Würselener Autor Christoph Leuchter schreibt seinen dritten Roman

Von: Jenny Schmetz
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Ein inspirierender Ort: Christoph Leuchter schreibt seinen dritten Roman im ehemaligen Atelier des Künstlers Peter Hodiamont. Foto: Jenny Schmetz
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Skizze an Filzstiften, Wasserglas und Eukalyptus-Pastillen: Christoph Leuchter entwirft eine Szene auf einem karierten DIN-A2-Papier. Foto: Jenny Schmetz

Baelen. Eine Eukalyptus-Pastille im Mund, einen nackten Hintern im Blick, einen rosa Filzer im Griff, eine italienische Opernarie im Ohr und einen leichten Muff-Geruch in der Nase: Christoph Leuchter beugt sich über einen zerkratzten Biertisch und schreibt an seinem dritten Roman – an einem ganz besonderen Ort und mit finanzieller Hilfe der Kunststiftung NRW.

Ein guter Anlass, den Stipendiaten mal bei der Arbeit zu besuchen.

Der Arbeitsplatz: Leuchter sitzt nicht zu Hause in Würselen, sondern im ehemaligen Atelier des Aachener Malers und Bildhauers Peter Hodiamont im ostbelgischen Baelen, einem Dorf, rund 20 Kilometer von Aachen entfernt. Viel Grün und Weite und Stille, okay, mal muht eine Kuh, mal jault ein Betonmischer, aber der Autor findet dort zur Konzentration. Mit Erlaubnis der Hodiamont-Stiftung darf er sich in den früheren Bauernhof immer mal wieder zurückziehen, dort kann er ganz alleine „einfach mal was wegschreiben“, sagt er.

Seine ersten beiden Romane hat er noch zu Hause verfasst, während das eine oder andere seiner drei Kinder zwischen seinen Beinen herumwuselte. Nun wandelt der Schriftsteller durch dieses weit verzweigte Labyrinth, das gleichzeitig Atelier, Werkstatt, Depot, Galerie und Wohnhaus Hodiamonts war, vollgestopft mit wohl an die 2000 Werken aus über 60 Jahren Schaffenszeit, ob Gemälde, Holzschnitte oder Skulpturen im wuchernden Park. „Das kann man hier nur als Gesamtkunstwerk sehen“, meint Leuchter und fragt besorgt: „Sie haben hoffentlich keine Hausstauballergie?“

Die Inspiration: Unter einem feinen Grauschleier liegen Spachtel, Kreiden und Farbtuben, als sei Hodiamont nicht seit über zehn Jahren tot, sondern habe nur mal kurz den Pinsel beiseite gelegt. „Der Ort inspiriert mich“, sagt Leuchter. „Hier lebt einer seine Kunst.“ Er selbst sei ja nicht 365 Tage im Jahr Künstler, sondern auch „Textarbeiter“. Während er bei Hodiamont von „Gesamtkunstwerk“ spricht, sagt er über sich selbst tiefstapelnd: „Ich bin ja so ein Gemischtwarenladen.“ Nicht nur Schriftsteller, sondern auch Musiker und Hochschuldozent.

Sex? „Diesmal kein Thema.“

Mit blauer Mütze, Pfeife und Vollbart schaut ihm beim Schreiben nun dieser Universalkünstler, dieses Unikum Hodiamont über die Schulter – von einem der unzähligen Selbstbildnisse. „Sein pralles Künstlertum stachelt mich an“, sagt Leuchter bewundernd. Der Vater von sieben Kindern galt als „Verehrer der Frauen“ und lebensfroher Gastgeber, prall war sein Leben, prall ist seine Kunst.

Da leuchten neben Sonnen viele bloße Brüste, und über allem thront eine nackte bemalte Schaufensterpuppe, die Leuchter beim Arbeiten vor der Nase aufragt. Ja, bestätigt er lächelnd, Sexualität habe in seinen ersten beiden Romanen eine Rolle gespielt – „ist diesmal aber kein Thema“. Das neue Buch „tendiert ein bisschen zum Jugendroman“, das dürfe auch seine 14-jährige Tochter lesen.

Neben Akten finden sich aber auch viele Skelette, religiöse Themen, Tod und Vergänglichkeit auf den Bildern des ehemaligen Klosterschülers Hodiamont, der mit fast 80 Jahren bei der Arbeit starb und im Atelier aufgebahrt wurde. Übernachten wolle er dort nicht, gesteht Leuchter. „Das ist mir zu gruselig.“ Trotz des leicht morbiden Charmes prangt draußen der Name „Maison Soleil“. Und im „Haus der Sonne“ entsteht keine düstere Geschichte. Nach dem Roman „Amelies Abschiede“, der sich nicht gerade leicht und lustig las, soll Leuchters neues Buch „sonniger“ werden, mit Drive und Witz.

Mit Drive steuert derweil die Opernsängerin im Hintergrund eine Koloratur an. Musik könne inspirieren, sagt Leuchter. Das erzähle er auch seinen Studenten am Zentrum für Kreatives Schreiben der RWTH Aachen: Alles ausprobieren! Vielleicht löst es ja irgendwas aus? Kuschelklassik hätte die Zufallswiedergabe des CD-Players jetzt auch noch im Angebot, aber Leuchter drückt rechtzeitig die Stopp-Taste. Eigentlich finde er nichts schlimmer als Musik im Hintergrund, obwohl Goethe ja beim Schreiben der „Iphigenie“ gerne ein Orchester bestellt habe, um sich anregen zu lassen.

Ja, Leuchter ist einer dieser belesenen Menschen, die für jede Situation ein geistreiches Zitat oder die passende Anekdote einer berühmten Persönlichkeit parat haben, ob Rilke oder Napoleon. Ein Dr. phil. eben. Aber er garniert die Aper­çus mit ironischen Anmerkungen oder einem Grinsen unter den Brillengläsern, dann klingt‘s nicht ganz so hochtrabend.

Da trabt er zwischen zwei Sätzen lieber die fünf Stufen mit dem abgewetzten blauen Teppich hoch, zieht das weiße Laken vom Klavier, komponiert ein wenig oder puzzelt Liedtexte. Denn er ist ja auch Sänger und Pianist. Also irgendwie doch Künstler, aber eben einer, der das Handwerk schätzt. Denn: „Kunst ohne Handwerk ist nur halbe Kunst.“

Die Werkzeuge: Jetzt aber wieder an den Biertisch! So einen, wie ihn andere in Garten oder Festzelt aufklappen. Darauf kein Humpen oder Aschenbecher, sondern ein Wasserglas. Alkohol floss in seinen früheren Romanen reichlich, aber nicht bei deren Entstehung, betont der Autor. Wo Hodiamont früher seine Zigarren kleinschnitt und die Stumpen in seine Pfeife stopfte, lutscht Leuchter heute „Fisherman‘s Friend“. Vielleicht schon eine Marotte, gibt er zu. Er sei empfindlich. Gut bei Stimme müsse er nicht nur als Dozent sein, am Abend steht für den Leiter des Neuen Chors Würselen noch eine Probe an.

Jetzt also klarer Atem, klare Gedanken. Auf dem Biertisch wird sortiert. Links neben dem aufgeklappten schwarzen Laptop liegen ein grauer Ringbuchordner und eine weiße Kladde mit handschriftlichen Notizen, rechts ein kariertes DIN-A2-Blatt und Filzstifte, schwarz, grün, rosa, rot.

Notizbücher nutze er neuerdings. „Liegt vielleicht am Alter“, sagt der 47-Jährige. „Man vergisst öfter mal was.“ Da fällt ihm ein: „Ich bin, glaube ich, mehr Künstler als Bürokrat.“ Unter seinen wohl manikürten Fingern allerdings: Ordnung statt Zetteldurcheinander. Die Finger fallen auf, weil er sie gerne knetet. Greifen, Handschrift sind ihm auch beim Schreiben wichtig. „Je mehr Papier, desto mehr hilft es mir.“

Der Auslöser: Für jeden Text braucht Leuchter eine „Keimzelle“. Zum Beispiel eine Szene. Die „Keimzelle“ für seinen neuen Roman ist eine wahre Begebenheit. Im Radio hat der Schriftsteller ein Feature gehört über einen türkischen Ladenbesitzer, der der Jugend in seinem Viertel Preisrätsel aufgibt. Er hängt Porträts historischer Persönlichkeiten auf und fragt: Wer ist das?

Der große Plan: Der „Keimzelle“ folgt die Konstruktion. Von „Struktur“ und „Form“ spricht Leuchter gerne und breitet dabei die Arme weit über seinem Kopf aus. Die Konstruktion scheint auch durch seinen ersten und zweiten Roman. Der Als-ob-Krimi „Letzter Akt“ rankt sich um das Thema Schuld, erzählt auf zwei Ebenen, in der toskanischen Provinz und in Berlin. In „Amelies Abschiede“, einer „Lügengeschichte“ aus der Sicht einer Frau, fließen die Ebenen kompliziert ineinander, als wolle Leuchter mit dem Leser Karussell fahren.

Und nun „Joseb“, so lautet der Arbeitstitel, nach dem Spitznamen des türkischen Ladenbesitzers, er ist Fan des Komponisten Johann Sebastian Bach und versammelt im West-Berlin Mitte der 90er Jahre 13- bis 14-Jährige um sich. Von dort geht die Zeitreise über verschiedene Stationen bis in die Gegenwart, bis hin zu brisanten Themen wie Fremdenfeindlichkeit oder die Terrormiliz IS. „Der Roman wird deutlich politischer als meine anderen“, meint Leuchter.

Gerade betrachtet er auf dem karierten DIN-A2-Blatt die Konstruktions-Skizze für eine Szene. Inmitten von weitausholenden Buchstaben leuchten in Grün Begriffe hervor wie „Joseb der Schiedsrichter“, „Taktik/Abwehr“ oder „89. Minute“. „Nein, es wird kein Fußball-Roman!“, wehrt der Nicht-Sportschau-Gucker ab, um aber gleich zu erzählen, wie er am Rande der Frankfurter Buchmesse über ein Fußballspiel im Fernsehen zu einem netten Abend mit Günter Grass fand.

Die vielen Varianten: Obwohl der Autor einen Plan hat, verändert er ihn immer wieder. Vom „Korrigieren im Schreiben“ spricht er. „Ich genieße es zu überarbeiten“, sagt Leuchter, der auch als Lektor gearbeitet hat. Sind die ersten beiden Romane noch nach der „Taktik der zehn verschiedenen Versionen“ entstanden, so will der Autor sich diesmal aber „domestizieren“. Jetzt schreibe er linear eine Version, wobei das auch nicht so ganz stimme. Das Stipendium der Kunststiftung NRW habe ihn nämlich veranlasst, nach 70 Seiten „noch mal richtig“ anzufangen.

Die 9000 Euro Förderung flössen in die Haushaltskasse oder würden gespart. Die ersten beiden Bücher „haben sich verkauft“, aber waren „keine Bestseller“, genauere Zahlen will er nicht nennen. Aber von der Schriftstellerei allein könne er mit seiner fünfköpfigen Familie schwer leben. Gut, dass es den Gemischtwarenladen gibt.

127 Seiten hat Leuchter innerhalb eines Jahres schon geschrieben, etwa doppelt so viele sollen es werden. „Ich kann nicht so dicke Bücher“, sagt er, „und vielleicht will ich es auch nicht.“ Seine Zeit lasse das gerade nicht zu, aber er findet es auch „zeitgemäß“, nicht alles auszuschreiben, also etwa nicht wie Fontane eine Figur von oben bis unten in allen Details zu beschreiben, sondern einiges offenzulassen.

Der erste Satz: Zwar weiß Leuchter schon, wie seine Geschichte ausgehen soll, anders als sein geschätzter Kollege John Irving beginne er aber nicht mit dem letzten Satz. Er kenne ihn noch nicht, aber der erste flimmert schon auf dem Monitor: „Der Mann auf dem Bild sah mich an und gleichzeitig an mir vorbei.“ Der Mann ist Diderot. Damit fängt das erste Rätsel an.

Die letzten Fragen: Diderot ist nicht der einzige Philosoph und Dichter, der im neuen Buch eine Rolle spielen wird. Der junge Ich-Erzähler David trägt diesen Spitznamen, neben seinen Freunden Sokrates oder Michelangelo. Diesen deutschen Jugendlichen bringt der türkische Ladenbesitzer mit seinen Rätseln Werte bei. Was ist Freiheit, was Toleranz? Das Ganze wird also eine Art Bildungsroman. Und Leuchter meint: „Ich muss aufpassen, dass das nicht so didaktisch wie eine Broschüre der Bundesregierung klingt.“

Eine weitere Hürde: Sein alternder Ich-Erzähler „erzählt in verschiedenen Tönen“, mal im Slang eines Teenagers, mal als abgeklärter Enddreißiger. Leuchter blickt zu den Tuben und Pinseln. „Das ist so, wie Farben zu mischen, man weiß nicht richtig, was dabei herauskommt.“

100-prozentig weiß Leuchter auch noch nicht, ob sein Roman wieder im Steidl-Verlag erscheinen wird. Dieser habe jedenfalls die Option für die Veröffentlichung, die er bis zum Frühjahr 2017 plant. Anfang 2016 will er mit dem Manuskript fertig werden. „Es sei denn, ich werfe wieder alles über den Haufen“, sagt er und lacht. Auch für die nächsten Jahre hat er genug zu tun. „Keimzellen“ für fünf weitere Bücher habe er schon im Kopf. Und da sprießt noch eine sechste: „Hodiamonts Leben ist so prall, vielleicht ist das auch mal eine Geschichte...“ Bei der Entstehung und Veröffentlichung seines Romans wollen wir den Autor weiter begleiten.

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