Wut auf Männer und Lust auf Theater

Von: Eckhard Hoog
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Beate Kemfert (links), Vorstand und Kuratorin der Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen Rüsselsheim, und Museumsdirektorin Renate Goldmann präsentieren bis zum 2. Juli über 100 Exponate zum Thema. Foto: Anne Wildermann
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Niki de Saint Phalles Markenzeichen, die sie weltberühmt gemacht haben: Drei „Nanas“ gehören auch zur großen Ausstellung im Leopold-Hoesch-Museum

Düren. Sie sind quietschbunt, sie sind üppig, und sie haben eindeutig weibliche Attribute: die tanzenden „Nanas“ der französisch-schweizerischen Künstlerin Niki de Saint Phalle (1930-2002) – Markenzeichen, die sie weltberühmt gemacht haben. Sinnbilder einer selbstbewussten Weiblichkeit, mit denen sie ihre traumatische Kindheit – der Vater verging sich an ihr, da war sie elf – zu überwinden suchte.

Sie allerdings darauf festzulegen, das würde ihr nicht gerecht werden. Die neue Ausstellung im Leopold-Hoesch-Museum Düren beleuchtet erstmals eine bislang unerkannte Leidenschaft im Schaffen dieser Künstlerin: ihre Faszination für das Theater. Die Schau „Niki de Saint Phalle – At Last I Found the Treasure“ zeigt Skulpturen, Reliefs, Papierarbeiten, Zeichnungen und Filme zu ihrer Theaterarbeit, die sich über 13 Jahre, von 1961 bis 1974 erstreckte.

Das Projekt entstand in Zusammenarbeit mit der Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen Rüsselsheim, wo die Ausstellung zuvor gezeigt wurde, der Kunstsammlung Jena und der Niki Charitable Art Foundation in Santee, Kalifornien, sowie zahlreichen privaten und öffentlichen Leihgebern.

Auf sechs Jahre Forschungsarbeit blickt Beate Kemfert, Vorstand und Kuratorin der Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen Rüsselsheim, zurück. Zahlreiche Objekte werden jetzt erstmals öffentlich gezeigt. Bekannt sind noch jene „Schießbilder“, mit denen Niki de Saint Phalle ab 1961 ihre Wut auf Männer und überhaupt auf die Gesellschaft abarbeitet: Leinwände voller Farbbeutel, die zerplatzen, nachdem sie darauf geschossen hat.

Ihre erste Bühnenarbeit entsteht 1966 in Paris, als sie vom Ballettimpresario Roland Petit eingeladen wird, an der Ausstattung für das Ballettstück „L‘Éloge de la folie“ mitzuwirken. Hier kann sie zum ersten Mal ihre Werke einem größeren Publikum präsentieren. Sie ist eine von drei Künstlern, die das Libretto schreiben. Sie selbst entwirft zwei Akte, in denen Tänzer ihre Nanas – sie bestehen aus leichtem Pappmaché – über die Bühne führen. Am Ende zerquetschen die Nanas die verhassten Männer. Beate Kemfert: „Das war ein Riesenerfolg, Paris lag ihr zu Füßen.“

Furore macht Niki de Saint Phalle 1966 mit der provokanten, 29 Meter langen, liegenden, bunt bemalten und über den Schoß begehbaren Frauenfigur „Hon“ (schwedisch „sie“) im Moderna Museet Stockholm. Im Inneren befinden sich eine Bar, ein Kino, ein Planetarium, ein Aquarium und ein Imbissautomat. Eine Ampel regelt den Zugang der Besucher – in drei Monaten gehen 100.000 in den Bauch dieser „Urmutter“.

Der Theaterregisseur Rainer von Diez wird über einen „Spiegel“-Artikel, der sich mit dem „Kolossalweib“ in Stockholm befasst, darauf aufmerksam und ist sogleich davon gebannt. Er lädt die Künstlerin nach Kassel ein, Bühnenbild und Kostüme für seine Inszenierung der „Lysistrata“ von Aristophanes am Staatstheater zu entwerfen. Das Stück ist so recht nach ihrem Geschmack, handelt es doch von griechischen Frauen, die sich gegen ihre Männer und den Krieg verschwören und sexuell verweigern. Die Künstlerin baut für das Stück eine ähnliche „Urmutter“, allerdings mit zehn Meter Länge und vier Meter Höhe längst nicht so groß wie die in Stockholm, und verkürzt auf Rumpf und Schenkel. Plakate, Modelle, Grafiken, Siebdrucke und bislang unveröffentlichte Filme dokumentieren die Kasseler Theaterarbeit.

Ein riesiges, wandfüllendes Szenenbild gibt einen Eindruck von der deftigen Inszenierung, für die Niki de Saint Phalle auch die Kostüme entwarf: Die weiblichen und männlichen Attribute zeichnen sich überdeutlich als „Applikationen“ auf Bikinis und Hosen ab. Das überwiegend junge Premierenpublikum ist total begeistert, indes: Der Skandal bleibt nicht aus. Für alle Beteiligten hätte es nicht besser laufen können: Die Kasseler „Lysistrate“ ist in aller Munde.

Die Faszination für das Medium und seine ungeahnten Möglichkeiten ergreift Niki de Saint Phalle derart, dass sie selbst beginnt, ein Theaterstück zu schreiben: „Ich“. 1968 wird es während der „documenta 4“ aufgeführt. Es dreht sich um ein junges Mädchen, das zuerst seine Eltern umbringt, dann als Sängerin und Rennfahrerin zu Weltruhm gelangt und sich am Ende selbst heiratet.

Penibel formt sie mit knetbarer Masse Modelle – von den Figuren Vater und Mutter, vom Tisch, dem Rennwagen, einem Thron und sogar von dem Bett der Hauptfigur. All das ist jetzt neben Skizzen und Zeichnungen zu sehen. Während dieser Zeit entsteht auch Relief mit ihren typischen Bildelementen: das Liebespaar, die schwangere Nana, eine Badewanne, Sterne – alles vorhanden. 1968 war das Werk ein einziges Mal in einer Galerie öffentlich ausgestellt, fast 50 Jahre später ist es jetzt zum ersten Mal wieder zu sehen. Und die Nanas, die dürfen selbstverständlich auch nicht fehlen, zwei hauseigene kann das Museum selbst beisteuern, eine kommt als Leihgabe.

Eine Liebesgeschichte rundet die Ausstellung ab. Mit Rainer von Diez – ein Künstlername, mit bürgerlichem Namen heißt er Rainer Prinz von Hessen – verband Niki de Saint Phalle mehr als nur die Theaterarbeit. Sie schreibt und zeichnet Bildgedichte, die sie ihm schickt – mit all den poetischen Elementen, die die Träume und die Suche nach einem Schatz ihres „Ichs“ beherrschen: Bäume, Blumen, die Sonne, ein Bett, der Ikarus.

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