„Woyzeck”: Die Zirkus-Combo zupft am Eierschneider

Von: Eckhard Hoog
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Haarsträubend: Philipp Manuel
Haarsträubend: Philipp Manuel Rothkopf spielt den getriebenen Titel-Antihelden Woyzeck. Am Sonntag eröffnet das Theater Aachen mit dem „art musical” nach dem Klassiker Georg Büchners die neue Saison. Die Musik schrieb Tom Waits. Foto: Ludwig Koerfer

Aachen. Vorhang auf: Das Theater Aachen startet an diesem Wochenende mit Vollgas und einem ganz besonderen Bonbon in die neue Spielzeit.

Zuerst präsentiert sich am Samstag traditionsgemäß die ganze Theater-Szene der Stadt mit einem reichhaltigen Programm auf der Bühne (14 Uhr), festlich gekrönt von einer abendlichen Gala (19.30 Uhr).

Zur Eröffnungspremiere am Sonntag (18 Uhr) bietet sich dem Publikum dann ein genialer Wurf, der seit seiner Uraufführung im Jahr 2000 in Kopenhagen auf vielen Bühnen in ganz Europa gefeiert wurde: „Woyzeck” nach Georg Büchners Klassiker in der Version des Dreigestirns Robert Wilson, Tom Waits und dessen Frau Kath-leen Brennan - drei weltberühmte Namen stehen für Konzept, Musik und Songtexte eines Werks, dem Regisseur Wilson ursprünglich die Bezeichnung „art musical” gab.

„Schauspiel mit Musik trifft zu”, meint dagegen Bernadette Sonnenbichler, die das Stück in Aachen inszeniert. Wir sprachen mit der jungen Münchener Regisseurin, die hier bereits zum fünften Mal zu Gast ist, und ihrem Produktionspartner Ludger Singer, der in musikalischer Hinsicht die Fäden zieht.

Die geschundene Kreatur Woyzeck, den Mächten der Gesellschaft hilflos ausgeliefert, wehrt sich - darin in etwa liegt der Kern schulischer Interpretationsmuster des Stücks, den Bernadette Sonnenbichler so allerdings nicht gelten lassen mag.

„Mich interessiert vor allem die Frage, was das Stück mit uns heute zu tun hat”, sagt sie und sieht in der Figur nicht den Schwachen oder gar Autisten, sondern einen durchaus starken Menschen, der gleichwohl ständig ins Bodenlose fällt. Getrieben in einer gnadenlosen Welt und doch stark: „Das ganze Stück ist durchzogen von Sehnsucht, Sehnsucht nach Sinn, Erfüllung, Liebe.”

Motive, bei denen die Musik Tom Waits neben dem Schauspiel zum gleichberechtigten Erzählmittel wird. Ludger Singer: „Sie unterstützt die Aussage ebenso, wie sie sie ironisiert, konterkariert oder sogar angreift.”

Und dabei bleibt diesem „alten Hasen” im Bereich innovativer Musikkreationen mit seinen fünf Mitmusikern auf der Bühne reichlich freie Hand: Waits schrieb keine Partitur, sondern fragmentarische Einzelstimmen, die Improvisationen zwingend herausfordern. Insgesamt kommen 18 Ins-trumente zum Einsatz, um musikalisch eine „sehnsüchtige Melancholie” (Singer) zu verbreiten und dem „Nihilismus des Stücks” (Sonnenbichler) Ausdruck zu geben - neben Schlagzeug, reichlich Blech und E-Gitarre auch Eierschneider, Tesafilmabroller und Luftballons.

Soundmäßig umschreibt Singer den Crossover zwischen Jazz und Klassischer Moderne, harter Rhythmik und romantischer Melodie als „Mischung zwischen angesoffener Zirkuskapelle und Balkankapelle”. Seine „Woyzeck”-Combo hat sich bereits einen Namen gegeben: „Fanfare Tinnitusz”, weiteres Zusammenbleiben nicht ausgeschlossen . . .

Die Titelrolle spielt Philipp Manuel Rothkopf, als seine Freundin Marie ist Nadine Kiesewalter zu sehen.

Am Sonntag ist Premiere. Weitere Aufführungen folgen bis ins nächste Jahr.

Für ihre jungen Jahre hat die nicht einmal 30-jährige Regisseurin und Musikerin Bernadette Sonnenbichler bereits reichlich Preise einheimsen können: 2001 den Ersten Preis im Landeswettbewerb „Jugend musiziert” (Klarinette, Klavier), gefolgt von mehrfachen Auszeichnungen für Hörspielproduktionen.

Der musikalische Leiter Ludger Singer, Jahrgang 1960, arbeitet als mehrfacher Instrumentalist, Komponist, Pädagoge, Studio-, Experimental-, Schulmusiker und Instrumentenbauer - alles europaweit.

Tom Waits wurde als einer der großen amerikanischen Songwriter bekannt, doch in seiner vier Dekaden umspannenden Karriere wirkte er auch in Theater und Film (sowohl als Komponist als auch als Schauspieler), Live-Performance und Literatur. Seine Musik, gleichermaßen gelobt für ihre innovativen Arrangements und Orchestrationen als auch für literarische Innovation, reicht von Country, Blues, Kabarett und Walzer bis zu Gospel, Polka und Märschen.

Robert Wilson ist ein amerikanischer Avantgarde-Regisseur, der auch als Theaterautor, Bühnenbildner, Lichtdesigner, Choreograph, Maler und Architekt tätig ist. In seiner beeindruckenden Karriere arbeitete Wilson mit Künstlern wie Philip Glass, William S. Burroughs, Tom Waits und David Byrne zusammen.

„Woyzeck”-Premiere im Theater Aachen: Sonntag, 18. September, 18 Uhr. Weitere Aufführungen: 24., 30. September; 2., 7., 13., 15., 22., 28. Oktober; 5., 13. November; 3., 7. Dezember; 6., 15. Januar.

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