„Wir tragen mit Stolz den Namen Ludwig“

Von: Eckhard Hoog
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Als Student war er einst der Assistent von Museumsdirektor Marc Scheps in Köln, heute ist er selbst der Chef des Museums Ludwig: Yilmaz Dziewior, Deutscher mit türkischem Vor- und polnischem Nachnamen, Sohn eines Türken und einer Polin, legte eine Traumkarriere hin. Foto: Thomas Brill
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Der Mann hat den Durchblick: Der gebürtige Bonner Yilmaz Dziewior (50) ist seit dem 2. Februar der neue Direktor des Museums Ludwig in Köln. Für unseren Fotografen posiert er hier und peilt die Lage durch ein Werk von Donald Judd hindurch. Im Interview spricht Dziewior über seine persönlichen Wurzeln und seine beruflichen Pläne. Foto: Thomas Brill

Köln. Er hat einen türkischen Vornamen, einen polnischen Nachnamen, ist Deutscher, wuchs in Bonn auf, studierte in London und promovierte über den Aachener Baumeister Ludwig Mies van der Rohe: Yilmaz Dziewior.

Da kommt erstaunlich vieles zusammen, was auf den ersten Blick ziemlich disparat erscheint. Seit dem 2. Februar ist der 50-Jährige der neue Direktor des Museums Ludwig in Köln. Der Kunsthistoriker und Archäologe war denkbar schnell berufen worden, nachdem der Schweizer Philipp Kaiser im Februar 2014 bereits nach gut einem Jahr sein Amt aus familiären Gründen niedergelegt hatte. Wir sprachen mit Yilmaz Dziewior.

Sie kennen das Haus schon seit langem?

Dziewior: Genau. Ich habe hier schon als Student arbeiten dürfen und an zwei Tagen in der Woche die Sammlung inventarisiert. Parallel dazu war ich Ihr Kollege sozusagen, habe unter anderem für die „Bonner Rundschau“ geschrieben und war der Köln-Korrespondent für „Artforum“ und andere Kunstfachzeitschriften. Dann wurde die Stelle des Assistenten des Direktors frei, und Marc Scheps fragte mich, ob ich nicht sein Assistent werden wollte. So habe ich ab 1997 hier auch Projekte wie die große Ausstellung „Kunstwelt im Dialog“ mitbetreut.

Eine persönliche Frage: Ihre Wurzeln liegen in Bonn, was man an dem Namen nicht so ohne Weiteres direkt erkennen kann . . .

Dziewior: Mein Vorname ist türkisch. Mein Vater hat in Bonn studiert, dort meine Mutter kennengelernt. Sie haben nicht geheiratet . . .

Ihr Vater ist Türke . . .

Dziwior: Ja. Ich bin aber nicht bei meinem Vater aufgewachsen, sondern bei meiner Mutter. Deshalb habe ich den Nachnamen meiner Mutter, Dziewior, und der ist polnisch. Und ich spreche leider nur Deutsch und Englisch.

Haben diese internationalen Wurzeln Sie möglicherweise geprägt?

Dziewior: Bestimmt – allein dadurch, dass man bei dem Namen ja immer mit diesen Erwartungen konfrontiert wird. Damit bin ich auf mich selbst zurückgeworfen auf die Frage: Wer bin ich denn eigentlich? Meine intensive Beschäftigung mit dem, was man kulturelle Identität nennt, wurzelt bestimmt auch in diesem autobiografischen Moment.

Fühlen Sie sich womöglich auch zwischen verschiedenen Kulturen verortet?

Dziewior: Interessanterweise in der Abstraktion ja, wenn ich es theoretisch betrachte. Emotional ist das anders. Ich habe in London studiert, da war ich Anfang 20 und habe gemerkt, wie deutsch ich eigentlich bin, wie ich das Essen vermisse, die Kultur, die Sprache. Dass ich mich gefühlsmäßig doch hundertprozentig mit Deutschland identifiziere.

Was hat Sie ganz besonders gereizt, das Amt des Direktors hier zu übernehmen?

Dziewior: Ach, das waren viele Aspekte. Ich komme aus dem Rheinland, war fünfzehn Jahre weg, freue mich jetzt einfach, wieder hier zu sein und auch die Leute zu verstehen auf unterschiedlichen Ebenen. In Hamburg ist die Mentalität eine andere, in Österreich auch wieder ganz anders. Hier habe ich schon das Gefühl, besser zu verstehen, wie die Menschen denken, und kann ganz anders interagieren. Hauptanlass war aber ganz ohne Zweifel das Haus mit dieser absolut fantastischen Sammlung und auch die Geschichte des Hauses. Da gibt es im Moment für mich nichts Würdigeres oder Spannenderes, als diese Geschichte fortschreiben zu können. Ich bin ein sehr großer Fan seit Studienzeiten von dem Museum Ludwig gerade auch aufgrund dieser unglaublichen Sammlung: die Pop-Art, die Russische Avantgarde, dieses riesige Picasso-Konvolut. In jedem dieser drei Punkte ist das Haus absolute Weltspitze. Die jetzt alle unter einem Dach zu haben, das ist schon etwas ganz Besonderes.

Welches Motiv leitet Sie als Erstes bei Ihrer Arbeit?

Dziewior: Durch mein Interesse an Themen der kulturellen Identität, denke ich, dass ich das Haus auch so positionieren werde, dass wir auch mit Künstlern aus Afrika, Asien und Lateinamerika arbeiten. Die erste Ausstellung, die ich hier betreuen darf, ist die von Danh Vo, einem vietnamesischen Künstler. Damit will ich ganz bewusst ein Zeichen setzen. Was wir auch jetzt vermehrt in die Öffentlichkeit bringen wollen, ist, dass Peter und Irene Ludwig schon sehr früh Kunst aus Afrika gesammelt haben, aus Asien, Kuba, Südamerika. Noch bevor der Begriff populär wurde, prägte Ludwigs Sammlung eine frühe Globalität.

Liegt das Motiv, außereuropäische Kunst zu zeigen, in der Sammlung begründet, oder gibt es darüber hinaus Gründe?

Dziewior: Hier kommen drei Dinge zusammen: einmal mein subjektives persönliches Interesse, auch durch meine Sozialisierung, dann die Sammlung, die das aufweist, und natürlich die gesellschaftliche Entwicklung. Politik und Wirtschaft denken und agieren global, da ist die Kultur natürlich keine Ausnahme. In dem Sinne spiegeln und begleiten wir eine Entwicklung, die der Status quo ist.

Als Peter Ludwig Kunst aus Taiwan und Kuba nach Aachen brachte, da ist er mindestens belächelt worden. Dann verschwand das weitgehend im Depot. Kann es sein, dass dieser Teil der Sammlung unterbewertet ist?

Dziewior: Einzelne Exponate mit Sicherheit, auf jeden Fall. Das wollen wir wieder in den Focus rücken. Wenn ich jetzt mit Danh Vo anfange, macht es Sinn, auch die Künstler aus Asien und Lateinamerika wieder aus dem Depot zu holen.

Was sagt uns vietnamesische Kunst?

Dziewior: Das Interessante bei Danh Vo ist, dass man Ihre Frage, wenn ich das so sagen darf, schon hinterfragen muss. Denn inwieweit ist die Kunst von Danh Vo überhaupt eine vietnamesische Kunst? Ich würde sagen, dass er sich mit seiner eigenen kulturellen Identität auseinandersetzt. Er ist in Vietnam geboren, dann als Bootsflüchtling aufgegriffen worden von einem dänischen Frachter, die Großeltern sind nach Deutschland gebracht worden, die Eltern und er nach Dänemark. Später hat er in Deutschland am Städel studiert. Ist seine Kunst nun vietnamesisch?. Was man auf jeden Fall sagen kann: Er beschäftigt sich mit Prämissen der vietnamesischen Kunst, mit der Geschichte seines Herkunftslandes und das nicht aus einer Grille heraus, aus einer fixen Idee, sondern weil er einen direkten Bezug dazu hat. Das ist für mich das Spannende.

Kasper König nannte die Pop-Art immer die Erkennungsmelodie des Hauses. Würden Sie das auch so formulieren?

Dziewior: Das ist ein sehr schönes Bild, aber das ist eine Melodie in einem ganzen Orchester. Das ist das Tolle, dass wir mit der Russischen Avantgarde eine große Bassstimme haben und mit der Fotografie vielleicht die Violine – Sie merken, ich bin kein Musikfachmann.

Sie sind in Köln in der glücklichen Lage, die Sammlung ausbauen zu können. Das werden Sie doch sicher auch verfolgen?

Dziewior: Darin war ich schon involviert. Ende des letzten Jahres haben wir eine Arbeit der jungen koreanischen Künstlerin Haegue Yang erworben. Außerdem ein Bild von Kai Althoff, den ich sehr schätze.

In welche Richtung wird das weitergehen?

Dziewior: Wir werden die Stärken der Sammlung ausbauen. Wir haben in Deutschland mit einer Million Euro im Jahr einen der größten Ankaufsetats, das hört sich nach viel Geld an, ist es auch. Jedoch wenn wir die Preise bedenken, etwa von Gerhard Richter und sogar von jungen Künstlerinnen und Künstlern, relativiert sich diese Größe.

Das setzt sich aus verschiedenen Positionen zusammen.

Dziewior: Genau, wir bekommen 500 000 von der Ludwig-Stiftung und 500 000 von der Stadt Köln. Die Ludwig-Stiftung gibt diese 500 000 auch nur, wenn die Stadt Köln ihren Beitrag leistet. Die Pop-Art kann ich davon natürlich nur noch schwerlich ergänzen, ebenso die Russische Avantgarde. Wir sind im Übrigen ja nicht nur ein Museum des 20., sondern auch des 21. Jahrhunderts. So kaufen wir sehr früh Werke von Künstlern, die später viel teurer werden.

Wenn Sie Künstler für Ausstellungen aussuchen – welche Rolle spielen dabei gesellschaftspolitische Themen und Probleme?

Dziewior: Fundamentale! Weil das per se Fragen sind, die mich umtreiben. Die bemerkenswertesten Positionen sind im weitesten Sinne die, die sich mit gesellschaftpolitischen Fragen auseinandersetzen. Das spiegelt sich dementsprechend auch in unserem Programm wider.

Wie wichtig ist die Ludwig-Stiftung für das Haus?

Dziewior: Wir tragen ja nicht nur mit Stolz den Namen Ludwig im Namen unseres Museums, die Ludwig-Stiftung ist ein sehr essentieller Partner für uns, Gottseidank ist der Verhältnis sehr gut zur Ludwig-Stiftung. Sie ist deshalb ein wichtiger Partner, weil wir uns auf sie verlassen können. Wir haben natürlich auch andere Sponsoren, aber die sind nie so permanent dabei wie die Ludwig-Stiftung. Sie hilft uns sowohl beim Ankauf als auch bei den Wechselausstellungen.

Wie schätzen Sie die Position des Museums ein? Es gab ein Defizit im letzten Jahr, Sie haben auf einem Ausgleich bestanden.

Dziewior: Gewisse Grundprämissen müssen herrschen, schließlich kann ich nicht zaubern. Es muss schon gewährleistet sein, dass wir handlungsfähig sind. Ich habe mir in meinem Vertrag ausgehandelt, dass das strukturelle Defizit des Hauses angegangen werden muss.

Der Etat müsste höher sein . . .

Dziewior: Genau. Das ist ganz klar zu benennen: Es sind die Kosten für Strom und Bewachung. Deshalb haben meine Vorgänger Defizite gemacht. Die waren ja keine schlechten Haushalter, aber wenn man mit einem defizitären Budget ins Rennen geht, kann man nicht arbeiten. Das waren relative lange Verhandlungen. Es muss allerdings immer wieder erneut durch den Haushalt gehen.

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