Wladimir Kaminer stellt neues Buch „Onkel Wanja kommt“ vor

Von: René Blanche
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Freudiger Spötter: Wladimir Kaminer.

Aachen. „Den Brei, den es im Kindergarten gab, konnte ich nicht ausstehen! Wir lebten aber in einer Gesellschaft der leeren Teller, nichts durfte auf dem Teller übrigbleiben. Deshalb habe ich den anderen Kindern Geschichten erzählt, und die haben dafür meinen Brei aufgegessen.“

Wladimir Kaminer, der Geschichtenerzähler, landete vor über zehn Jahren mit seiner Erzählsammlung „Russendisko“ einen Bestseller, der im vergangenen Jahr mit Matthias Schweighöfer in der Hauptrolle verfilmt worden ist. Das wissen bereits viele. Aber wer ist dieser Mann, der nach der Wende von Moskau nach Berlin übersiedelte und sich heute gerne selbst als reisender Geschichtenerzähler vorstellt?

Am 30. Mai ist er in Aachen und stellt sein neues Buch „Onkel Wanja kommt“ vor. Darin bekommt der Autor selbst Besuch von seinem Onkel aus Russland – eine hochunterhaltsame Reise durch die Nacht mit vielen Überraschungen und Erinnerungen. Grund genug, ihn vorher einmal persönlich kennenzulernen.

In seiner Heimat, der ehemaligen Sowjetunion, so erzählt Kaminer, habe man noch in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts große Hoffnungen in den technischen Fortschritt gesetzt. Wollte eine zweite Sonne in Form einer Weltraumsonde ins All schießen, mit der man der Sowjetunion stetigen Sonnenschein bescheren sollte. Das große Problem dabei war jedoch, dass alle Mitarbeiter dieses Projektes, sich ein Stück von diesem hoch entwickelten, leuchtenden Material mit nach Hause genommen hatten. „So gibt es zwar heute keine zweite Sonne am Himmel, aber die Hose von meinem Onkel leuchtet“, erzählt er mit augenzwinkerndem Lächeln. Um jenen Onkel geht es auch in seinem neuen Buch.

Diese Geschichte steht für die ganze Arbeit des heute 45-jährigen Schriftstellers. Kaminer – das ist stets der Griff nach der geliebten Vergangenheit, nach dem, was längst nicht mehr ist und nicht mehr sein wird, sowie das hochamüsante Hadern mit dem, was heute aus all den hochfliegenden Träumen der Vergangenheit in der Gegenwart geworden ist. Kaminer liebt die Vergangenheit und die Geschichten. Auf die Frage nach dem Warum wird er ein wenig nachdenklich: „Das Schreiben ist mein Versuch, mit der Tragödie des Lebens umzugehen.“

Es scheint, als therapiere er sich selbst – und seine Leser gleich mit – bei dem Versuch, der heutigen Realität trotz aller unerfüllter Glücksversprechen der Vergangenheit stets etwas Liebevolles, Lebenswertes abzugewinnen – fast immer mit hochkomischen Widerständen und lustigen Missverständnissen. „Was hatte man sich nicht alles vom technischen Fortschritt versprochen? Das Bereisen des Weltraums, ein längeres Leben? Und was ist heute aus alledem geworden? Ein Smartphone!“, urteilt er mit freudigem Spott.

So ist auch sein neues Buch „Onkel Wanja kommt“ eine dieser Geschichten, die, wenn es nach dem Autor geht, die Zeiten überdauert. „Prächtige Häuser verfallen zu Staub. Autos werden zu einem Aschenbecher verarbeitet. Das Einzige, was am Ende von uns Menschen übrigbleibt, sind die Geschichten – wenn sie gut erzählt sind.“ Und das kann er, das ist seine Passion.

Auf ein Wiedersehen mit Aachen freut er sich sehr in Erinnerung an eine mit viel Enthusiasmus zubereitete Gänsekeule, die ihm vor Jahren einmal in dieser „alten und liebenswerten Stadt“ serviert worden war. Und Aachen kann sich auch freuen, auf einen Geschichtenerzähler von Weltklasse – vielleicht ja der Stoff für eine weitere Geschichte.

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