute kürzlich dicht gemacht wurde, fürchten nun die Helfer vor Ort, dass die Einsätze der „Aquarius“ in den nächsten Wochen und Monaten eher mehr als weniger werden. Tatsächlich gebe es bereits erste Anzeichen, dass die Flüchtlinge nun wieder vermehrt auf den gefährlicheren Mittelmeer-Weg ausweichen, um nach Europa zu kommen.

Und genau deshalb sei „SOS Méditerranée“ auch weiter auf Spenden angewiesen. Denn bisher ist das Projekt nur bis Ende April sicher finanziert. Die Initiatoren zeigen sich aber entschlossen, mindestens bis zum Ende des Jahres mit der „Aquarius“ weiter Menschen zu Hilfe kommen zu können. Perspektivisch sei es das Ziel, eine zivile europäische Seenotrettung zu schaffen. Getreu dem Motto: Was die Politik nicht schafft, machen die Bürger selbst.

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