Westernhagen in Köln: Musikalisch so gut wie noch nie

Von: Bernd Schuknecht
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Klebrig romantisch, politisch
Klebrig romantisch, politisch platt, aber musikalisch gut: Marius Müller-Westernhagen vor 10.000 Fans in Köln. Foto: Thomas Brill

Köln. Selbst beinharte Fans hatten ihn als Armani-Rocker bespöttelt, als sich ein nur noch blasiert wirkender Marius Müller-Westernhagen Ende der 90er Jahre aus den Rock-n-Roll-Stadien verabschiedete.

Damals wollte er den rechten Zeitpunkt zum Abgang nicht verpassen, nicht als ewiger „Theo” irgendwann peinlich wirken, was ihn durchaus geehrt hätte. Doch wenn ein überaus umtriebiger Mensch plötzlich privatisieren will, kommt es häufig anders, als man denkt, und Westernhagen hatte sich nie wirklich von der Musik verabschiedet.

Vor drei Jahren ließ der Wahl-Hamburger mit Düsseldorfer Wurzeln mit dem Album „Williamsburg”, das er in New York mit dortigen Studio-Cracks aufgenommen hatte, aufhorchen, und zwei Jahre nach der Tour ist er derzeit wieder mit „Hottentottenmusik” unterwegs. Gut 10.000 jubelnde Fans begeisterte der 63-Jährige, bei dem nur die Stirnfalten - die Augenfalten sind von dunklen Sonnenbrillengläsern kaschiert - das wahre Alter verraten, in der Kölner Arena.

Selbst wenn manches der Westernhagen-Attitüde zwischen Macho-Charme, klebriger Romantik und pauschaler Polit-Demo sicherlich kritisch gesehen werden kann, rein musikalisch präsentierte sich der beste Westernhagen aller Zeiten.

Zum pünktlichen Beginn um 20.30 Uhr geben die Gitarren von Brad Rice und Markus Wienstroer Vollgas. Mit „Der braune Mann”, krachender Polit-Rock nach dem Muster des Kinderlieds „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann”, liefert Westernhagen eine musikalische Breitseite gegen das Neo-Nazi-Unwesen. Damit auch ja jedes Wort ankommt, wird der Text auf die Rückwand der Bühne projeziert.

Leider geht einiges von der musikalischen Protestenergie verloren, weil einige Lautsprecherboxen sich offenbar am MAD orientiert haben und ihren Dienst zeitweilig nicht nach Vorschrift versehen. Mit „Schweigen ist feige” folgt anschließend die nächste politische Botschaft, und später kündet „Lichterloh”, dessen Eindringlichkeit der des Doors-Klassikers „The End” nahekommt, im Hinblick auf die Situation im Nahen Osten noch von bedrückender Aktualität.

Der dünnbeinige Westernhagen tänzelt jaggermäßig über die Bühne, stolziert wie der Obergockel und braucht nicht lange, um die typische Partystimmung, wie sie seit „Keine Zeit” oder „Live” die Fans in ihren Bann zieht, zu entfachen. Spätestens bei „Willenlos” steht auch das Publikum auf den Rängen und klatscht im Rhythmus. Dabei mutet es schon etwas kurios an, wenn auch zahlreiche Frauen in die Universal-Entschuldigung für den Fehltritt untreuer Männer miteinstimmen. Im wirklichen Leben würde sich die Reaktion vermutlich anders anhören, aber jetzt ist eben Party angesagt.

Auch die Botschaft von „Lieben würd ich Dich nie” würde mancher Frau zu Recht sauer aufstoßen. Aber Westernhagen spürt, dass er die Fans im Griff hat und gibt sich locker wie selten zuvor. Er genießt die Freiheit sowie die musikalische Rückendeckung seiner exzellenten Band. Das verleitet ihn sogar zu einem Schuss Selbstironie, etwa wenn bei „Wieder hier” Bilder von Erde Mond und Milchstraße sein „Revier” illustrieren.

Der „Pfefferminzprinz” bekommt einen leichten Anflug von Blues, und „Mit 18”, eine Reminiszenz an seine frühen Jahre als Rocksänger in Düsseldorfs Altstadt, ist keine larmoyant nostalgische Rückschau, sondern ein bluesiges Meisterwerk von emotionaler Tiefe.

Der letztlich eher introvertierte Musiker, der als Schauspieler gelernt hat, die Rock-n-Roll-Rolle perfekt zu spielen, wagt tatsächlich eine Art Seelen-Striptease. Als hätte er sich dabei vielleicht etwas zu sehr offenbart, übernimmt er wieder seine Rolle. Unter den Zugaben ertönt auch „Freiheit”, das vielkehlig mitgesungen wird, und nach den Porträts unterschiedlicher Freiheitskämpfer erscheint der Appell „Free Pussy Riot”. Auf derart plakativen Polit-Protest will man gern verzichten, von der Musik möchte man eigentlich immer mehr.
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