„Wohnen. unter glas“ in den Aachener Kammerspielen

Von: Eckhard Hoog
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Premiere am 15. März 2013 in der Kammer des Theaters Aachen. Probenfoto. Ensemble.
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Überragend: (von rechts) Johanna Falckner, Tim Knapper und Katja Zinsmeister in „wohnen. unter glas“ im Theater Aachen. Foto: Carl Brunn

Aachen. Leben Bühnenwerke nicht eigentlich vom gesprochenen Wort? Vom Gesagten? Nicht unbedingt. Der Österreicher Ewald Palmetshofer, Jahrgang 1978, beweist mit seinen Stücken, dass das Ungesagte, die zur Hälfte verschluckte Sentenz, der nur angebrochene oder der abgebrochene Satz, der Ein-Wort-Satz, rhythmisch wiederholt, womöglich mehr über die Protagonisten aussagen kann als jede Folge edel formulierter Ausdrucksgefüge.

Sein „hamlet ist tot. keine schwerkraft“ wurde 2008 zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen. In den Kammerspielen des Theaters Aachen hatte am Freitagabend „wohnen. unter glas“ Premiere, entstanden 2006. Darin versucht eine Generation, ihren Standort zu bestimmen: die der Anfang Dreißigjährigen.

Babsi und Jeani warten auf Max. Irgendwo. In einem Raum. Leer. Gelbe Wand. Fenster, Türen – eigentlich nur rechteckige Aussparungen. Irgendwann wird klar: Es handelt sich um ein Hotel. Nach Jahren treffen sie sich wieder – jene drei, die während ihres Studiums gemeinsam eine WG bildeten. Im flüchtigen Jargon streifen sie reflektierend ihre Lage. Die jetzige und die damalige. Sie mühen sich redlich, Klarheit zu gewinnen, sie kämpfen geradezu darum – doch ahnungsvolle Erkenntnisse münden stets nur in unvollendete Sätze.

Sie erinnern sich. An frühe Ideale, linke Positionen, an Gemeinsamkeiten, die einen Lebensabschnitt lang zusammenschweißten, aber eigentlich doch gar keine waren. Auch an Intimes, Gefühle, an Gekuschel und natürlich auch an Sex, für den der Autor bei seinem sonstigen Hang für Fragmentarisches eine überraschend drastische Deutlichkeit findet.

Aber sie sprechen, ohne miteinander zu reden. Monologisierend oder im Duett. Vereinzelte Menschen, die nicht mehr zusammenkommen können, womöglich nie wirklich zusammen waren – wie befangen, sich rechtfertigen zu müssen. Wer macht so etwas? Doch nur derjenige, der tief im Inneren spürt, dass eigentlich alles falsch gelaufen ist.

Konsequent setzen Marion Schneider-Bast und Bühnenbildnerin Vesna Hiltmann in der Inszenierung das Material an Figuren und Sprache, das der Autor ihnen bietet, szenisch adäquat und sinnfällig um: keine Handlung, keine Psychologie, nur Gedanken von Menschen, die spüren, dass im Grunde schon alles vorbei ist. „Zenit überschritten“, sagt Max. Liebe, eine rettende Botschaft, der Messias, Erfolg, Sicherheit, Zweisamkeit, Glück, Konsum – vor lauter Zielen, Heilsversprechungen und Möglichkeiten gingen Orientierung und Identität vollkommen verloren. Keiner wohnt in sich.

Die Regisseurin setzt ganz auf die Macht dieser wirkungsvollen Kunstsprache und auf Darsteller, denen es auf imponierende Weise gelingt, mit solch spärlichem Material tiefe Emotionen über die Rampe zu bringen.

Johanna Falckner, Katja Zinsmeister und Tim Knapper konzentrieren sich auf sprachliche Gesten und geben einer unter die Haut gehenden Leere Ausdruck. Außerdem beherrschen sie auf geradezu artistische Weise diesen so virtuosen wie hochkryptischen Text. Grandios! Sehr viel Beifall.

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