Wie kleine Kinos ums Überleben kämpfen

Von: Hermann-Josef Delonge
Letzte Aktualisierung:
9959654.jpg
Ohne Leidenschaft geht’s nicht: Christoph Kalinowsky in „seinem“ Kino in Heinsberg, dem Roxy. Foto: H.J. Delonge

Heinsberg. Fragt man Christoph Kalinowsky, ob er seine Entscheidung, ins ziemlich kalte Wasser zu springen, je bereut hat, erntet man einen verständnislosen Blick. „Nein, zu keiner Zeit. Für mich ist ein Lebenstraum in Erfüllung gegangen“, sagt er.

Seit gut anderthalb Jahren betreibt der 36-Jährige das Roxy-Kino im Zentrum von Heinsberg – und ist aktuell Teil jener David-gegen-Goliath-Bewegung, mit der Kinos in kleineren Städten einen – zugegeben – Mini-Aufstand gegen den Weltkonzern Disney proben.

Es geht dabei um den in der vergangenen Woche angelaufenen Blockbuster „Avengers: Age of Ultron“ und die Miete, die die Kinos dafür zahlen müssen. Disney hat die Miete für die kleineren Kinos flugs und sehr kurzfristig von 47,7 auf 53 Prozent des Eintrittspreises erhöht – den Betrag, den die Kinos in großen Städten – und damit größerem Einzugsgebiet – auch zahlen.

Der Boykott gegen Disney

Kalinowsky hat sich über die Kurzfristigkeit der neuen Auflage – die noch einige Punkte mehr beinhaltet als „nur“ die Miete – sehr geärgert. Und darüber, dass Disney die betroffenen Kinos vorher nicht konsultiert hat. Deshalb hat er sich, wie Kinos mit insgesamt knapp 700 Leinwänden in gut 190 Kommunen Deutschlands auch, entschieden, die „Avengers“-Superhelden um Captain America, Thor und Iron Man auszuschließen – wohl wissend, dass er sich damit ins eigene Fleisch schneidet, weil er auf einen umsatzstarken Film verzichtet.

Trotzdem: „Die Aktion hat vielleicht nur Symbolcharakter, aber sie ist notwendig“, beharrt Kalinowsky, der Realist genug ist, um zu wissen, dass Disney garantiert nicht einlenken wird, nur weil ein paar Kinos in der deutschen Provinz den Film boykottieren. Aber: „Andere Verleiher beobachten diese Auseinandersetzung sehr genau. Sie sollen wissen, dass wir bereit sind, uns zu wehren. Das hält sie vielleicht davon ab, Disney nachzuahmen.“

Kalinowsky weiß: Sollten die Verleiher die Filmmiete flächendeckend erhöhen, müsste er mehr Eintritt verlangen. Die Frage ist, ob die Besucher bereit sind, das zu akzeptieren. Denn Kinos stehen generell unter hohem Konkurrenzdruck, seitdem man auch aktuelle Filme sehr bequem und in hoher Qualität auch zu Hause sehen kann – DVDs, Blu-rays, Streamingdienste machen es möglich. Der Chefredakteur der Fachzeitschrift „Cinema“, Artur Jung, beobachtet deshalb einen Schwund beim jungen Publikum – gerade auf dem Land. „Es wird schwierig, die jungen Leute dazu zu motivieren, ins Kino zu gehen“, sagt er.

Die Konsequenzen aus dieser Entwicklung lassen sich in Zahlen fassen: Es gibt immer weniger Städte und Gemeinden, die überhaupt noch über ein Kino verfügen. „Das ist die Zahl, die am meisten Sorgen bereitet“, sagt der Leiter der Statistischen Abteilung und Marktforschung der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (SPIO), Wilfried Berauer. „Denn die Erfahrung zeigt: Wo ein Kino verschwindet, kommt so schnell nicht wieder eins hin.“

Wer also die Leute ins Kino locken will, muss schon ein ganz besonderes Erlebnis bieten – mit Sesseln, die mindestens so bequem sind wie zu Hause, einer Leinwand, die größer ist als der eigene Flachbildfernseher, 3D-Technik und ausgeklügeltem Soundsystem. Dass das teuer ist, erfuhr auch Christoph Kalinowsky, als er das Roxy und zwischen März und September 2013 umfangreich renovierte. Dazu gehörte auch die Technik, auf die Kalinowsky, der lange technischer Leiter im Aachener Apollo war, bevor er in seine Heimstadt Heinsberg zurückkehrte, viel Wert legt.

Er installierte modernste digitale 4K-Projektoren in allen drei Sälen, dazu neue Tonprozessoren und Verstärker. 3D gibt es nun in zwei Sälen. „Insgesamt haben wir 350.000 bis 400.000 Euro hineingesteckt, davon allein 260.000 Euro in die Technik“, rechnet Kalinowsky vor. Auch wenn es dafür rund 100.000 Euro an Fördermitteln gab: Diese Summen muss ein Kino wie das Roxy mit seinen insgesamt knapp 290 Plätzen erst einmal einspielen.

Es funktioniert, sagt Kalinowsky. „Unser Kino trägt sich ganz knapp über den Verkauf der Kinokarten“ – was in der deutschen Kinoszene eher selten ist. Dass dies in Heinsberg gelingt, hat mehrere Gründe: Da ist der Pächter selbst, der an sieben Tagen im Kino – unterstützt von einer, manchmal zwei Aushilfen – arbeitet und sich um alles kümmert. Da ist eine relative günstige Miete, weil die Frau des Gebäudebesitzers mit in der Betreibergesellschaft sitzt – das Ehepaar hatte das Kino lange Jahre selbst geführt. Und da ist die Leidenschaft von Kalinowsky, der gelernter Schreiner ist, dann in Aachen studiert hat und über einen Aushilfsjob im Apollo gelandet ist – und dort hängen blieb. Bis er die Chance bekam, ein eigenes Kino zu führen. Wie gesagt: ein Lebenstraum.

40.000 Besucher kamen im vergangenen Jahr ins Roxy, mehr als die Betreiber kalkuliert hatten. Das entspricht ziemlich genau der Einwohnerzahl von Heinsberg. Das Kino hat Kooperationen mit Schulen und der Volkshochschule geschlossen, bietet in der Reihe „Auslese“ auch Arthouse-Filme an („die Heinsberger sind dafür offen“), setzt bei der Filmauswahl sonst allerdings selbstverständlich eher auf den breiten Publikumsgeschmack – mit einem großen Angebot für Kinder.

„Man muss sich etwas einfallen lassen, um die Leute aus dem Wohnzimmer zu holen. Mir ist um die Zukunft jedenfalls nicht bange“, sagt Kalinowsky und schwärmt vom Kino als Ort der Kultur, der die Flucht vor dem Alltag ermöglicht und ein tiefes Gemeinschaftserlebnis. Nostalgisch? Sentimental? Vielleicht. Aber so ist es nun mal, wenn im Saal das Licht ausgeht.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert