Wie Udo Jürgens im Eurogress ein großes Wir-Gefühl schafft

Von: Grit Schorn
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Ein großes Herz fürs Publikum: Udo Jürgens im Eurogress. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Die erste Rose, die ihm überreicht wird, lässt den Künstler fast schüchtern wirken. Kann man diese „bezaubernde Verlegenheit”, wie eine begeisterte Konzertbesucherin in der Pause sagt, eigentlich imitieren?

Udo Jürgens jedenfalls spielt im ausverkauften Aachener Eurogress nicht nur bravourös auf der Klaviatur seines Piano, sondern auch auf der der Gefühle. Glücklich beugen sich Damen jeden Alters auf den oberen Rängen des Eurogress über die Brüstung, und unten am Rande der Bühne macht der Künstler viele Menschen glücklich, indem er ihnen immer wieder die Hände drückt.

Auch wenn er nicht nur Liebeslust, sondern auch Liebesleid besingt, geht viel Lebensfreude und Hoffnung von diesem Mann aus, der ein grandioses Wir-Gefühl zu schaffen weiß. „Der ideale Kanzler-Kandidat”, feixt später ein älterer Besucher im Foyer: „Wenn das die SPD gewusst hätte...”

Wirklich schon 75?

Dank großzügigem Beamer haben alle Zuschauer freien Blick auf das farbenprächtige Spektakel. „Einfach Ich” heißt das neue Programm des 75-Jährigen, das der langjährige Freund des Aachener Konzertveranstalters Hubert Geulen charmant unterläuft, indem er immer wieder einzelne Musiker oder Interpreten vorstellt. Natürlich muss Jürgens seine sozialkritischen „Oldies” wie „In diesem ehrenwerten Haus” oder „Aber bitte mit Sahne” intonieren, aber er hat auch so aktuelle Songs im Gepäck wie „Tanz auf dem Vulkan”, ein Lied, das sich engagiert mit Umweltthemen auseinandersetzt.

Besonders stark reagiert das weibliche Publikum auf den agilen Troubadour, der - schlank wie eh und je - in dezent-elegantem Dress die Herzen betört. Und natürlich dürfen die Tässchen mit Kamillentee nicht fehlen...

Doch was wäre Udo Jürgens ohne „seine” tolle Band? Das Orchester Pepe Lienhard ist weit mehr als eine gefällige Begleitung für den alterslos scheinenden, in Österreich geborenen Star, der zu Beginn seiner Karriere als linkischer Jungspund durch Gaststätten tingelte und sich vor mehr als vier Jahrzehnten bereits als Entertainer, Chansonsänger und Komponist etabliert hat.

Der Bigband-Sound und Jürgens´ immer noch erstaunliche Stimmkraft lösen Beifallsstürme aus. Seine Zwischentexte etwa zur Finanzkrise wirken ungekünstelt, oft kabarettistisch - und kommen an. Der unverwüstliche Charmeur bringt auch raffiniert Neues und Älteres zusammen: „Uns Udo” ist ein genialer Wiederaufbereiter seiner eigenen Lieder. Was ihm niemand übel nimmt, denn es klingt echt und gefühlsstark.

Auch Selbstironie ist Jürgens´ Stärke: Mit einem seiner Sänger beginnt er zu steppen, obwohl er das „gar nicht kann”. Imposant wie der Auftakt gerät auch das Finale: Farbenspiele ergießen sich über den Beamer, Jürgens dirigiert und tanzt ein wenig, der strahlende Sound erfüllt den Europasaal bis ins letzte Eck. Und plötzlich sind alle in New York, der „Stadt, die niemals schläft”. Denn das ist Jürgens´ Stärke: Ein Lied wie „Ich war noch niemals in New York” ist eine richtige Erzählung, die Geschichte eines Mannes, der sich beim Zigarettenholen überlegt, ob er nicht einfach ausbüxen soll, eben mal zum Flughafen, irgendeinen Flug wird´s schon geben über den großen Teich...

„Schenk mir noch eine Stunde” singt Udo mit sinnlichem Tremolo und muss noch viele Zugaben geben. Doch dieses „Bühnentier” braucht das Publikum und „verschenkt” sich liebend gerne. Das Publikum verlangt immer wieder nach ihm, aber auch der Künstler braucht das Gefühl, gebraucht zu werden.

Eine richtige Liebesbeziehung ist das, wenigstens für einen Abend. Keine gefährliche Affäre, eher eine stimmige Freundschaft: „Ich lass euch alles da”. Das klingt fast wie ein Vermächtnis des Mannes, der am Ende - natürlich traditionell im weißen Bademantel - ganz alleine auf der Bühne abschwoft.
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