Hamburg - Stuttgarter „Ossi”-Streit als Präzedenzfall

Stuttgarter „Ossi”-Streit als Präzedenzfall

Von: Diana Wild, ddp
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Hamburg. Die Ethnologin Judith Schlehe kann über den „kuriosen” Rechtsstreit am Donnerstag (15. April) vor dem Stuttgarter Arbeitsgericht nur den Kopf schütteln. Die dort im Kern verhandelte Frage, ob die „Ossis” ein eigener Volksstamm sind, ergebe aus wissenschaftlicher Sicht „überhaupt keinen Sinn”.

Schlehe kritisiert: „Hier werden Nationalität und Ethnizität in einen Topf geworfen.” Beides sei aber „auf keinen Fall gleichzusetzen”. Außerdem bezeichne sich die seit vielen Jahren in Westdeutschland lebende Klägerin Gabriela S. doch selbst gar nicht als „Ossi”, sagt die Direktorin des Freiburger Völkerkunde-Instituts. Daher fiele auch das für eine Ethnie wesentliche Kriterium der „Selbstidentifikation” weg.

Gabriela S. hingegen fühlt sich wegen einer abgelehnten Bewerbung als „Ossi” diskriminiert und klagt wegen eines Verstoßes gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz. Sie beruft sich darauf, dass niemand wegen seiner ethnischen Zugehörigkeit benachteiligt werden darf. Daher muss das Arbeitsgericht im Kern darüber entscheiden, ob die „Ossis” ein eigener Volksstamm sind.

Die gebürtige Ostberlinerin Gabriela S. hatte sich im vergangenen Sommer bei einem Stuttgarter Fensterbauer beworben. Sie wurde abgelehnt und vermutet als Grund ihre Wurzeln in der DDR. Auf den zurückgesandten Bewerbungsunterlagen hatte die Firma handschriftlich ein Minuszeichen vermerkt und dahinter das Wort „Ossi”.

Laut ihrem Anwalt Wolfgang Nau ist Gabriela S. schon seit 1988 im Schwäbischen zu Hause. Damals kam die Buchhalterin dank eines Ausreiseantrags in den Westen und ließ sich im Großraum Stuttgart nieder. Die Absage mit dem „Ossi”-Vermerk habe die 48-Jährige schwer belastet. „Sie war wie vor den Kopf geschlagen”, sagt ihr Anwalt. Sie fühle sich „ausgegrenzt und diskriminiert”. Bei der Klage gehe es ihr nicht um Geld, sondern darum, dass anderen solche Dinge nicht passierten.

Der Anwalt findet den Fall auch aus fachlicher Sicht enorm spannend. „Das ist ein Präzedenzfall”, betont Nau, „absolutes Neuland”. Nau würde notfalls bis in die höchste Instanz gehen, „solange die Mandantin vor mir steht”. Sogar beim Bundesarbeitsgericht sei der Fall schon bekannt. „Die würden gerne” darüber entscheiden, gibt sich Nau überzeugt. Eine Sprecherin des Bundesarbeitsgerichts kann dazu auf Anfrage allerdings keine Stellung nehmen.

Naus Widersacher am Donnerstag, der Berliner Anwalt Wolf Reuter, findet die Argumentation mit der Diskriminierung einer Ethnie etwas an den Haaren herbeigezogen. Nau warte mit einer „sehr dünnen” Argumentation auf, warum die „Ossis” ein eigener Volksstamm sein sollten, bemängelt der Anwalt der betroffenen Firma. So sei die Zugehörigkeit zu einem Volksstamm über Generationen vererbbar. Die DDR aber sei nur über eine Generation hinweg isoliert gewesen, führt Reuter an.

Der Anwalt ist „ein bisschen verzweifelt” über den medienwirksamen Aufruhr um den „Ossi”-Vermerk und schildert die Sache als Missverständnis. Es sei schlichtweg „falsch”, dass Gabriela S. wegen ihrer Herkunft abgelehnt worden sei. Der Ausdruck „Ossi” habe sich rein darauf bezogen, dass Gabriela S. in ihrem Lebenslauf nur „DDR-Qualifikationen” vorzuweisen habe, mit denen der Arbeitgeber für die Stelle nur wenig anfangen könne.

Gabriele S. sei die einzige Bewerberin mit ostdeutschen Wurzeln gewesen. Jedoch habe wegen mangelnder Qualifikation auch kein anderer Bewerber den Job bekommen. „Auf allen Bewerbungen steht ein Minus drauf”, betont der aus Stuttgart stammende Anwalt der Firma. Vom „Minus-Ossi” könne also bei Gabriela S. nicht die Rede sein. Das Unternehmen habe außerdem „außerordentlich gute Erfahrungen mit Mitarbeitern aus dem Osten”.

Der Stuttgarter Richterspruch wird nun bundesweit mit Spannung erwartet, das Gericht macht sich für Donnerstag auf einen Medienansturm gefasst. Gabriela S. wird Nau zufolge wahrscheinlich nicht erscheinen. Sie sei „nicht Publicity-geil” und auch „überrascht” von dem Rummel, sagt ihr Anwalt.
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