„Die Bühne ist jetzt wieder ein angstfreier Raum“

Von: Alexander Barth
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Aus der Eifel auf die großen Bühnen Deutschlands: Das Lied „Still“, 2011 der erfolgreichste deutschsprachige Radio-Song, machte Nicholas Müller und seine Band Jupiter Jones berühmt. Anfang 2015 trat seine Angststörung so massiv auf, dass Müller ausstieg – und eine Therapie machte. Foto: dpa

Aachen/Köln. Nicholas Müller hat das hingelegt, was man eine atemberaubende Musikerkarriere nennen darf. Mit der Band Jupiter Jones schafft er in einem Jahrzehnt den Aufstieg aus den Jugendzen­tren der Westeifel auf die großen Bühnen Deutschlands, sein Markenzeichen ist stets die heiser-melancholische Stimme.

Ab 2011 wird der Erfolg immer atemberaubender: Der Song „Still“, meistgespielter deutschsprachiger Radio-Song des Jahres, beschert Jupiter Jones den Musikpreis „Echo“, für ihr erstes Album bei einer großen Plattenfirma bekommt die Band Gold- und Platin-Schallplatten.

Im Frühjahr 2014 gibt Nicholas Müller überraschend seinen Ausstieg bei Jupiter Jones bekannt. Er erklärt ganz offen die Gründe: Seit Jahren plagen ihn Angstzustände und Panikattacken, die ihm so sehr zusetzten, „dass es einfach nicht mehr ging“. Er, der mit seiner kräftigen Statur und den vielen Tattoos immer wie ein Fels auf der Bühne wirkt, wird von der Angst „aus den Schlappen gehauen“.

Der Mittdreißiger Müller gehört zu den mehr als zehn Millionen Menschen in Deutschland, die unter Angststörungen leiden. Nach seinem Ausstieg macht er eine Therapie, lernt, mit der Krankheit umzugehen. Er heiratet und wird Vater. Im Interview mit unserer Zeitung spricht er über seinen Weg aus dem Tal der Volkskrankheit Angst, das erste Album seiner neuen Band Von Brücken und über sein persönliches Eifel-Gefühl.

Sie kommen aus Prüm in der Eifel und haben mit Ihrer früheren Band ab 2002 immer öfter die Region als Reisende in Sachen Musik verlassen. Was bedeutet Ihnen die Eifel heute?

Nicholas Müller: Obwohl ich schon lange nicht mehr in der Eifel lebe, sondern im Münsterland, komme ich gern nach Hause – denn das ist die Eifel bis heute, mein Zuhause. Ich habe unendlich viele gute Erinnerungen, ich hatte eine tolle Kindheit. In der Eifel hat mein Weg als Musiker begonnen, auch der Neustart spielte sich dort ab. Dass meine Krankheit, wenn man so will, in der Eifel ihren Ursprung genommen hat, kann die guten Gedanken nicht wegwischen.

Ihre Krankheitsgeschichte hat also nicht etwa mit dem gesteigerten Ruhm und der großen Aufmerksamkeit, die spätestens ab 2011 um Sie und die Band herrschte, begonnen?

Müller: Nein. Meine erste Panikattacke hatte ich vor zehn Jahren bei der Trauerfeier für meine Mutter. Kurz zuvor war schon meine Großmutter gestorben, beide hatten Krebs. Ich glaube, wenn mir jemand meine Geschichte erzählt hätte, dann hätte ich auch gesagt: Klar, sowas wirft einen total aus der Bahn. Ich bin also kein Opfer des Showgeschäfts. Wenn überhaupt, habe ich mit meinen eigenen wachsenden Erwartungen Druck auf mich selbst ausgeübt. Und mir zu wenige Auszeiten gegönnt.

Was hat die Angst mit Ihrem Körper und Ihrem Geist gemacht? Mögen Sie darüber überhaupt sprechen?

Müller: Ich betrachte die Angst heute aus der Sicht eines Geheilten, deshalb kann ich darüber sprechen. Der Körper suggeriert ständig eine tödliche Bedrohung. Dazu kommt Herzrasen, der Blutdruck schnellt in die Höhe. Alle Sinne arbeiten auf 120 Prozent Leistung, rationales Denken ist nicht mehr möglich. Wenn man nicht vorbereitet ist, damit umzugehen, ist es das Schlimmste, was es gibt. Die Angst hat mir immer wieder das Gefühl eingehämmert, dass ich sterbe, völlig irrational. Das ging so weit, dass ich zig mal den Notarzt gerufen habe. Man musste mir schließlich bescheinigen, dass ich den Tag überstehe.

Gab es Muster oder Auslöser, wann die Angst kam?

Müller: Es konnte überall und immer passieren. Das Tückische ist, dass es kein System, kein Muster gibt. Wenn mich die Angst überkam, war plötzlich alles weg, was Sekunden vorher noch gut war. Ich habe mich auf den Boden gelegt, geheult, gejammert, gebettelt. Da war plötzlich dieses Gefühl, dass alles ein Ende haben wird. Diese Attacken gab es über Jahre hinweg, und sie konnten sich über eine halbe bis Dreiviertelstunde hinziehen. Selten aber, wenn ich mit der Band unterwegs war. Der Tiefpunkt war für mich in dem Moment erreicht, als mich die Angst irgendwann an meinem letzten Fluchtpunkt gefunden hat: auf der Bühne. Wenn wir live spielten, war das über Jahre für mich ein angstfreier Raum. Ich hatte bis dahin nie ein Problem damit, vor zig Tausend Leuten zu spielen.

Was hat sich verändert?

Müller: Mir blieb buchstäblich auf der Bühne die Luft weg, mir wurde schwindelig. Für einen Instrumentalisten ist das womöglich noch irgendwie zu kompensieren. Aber als Sänger hast du verloren. Das ging so weit, dass ich Konzerte nur noch irgendwie überstanden habe. Irgendwann musste ich dann einen Auftritt abbrechen, ausgerechnet auf einem großen Festival. Bis dahin hatten wir mit der Band noch Notfallpläne in der Tasche, falls es mich mal wieder packt – kurze Pausen zum Beispiel. Aber da half nun wirklich nichts mehr.

Ihre Bandkollegen wussten also von der Angststörung?

Müller: Ja, sie wussten schon lange vor meinem Ausstieg davon. Ich rechne es ihnen hoch an, dass sie mir damals geholfen haben, so gut es ging. Sie haben mir auch die Freiräume gegeben, die im Rahmen dieser Bandmaschinerie, die ja immer erfolgreicher lief, überhaupt drin waren. Aber irgendwann ging es eben nicht mehr.

Was hat Sie letztendlich bewogen, die Reißleine zu ziehen – sprich, aus der Band auszusteigen?

Müller: Die Entscheidung ging vor allem auf meine Psychologin zurück, die mich im Münsterland schon länger und ganz wunderbar betreut. Sie hat mich im Frühjahr 2014 vor die Wahl gestellt: Herr Müller, entweder, Sie gönnen sich eine Auszeit, oder ich therapiere Sie nicht mehr. Sie konnte das nicht mehr verantworten. Das hat gesessen.

Nach zwölf gemeinsamen Jahren und stetig wachsendem Erfolg sicher keine leichte Entscheidung, die Band zu verlassen.

Müller: Absolut keine leichte Entscheidung. Aber es war die einzig richtige, um überhaupt Maßnahmen zu ergreifen, damit ich alles wieder in den Griff bekomme. Wir haben uns getroffen, meine Therapeutin war auch dabei, und ich habe gesagt, wie es ist – dass ich nicht mehr so weitermachen kann und will. Zu der Erleichterung kam dann erst einmal die Leere. Schließlich haben wir eine Menge zusammen erlebt. Und ich musste auch meinen großen Traum, als Musiker zu leben, erst einmal begraben. Es tat mir auch leid, den Jungs nicht mehr das geben zu können, was wir alle immer sehr geliebt haben – das „Band sein“.

Wie ging es weiter?

Müller: Ich habe eine klinische Therapie gemacht, die zum Glück erfolgreich war. Ich habe gelernt, die Angst zuzulassen. Denn je mehr man sich dagegen wehrt, desto schlimmer wird eine Attacke. Heute habe ich meine Angst im Griff, ebenso die Depressionen, die mit ihr kamen. Ich bin froh und dankbar dafür. Ich weiß, dass nicht jede Angststörung so gut therapierbar ist.

Glücklich sein – ging das in den schlimmen Zeiten überhaupt noch?

Müller: Oh ja, es gab glückliche Momente. Ich habe meine Frau kennengelernt, als es mir nicht gut ging. Das Beste, was mir passieren konnte. Sie ist immer bei mir geblieben, sie musste damit leben, dass ich sie anflehe, den Notarzt zu rufen, auch wenn es dafür keinen Grund gab. Ich fühle mich heute gesund, auch, weil die Panikattacken weg sind. Ich habe gelernt, mit meiner Angst zu leben. Sie verfolgt mich bis heute, aber ich bin ihr meilenweit voraus. Stehenbleiben darf ich trotzdem nicht.

Sie geben mittlerweile Ihre Erfahrungen weiter – als Schirmherr des Vereins Angst-Hilfe.

Müller: Ich sehe mich da in einer Rolle als Mutmacher. Niemand sollte sich verstecken, niemand sollte und darf allein bleiben, wenn sich eine Angststörung zeigt. Ich sage: Hört auf die Symptome, und sucht Euch Hilfe. Es ist eine Krankheit, und man kann sie behandeln. Das habe ich gelernt, und ich helfe gern dabei, das Bewusststein dafür zu schärfen.

Mit der Genesung kam offenbar auch die Lust an der Musik zurück.

Müller: Lust ist dafür ein zu schwaches Wort. Musik ist mein Leben, sie war auch in schlimmen Zeiten nie weg. Ich kann nichts anderes so gut, und das sage ich nicht ohne Stolz. Die Musik hat mir gefehlt. Und ich bin dann recht schnell dem Impuls gefolgt, meinen Traum wieder zu leben. Mein alter Freund Tobias Schmitz war der Erste, mit dem ich mir einen Neuanfang vorstellen konnte. Wir haben uns getroffen und sehr schnell gemerkt: das passt. Wir haben uns dann auf den M.A.R.S. begeben, einen Hof in der Eifel, wo Thomas D von den Fantastischen Vier eine Wohlfühloase für Musiker geschaffen hat, mit Studio und allem Pipapo. Ein toller Rückzugsort, um kreativ zu leben und zu arbeiten. Dort sind Songs entstanden, die sich einfach gut anfühlen – und die wir nun rausbringen dürfen.

„Lady Angst bittet zum Tanz“, heißt es in einem Song Ihrer neuen Band Von Brücken. War das Thema unumgänglich in Ihrem kreativen Schaffen?

Müller: Ich wollte die Angst bewusst thematisieren. Sie gehört zu meinem Leben, und ich schreibe nun mal über das Leben. Aber ich wollte ihr auch nicht zu viel Platz einräumen, darum nur dieser eine Song zum Thema. Eben so wenig Raum, wie ich es in meinem Leben halten will. Die alte Lady Angst gehört zu mir, aber – so geht es im Text weiter – ich will nie mehr ihre alten Lieder singen.

Im Februar gehen Sie mit Von Brücken auf Tournee. Wie ist das Gefühl im Vorfeld?

Müller: Es herrscht Vorfreude. Wir haben unsere ersten Auftritte absolviert, es fühlt sich wunderbar an. Die Bühne ist jetzt wieder ein angstfreier Raum für mich. Ich weiß aber, dass ich auf mich achtgeben muss, wenn ich in den Musikzirkus zurückkehre. Es gehörte zu meinem Gesundungsprozess, endlich auf mein Inneres zu hören und zeitig zu sagen: es reicht. Ich kenne mich mittlerweile besser und glaube, ich bin gewappnet.

Gerade ist ein Buch erschienen, das Briefe enthält, die Sie mit dem Eifel-Kabarettisten Hubert vom Venn ausgetauscht haben. Ohne Eifel geht es irgendwie nicht, oder?

Müller: Wohl nicht. Hubert ist mein Verbindungsorgan in die Eifel, er weiß immer, was los ist. Ich finde das herrlich. Wir haben uns unterhalten und gemerkt, dass unsere Leben in der Eifel in vielen Aspekten gar nicht so verschieden abgelaufen sind, wie man bei einem Altersunterschied von 30 Jahren meinen könnte. Wir haben unsere Erinnerungen in vielen Briefen geteilt. Zwei Eifel-Biografien in einem, wenn man so will. Ich glaube, mit dem Buch ist ein schönes Eifel-Mosaik entstanden – aus persönlichen Gedanken und Geschichten, wie sie diese Region schrieb und schreibt. Jede Menge Eifelheiten eben.

Gibt es womöglich eines Tages eine Rückkehr auf Dauer?

Müller: Geplant ist das jedenfalls nicht. Ich und die Eifel, das wird wohl weiterhin eine Art Wochenendbeziehung bleiben. Ich habe meine eigene Familie, und mit der habe ich eigene Wurzeln geschlagen. Alles ist gut so, wie es ist.

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