Zum 100-Jährigen: Kraftakt auf hohem Niveau

Von: Pedro Obiera
Letzte Aktualisierung:
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Himmelstürmende Aufgabe: Beethovens „Missa Solemnis“ präsentierte der Aachener Bachverein unter Leitung von Georg Hage beim Jubiläumskonzert gemeinsam mit dem Aachener Sinfonieorchester, Ars Cantandi, Mitgliedern der Cappella Aquensis sowie den vier Solisten Julia Borchert, Marion Eckstein, Carlos Petruzziello und Raimund Nolte. Das Publikum im voll besetzten Eurogress zeigte sich begeistert. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Zum 100. Geburtstag des Aachener Bachvereins scheut Kantor Georg Hage kein Risiko und setzt mit Beethovens „Missa Solemnis“ und Bachs Messe in h-Moll innerhalb von nur acht Wochen zwei der schwierigsten und anspruchsvollsten Chorwerke der Literatur auf das Programm der 40. Bachtage.

Im voll besetzten Eurogress ging es mit Beethovens einzigem wirklich bedeutenden, wenn auch nicht sonderlich populären geistlichen Werk los.

Erstklassige Chor-Arbeit

Obwohl die „Missa Solemnis“ nach Beethovens eigener Vorgabe „zu Herzen“ gehen soll: Rücksicht auf Künstler und Publikum nimmt er nicht. Von spieltechnischen Schwierigkeiten abgesehen, bereitet Beethovens eigenwillige, in den letzten Lebensjahren in einer fast autistischen Isolation geformte Tonsprache Probleme, die spirituelle Intensität über 75 Minuten aufrechterhalten zu können.

Allen Ausführenden des Aachener Kraftakts ist das weitgehend gelungen. Gewiss hätten auch Profis wie die des Aachener Sinfonieorchesters noch ein paar Proben gut getan, um der „Kriegsfanfare“ im „Agnus Dei“ mehr Schärfe und dem kniffligen Fugato wenig später die nötige Präzision verleihen zu können. Insgesamt erwies sich das Orchester mit seiner schwierigen Aufgabe jedoch als gewohnt zuverlässiger Partner. Von herausragenden Soli wie Felix Giglbergers Violin-Girlanden im „Benedictus“ ganz zu schweigen.

Die „Missa“, mit der Beethoven der zeitgleich entstandenen Freiheits-Ode der 9. Sinfonie eine geistliche „Ode an den Frieden“ zur Seite stellte, dirigierte Hage entsprechend warmherzig. Scharfe Kontraste, sowohl in der Dynamik wie im Tempo, scheute er. Bereits das eröffnende „Kyrie“, in dem Beethoven weniger um Barmherzigkeit bittet, sondern sie selbstbewusst einfordert, erklingt recht defensiv. Dagegen ist angesichts der großen interpretatorischen Freiräume des Werks nichts einzuwenden. Auch nichts gegen die durchweg moderaten und singbaren Tempi. Wenn dann allerdings die Tempi in den ergreifenden Adagio-Einbrüchen des „Incarnatus“ und des „Crucifixus“ nicht extrem zurückgeschraubt werden, verlieren solche Schlüsselstellen, in denen die menschlichen Züge Gottes dominieren und Beethoven die Zeit anzuhalten scheint, ihre ereignishafte Zugkraft.

Keinen Zweifel lässt Hages erstklassige Arbeit mit dem Chor des Aachener Bachvereins zu, der durch Hermann Godlands Ars Cantandi und Mitglieder der Cappella Aquensis verstärkt wurde. Beethovens nicht immer bequemer Umgang mit den Singstimmen bereitete dem nicht nur rhythmisch und intonatorisch sicheren, klanglich opulenten Chor keine nennenswerten Probleme.

Die nahtlose Kette guter Chorleiter im Verlauf der langen Erfolgsgeschichte des Chors zahlt sich aus. Und Georg Hage hat auch an diesem Abend gezeigt, dass er mit seinem Chor sogar himmelstürmende Aufgaben bewältigen kann.

Ausgewogenes Vokalquartett

Nicht vergessen werden soll das erfreulich ausgewogene Vokalquartett mit Julia Borchert (Sopran), Marion Eckstein (Alt), Carlos Petruzziello (Tenor) und Raimund Nolte (Bass). Eine Ausgewogenheit, die in diesem Werk besonders positiv zu Buche schlägt, da Beethoven im Wesentlichen auf große Solo-Passagen verzichtet und die Solisten meist im Ensemble, oft zusammen mit dem Chor agieren lässt.

Ein anspruchsvolles Jubiläumskonzert auf hohem Niveau, auch wenn es die gestalterischen Pro-bleme des singulären Werks nicht ganz vergessen lassen konnte. Begeisterter Beifall. Freuen wir uns auf Bachs Messe in h-Moll am 8. Dezember!

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