Aachen - Wunderbar musiziert, lausig gefummelt

Wunderbar musiziert, lausig gefummelt

Von: Armin Kaumanns
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Starke Sängerdarsteller: Wiel
Starke Sängerdarsteller: Wieland Satter (Don Giovanni), Antonia Bourvé (Donna Elvira) und Astrid Pyttlik (Zerlina, hinten) tragen entscheidend zur großartigen musikalischen Leistung bei. Foto: Wil van Iersel

Aachen. Dass sich das Aachener Publikum eine Operninszenierung nicht gefallen lässt, ist eher eine Seltenheit. Die eindeutigen Buhs nach der „Don-Giovanni”-Premiere lassen darauf schließen, dass Eva-Maria Höckmayr mit ihrer Sicht auf den großen Frauenverführer einen Nerv getroffen hat. Was aber hat so weh getan”

Diese Inszenierung stand unter keinem guten Stern, musste doch zweieinhalb Wochen vor der Premiere die Regisseurin aufgeben, krankheitsbedingt. Chefregisseur Ludger Engels sprang ein: „Der Lappen muss schließlich hochgehen”, zitiert er am Premierenabend die alte Theaterregel, die ihn bewog, das vorgegebene Konzept unter Terminstress zu vollenden. Und so erlebt man im ausverkauften Aachener Theater einen ersten Akt, der eine recht klare Handschrift trägt, und einen zweiten, in dem eine Prise Ironie der ganzen, bekanntlich recht frivolen Angelegenheit ein neues Parfüm auflegt. Ist das Grund zur Panik”

Das Pittoreske ausgetrieben

Nun, streitbar erscheint der recht radikale Ansatz, Mozarts berühmter Oper zumindest das Pittoreske, Anekdotenhafte auszutreiben. Ric Schachtebeck hat dazu wenig heimelig einen Bühnenkasten gebaut, in dem ein Kasten steht. Stilbildend in dieser schlichten Anordnung eines Innen und Außen sind Drehtüren, die die Wände durchlässig machen. Alle Akteure gehen gewissermaßen dauernd mit dem Kopf durch die Wand, jedwede Intimität ist öffentlich.

Hier wirkt Don Giovanni, dieses mächtige Kraftzentrum der Oper, weniger wie ein Unhold denn als Katalysator, an dem die unterdrückten Begierden der Frauen (und Männer) lebendig werden. Schuld und Unschuld, Moral und Unmoral - die Grenzen verschwimmen. Im zweiten Akt werden gar die vermeintlichen Opfer, die Damen Anna, Elvira, Zerlina nebst männlichem Anhang, zu Tätern: Die gemeinsame Meuchelei des Titelhelden hat etwas von Agatha Christies „Mord im Orient-Express”.

Zugegeben, man darf die dreistündige Aktion auf der Bühne mit Recht als eintönig bezeichnen: Auf- und Abtritte ähneln sich doch sehr; so manche Fummelei wirkt in ihrer Keuschheit unbeholfen; die Komtur-Szenen - an und für sich dramatische Höhepunkte der Operngeschichte - haben in grünfahlem Grabeslicht und Hall-Technik für den marmornen Untoten eher etwas Amüsantes.

Auch die Figur des Don Ottavio wirkt eher unfreiwillig komisch. Man darf sich auch an manchen Ausstattungsdetails reiben, etwa an der Ananas- und Schampus-Orgie der finalen Mahlzeit-Szene. Auch an einem Leporello im Feinripp (Kostüme: Julia Rösler) scheiden sich die Geister. Vielleicht hat gerade die im zweiten Akt einbrechende amüsant-ironische Distanzierung vom Regiekonzept Höckmayrs, in der man Engels” Handschrift lesen mag, dem Abend nicht gut getan.

Dem jedoch stehen darstellerisch starke Leistungen gegenüber. Gerade die Frauen sind von einer inneren Kraft beseelt, die man im „Don Giovanni” nicht unbedingt vermutete. Der Titelheld ist mit Wieland Satter, der derzeit auch die Titelpartie in Tschaikowskis „Mazzepa” in Aachen singt - wirkmächtig besetzt. Er verkörpert glaubhaft Selbstgefälligkeit, Sucht nach Nähe, Skrupellosigkeit und in Ansätzen auch Verletzlichkeit. Hrólfur Saemundsson als Leporello betont besonders die Naivität des Dieners.

Als geradezu großartig muss man die musikalische Leistung des Ensembles bezeichnen. Generalmusikdirektor Marcus Bosch zündet schon in der Ouvertüre eine Klangrakete nach der anderen: Fein ziseliertes Holz verschmilzt mit glasklarem, beseeltem Streicherklang, die Pauke drückt auf die Drama-Tube, und alles schwingt und singt ganz wunderbar. Phänomenal später die Aussteuerung des Aachener Sinfonieorchesters im Spagat zwischen Sängerdienlichkeit und emotionaler Tiefenschärfe.

Sehr, sehr ordentlich die Leistung der Solisten und des Chores (Einstudierung: Andreas Klippert); viele Ensembles sind hinreißend flüssig musiziert. Wieland Satter in der Titelpartie nimmt vor allem mit überragender Präsenz für sich ein; Saemundsson ist ein idealer Spielbass für die Leporello-Partie mit reichlich wohlklingenden Registern. Eva Bernard singt die Donna Anna mit bravourösen Koloraturen, dramatischem Timbre, dessen Metall noch glühender, runder werden soll.

Antonia Bourvé beweist - nach ihrem Aachener Gastspiel 2009 in „Lucio Silla” - wieder ihr großes Talent für Mozart. Geradezu entzückend ist Astrid Pyttlik die Zerlina-Partie auf den Leib geschrieben - sie hat das Girren in der Kehle, das die Männer, allen voran ihren Masetto (Pawel Lawreszuk), verrückt macht. Schönes Material bringt, wenngleich nicht immer mühelos, der Tenor Patricio Arroyo als Don Ottavio zum Leuchten. Als Komtur beeindruckt lautsprecherverstärkt Marek Gasztecki.

Am Ende dann liegt Don Giovanni in seinem Blut, während die feine Gesellschaft ausgelassen eine mit mozartscher Jubelmusik dekorierte Freiheit genießt. Friede, Freude, Eierkuchen. Blutverschmierte Servietten in den Ecken. Schampus für alle.

Mozarts Oper „Don Giovanni” mit Eva Bernard als Donna Anna und Patricio Arroyo als Don Ottavio ist noch am 25. Februar, 6. und 19. März, 8., 23. und 25. April, 8., 11., 15., 26. und 29. Mai, 1. und 12. Juni sowie am 14. und 24. Juli im Theater Aachen zu sehen.
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