Wolfgang Beckers Lebensmotto lautet: Unruhe stiften!

Von: Eckhard Hoog
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Wolfgang Becker

Aachen. Er ging mit Künstlern fröhlich in den Puff. Im Ludwig Forum ließ er ausgewachsene Tiger übernachten, dass es dort am Ende stank wie – na, eben wie in einem Tigerkäfig. Im Ballsaal des Alten Kurhauses prangte in seinen anarchischsten Tagen ein lesbischer Liebesakt, und die sadomasochistischen weiblichen Schaufensterpuppen in Gestalt von Tisch, Stuhl und Kleiderständer waren auch nicht ohne.

Seine Eskapaden sind legendär – dabei ist der Mann durch und durch seriös. Ganz schön unangepasst vielleicht – aber immer mit Stil: Wolfgang Becker. 21 Jahre lang leitete er in Aachen die Neue Galerie – Sammlung Ludwig, zehn Jahre als Gründungsdirektor das Ludwig Forum in der ehemaligen Schirmfabrik. Am kommenden Montag wird er 80 Jahre alt.

Provokation als Antriebsfeder

Gerade ist er dabei, einen Vortrag zum 100. Geburtstag der Dada-Bewegung vorzubereiten. Revolte und Provokation als Antriebsfeder: In dieser Tradition sieht sich der gebürtige Hannoveraner durchaus selbst – und mit Vergnügen. „In dem Zeitgeist bin ich aufgewachsen“, sagt er. Konventionen sind dazu da, zertrümmert zu werden – im Neo-Dada der 60er Jahre mit ihrer Geburtsstunde des Happenings und des Aktionismus fußt auch sein Kunstverständnis: „Kunst hat immer den Charakter von Experiment.“ Und: „Unruhestiftung – das ist meine Lebensüberzeugung.“

„Sich streiten, gelegentlich Gesetze brechen, nackt auftreten: Das gehört zu meiner Generation dazu.“ Genau die richtige Einstellung, um mit 34 Jahren ab 1970 ein jugendliches, vorwiegend studentisches Publikum mit Performances und „lockeren Sitten“ an den Barocksaal im Alten Kurhaus zu binden.

Über Jahrzehnte hat Becker die Begegnung mit zeitgenössischer Kunst in Aachen nachhaltig geprägt – als rechte Hand des Kunst- und Schokoladen-Magnats Peter Ludwig. Neue Galerie und Ludwig Forum wurden zu Umschlagplätzen für immer neue Erwerbungen des weltreisenden Sammlers – Becker immer an seiner Seite. Gerne erinnert der sich an die Zeit – und bedauert alle seine Nachfolger, die ohne den vor Enthusiasmus nur so sprühenden Mann auskommen müssen. „Ludwig war ein unglaublich aktiver Mensch.“ Und 1996 mit 71 Jahren viel zu früh gestorben. „Ich hätte das noch gerne viel länger weitergemacht“, sagt Becker.

Als Werbeleiter am Verkehrsamt Köln hatte der Aachener Sammler Becker kennengelernt – daraus entstand eine Freundschaft, die immer enger wurde. Beide ergänzten sich: Ludwig kaufte ein, Becker inszenierte die Kunst. Die fensterlose Brücke über der Komphausbadstraße, heute die „Klangbrücke“ als Aufführungsort für Konzerte, war das Schaufenster für Ludwigs Erwerbungen, der Ballsaal im Alten Kurhaus die aktionistische Spielwiese. „Es war damals ganz leicht, Künstler für einen Auftritt dort zu engagieren“, erklärt Becker. Freejazzer zum Beispiel. Oder die just gegründete Düsseldorfer Band Kraftwerk, um in Aachen 1970 den 200. Geburtstag von Beethoven elektromusikalisch zu begehen.

„Er ging mit einer spaßhaften Haltung, als Kaufmann an die Sache heran. Da ging es vor allem darum, die Preise zu drücken“, erzählt Becker von Ludwigs Einkaufsreisen. Und so erlebte er die Ausbreitung seines Imperiums ganz hautnah mit. „Das ist unwiederbringlich und wenig vergleichbar“, sagt er, „der Millionär und der kleine städtische Angestellte . . .“

Heute freut er sich, wenn er zum Beispiel das Ludwig Museum in Koblenz besucht und all die Einbauten wiedererkennt, die er selbst geplant hat.

Die „Weltkunst“-Idee

Indessen nahm Ludwigs „Weltkunst“-Idee mit der Zeit die Ausmaße einer messianisch beseelten Völkerverständigungsvision an – sie bestimmte ab 1991 auch die Programmatik im Ludwig Forum, dem Nachfolge-Institut der Neuen Galerie. Kuba, Afrika, Moskau, Australien, China, Rumänien, Korea, Indonesien, Vereinigte Arabische Emirate – genau in dieser Reihenfolge inszenierte Becker eine Vielfalt von spannenden kunstgeografischen und international vielbeachteten Themenausstellungen wie „Natural Reality“, „Continental Shift“, „Kunst und Werbung“.

Das alles bereichert von zahlreichen Veranstaltungsprojekten, die Rick Takvorian drumherum zauberte. Becker: „Das war ein Riesenprogramm“, begleitet von der bundesweit richtungsweisenden Museumspädagogik einer genialen Irmgard Gercke. „Aber da ist heute ja schon wieder viel zusammengestrichen worden“, bedauert Becker auch in dieser Hinsicht seine Nachfolger.

Und so wurde die ehemalige Schirmfabrik an der Jülicher Straße unter seiner Ägide von 1991 bis 2001 das zentrale Instrument für die Vision von einer weltumspannenden Kultur- und Kunstgemeinde, die es nur zusammenzuführen gelte. „Das war eine andere Zeit“, sagt Becker.

Im Moment schreibt er an einem Buch, einer Monografie über den Aachener Künstler Eric Peters. Dessen monumentales Bild „Kaiserwalzer“, das ihn immer noch fesselt, hat Becker dazu inspiriert. Und er freut sich überhaupt, dass die Kunst in Aachen aktuell so schöne und auch international beachtete Früchte trägt. Namentlich nennt er Helge Hommes, der seit 2012 in Leipzig ein zweites Atelier unterhält.

Und was wünscht sich der Jubilar zu seinem runden Geburtstag? Becker denkt kurz nach – Gesundheit natürlich und „ein harmonisches Umfeld“. Das sichert ihm die Familie mit Ehefrau Sonja und Sohn Jakob. „Die Familie habe ich ja spät gegründet“, sagt er, amüsiert lächelnd. Mit knapp 60 fing das Leben für ihn noch einmal ganz anders an . . .

21 ist Jakob jetzt und politisch sehr aktiv. Der Vater hat ihm kürzlich einen Flug nach Lesbos gesponsert. „Ihr redet immer nur viel, fahr doch mal hin und sieh es dir an“, hat er seinen Sohn ermuntert, die Lage der Flüchtlinge unmittelbar zu erleben. Becker: „Das hat ihn sehr geprägt.“

Und dann ist da noch der 20-jährige Efrem aus Eritrea. Die Familie Becker hat den jugendlichen Flüchtling als Patenkind angenommen über das Projekt „Aachener Hände“, das für junge Flüchtlinge, die ohne ihre Familie in Aachen leben, Patenschaften vermittelt. „Efrem ist wie ein zweiter Sohn für mich“, sagt Becker. „Wir haben ihn in einer Bäckerei untergebracht.“

In Aachen bekam Wolfgang Becker seine große Chance, hier ist er heimisch geworden und freut sich nun auf die vielen Freunde, mit denen er den Geburtstag feiern wird. Zeit zum Nachdenken findet er in seinem Arbeitszimmer: „Von da aus habe ich einen wunderbaren klösterlichen Ausblick.“

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