„Willkommen“ im Grenzlandtheater mit Schwung frisch umgesetzt

Von: Sabine Rother
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Das Ensemble spielt ausgezeichnet eine Inszenierung, die zum Nachdenken – und Lachen – anregt. Foto: Kerstin Brandt/Grenzlandtheater

Aachen. Kerzenlicht, fünf Leute an einem Holztisch, Tiramisu auf den Tellern, Weißwein, ein roter Kühlschrank und ein paar Bierkästen in der Ecke: Mit ihrem Stück „Willkommen“ greifen Lutz Hübner und Sarah Nemitz zur imaginären Videokamera und zoomen sie heran – die Charaktere in der Nobel-Wohngemeinschaft.

Es ist prinzipiell ein banaler Ausschnitt aktueller gesellschaftlicher Strukturen, der im Grenzlandtheater Aachen locker flockig über die Bühne geht. Doch was spielerisch und ein bisschen genervt beginnt, nimmt plötzlich Fahrt auf.

Was passiert? Beim traditionellen WG-Essen berichtet Benny (Sebastian Schlemmer), dass er für ein Jahr als Dozent nach Amerika eingeladen ist und in dieser Zeit sein Zimmer Flüchtlingen zur Verfügung stellen will. Die Mitbewohner sollen entscheiden. Fotografin Sophie (Anna Scholten) ist euphorisch, sonnt sich in Bennys Lob. Ihr hat der reiche Papa die Wohnung gekauft. Das wird noch wichtig.

Doro (Aline Hochscheid) sagt „Nein“, weil sie sich in ihren persönlichen Freiheiten bedrängt sieht und Belästigungen fürchtet, Jonas (Ryan Wichert), Banker in der Probezeit, der sogar beim WG-Treff Krawatte trägt, fürchtet um seine Ruhe und Anna (Sarah Härtling), die jüngste Bewohnerin, wird von persönlichen Problemen belagert: Sie ist schwanger, was die anderen jetzt erst erfahren. Mit dem Kindsvater Achmed (Omar El-Saeidi) kommt gegen Ende des Stücks, das ohne Pause gespielt wird, eine Wendung hinzu.

Klar, sicher, unaufgeregt

Regisseurin Anja Junski, zugleich Dramaturgin des Hauses, pflegt einen klaren, sicheren und unaufgeregten Regiestil. Sie führt die Gestalten so lange zueinander, bis sich deren wirkliche Tiefen selbst entlarven, sorgt immer wieder für Bewegung und kleine Aktionen, lässt Slapstick aber auch stille Momente der Sprachlosigkeit zu. Das wirkt alles so normal, dass es einem fast unheimlich ist. War man nicht selbst auch schon in einer solchen oder ähnlichen Runde? Tom Grasshof hat ein angenehmes Bühnenbild geschaffen, das eine große helle Wohnung samt Balkon in bester Lage suggeriert, wo sogar noch ein Basketball-Korb Platz hat.

Sebastian Schlemmer steuert den Gutmenschen Benny hin zu einem Mann, der sich gern verdrückt, der zunächst großmütig auftrumpft, dann aber ganz klein wird. Jonas Ryan Wichert entwickelt komisches Talent mit seinen biederen Reaktionen, auch Sarah Härtling ist kurios verzweifelt, schreckhaft und unsicher. Später wird sie als Anna die einzige Glückliche sein. Das ist schön gemacht. Aline Hochscheid zeigt in ihrem druckreifen Credo gegen Toleranz als Doro arrogante Eleganz, die brüchig wird. Anna Scholten offenbart in Sophie das zerbrechliche Glück einer reichen, nicht mehr ganz so jungen Tochter, die versucht, Kinder- und Beziehungswunsch niederzuringen.

Alles, alles kommt hoch in der sich verdichtenden Diskussion, alte Wunden brechen auf, neue, unbequeme Einsichten sind unübersehbar. Das Publikum lacht, fühlt sich unterhalten. Sogar dann noch, als Achmed daherkommt, den Omar El-Saeidi mit viel Ironie verkörpert. Dem „Willkommen“ versetzt gerade er einen tüchtigen Dämpfer. Insgesamt eine Inszenierung mit Schwung, die zum Nachdenken anregt.

Das Stück ist nicht gerade preisverdächtig, aber Anja Junski hat es gemeinsam mit einem ausgezeichneten Ensemble äußerst frisch umgesetzt.

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