Wenn das Fleisch aus Tulpenblüten besteht

Von: Eckhard Hoog
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Seine Sammlung zeitgenössischer Kunst gilt als eine der bedeutendsten der Welt: der Kohlscheider Wilhelm Schürmann. Foto: dpa
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Ein Baum aus Baumarkt-Material: Die Skulptur „The Black Tree“ von Katie Holten steht im Zentrum der Ausstellung „After Nature“ im Collectors House in Heerlen. Gezeigt wird hier bis zum 29. September die Kunstkollektion des Kohlscheider Sammlers und langjährigen FH-Professors für Fotografie Wilhelm Schürmann. Foto: Wilhelm Schürmann

Heerlen. Blutig-rot liegt das Stück Rindfleisch da, ein Roastbeef erster Klasse, offenbar von einem Food-stylisten effektvoll zwischen Licht und Schatten drapiert und abgelichtet. Selbst auf den zweiten und dritten Blick ist nicht zu erkennen, dass hier keineswegs ein Schlachter, sondern der größte japanische Ikebana-Künstler Yukio Nakagawa am Werk war.

Aus 5000 Tulpenblüten hat er 1976 dieses täuschend echt wirkende florale Kunstwerk geschaffen. Im März dieses Jahres ist der Meister leider im Alter von 94 Jahren gestorben. Sein Tulpen-Fleisch-Foto ist eines der zentralen Exponate in der Ausstellung „After Nature“ (Nach der Natur), die noch bis zum 29. September im Heerlener Collectors House zu sehen ist – im Rahmen einer Präsentation der Kunstkollektion des Kohlscheider Sammlers und ehemaligen Professors der Fachhochschule Aachen Wilhelm Schürmann.

Das Collectors House in Heerlen ist wie geschaffen für eine der international bedeutendsten Kunstsammlungen der Gegenwartskunst wie diese. Bis 2003 residierte hier am Raadhuisplein 20 die Stadsgalerij für moderne Kunst, die in den erneuerten Heerlener Glaspalast Schunck umgezogen ist. Dessen Direktor Stijn Huijts, mittlerweile Chef des Bonnefantenmuseums in Maastricht, und der holländische Kunstsammler Albert Groot hatten die entscheidende Idee, wie die alte städtische Galerie weiterhin kulturell gewinnbringend zu nutzen ist: Seit 2010 werden hier international bedeutende Privatsammlungen gezeigt – und die sind von einem Kaliber, mit dem selbst führende Museen der Welt kaum mithalten können.

„Diese Ausstellung könnte genauso gut im Museum of Modern Art in New York stattfinden“, sagt Albert Groot, der im Hauptberuf als Psychiater in Geleen arbeitet. Und ein Thema zu finden, das die weltweit erworbenen Werke aus der Sammlung Schürmann verbindet, war für den Kohlscheider Sammler überhaupt kein Problem: „Das musste einfach sinnvoll sein“, meint Schürmann. Der 67-jährige gebürtige Dortmunder spricht eine direkte Sprache: „Einfach drüberstehen zu lassen ‚Guckt mal, alles meins‘, das wär‘ doch peinlich.“ „Nach der Natur“ – das ist für Schürmann ohnehin ein zentraler Schlüsselbegriff mit vielen Bedeutungsvarianten für den Umgang mit den Möglichkeiten zeitgenössischer Kunst.

Nachahmung, der Natur zu folgen, oder sogar die Natur der Wahrnehmung selbst und deren Grenzen zu überschreiten – darin sieht er den großen Reiz überhaupt, sich mit künstlerischen Werken auseinanderzusetzen. So wie Yukio Nakagawa uns auf verblüffende Weise demonstriert: „What you see is what you know.“ Und das kann täuschen.

Im Zentrum der Schau steht „The Black Tree“ von Katie Holten : ein absolut echt wirkender Baum, der aus nichts anderem besteht als Material aus dem Baumarkt – Natur wird zerstört, simuliert und ersetzt. Gewissermaßen auch ein Menetekel, das die Künstlerin an die Wand stellt.

Einen ganz unverstellten, gleichwohl überraschenden Zugang zur Natur findet die Aachener Fotografin Ursula Böhmer, Jahrgang 1965: Sie porträtiert länderspezifische europäische Kühe – unter dem Sympathie offenbarenden Titel „All Ladies“. Und sie erreicht mit ihren Fotografien dabei ein verblüffend persönlich wirkendes Visavis zum weiblichen Rindvieh. „Die Heerlener Ausstellungsbesucher machen sich einen Spaß daraus, die holländische Kuh zu finden“, erzählt Wilhelm Schürmann lachend und kann es selbst kaum fassen: „Die finden tatsächlich fast immer die Richtige heraus.“ Irgendwie funktioniert die menschliche Wahrnehmung eben doch besser, als mancher Künstler annimmt . . .

August Sander empfand seine Porträts von gesellschaftlichen Außenseitern als „Fotografie nach der Natur“ – das hat dessen Enkel Gerd Sander Schürmann persönlich erklärt, darum finden sich auch Sander-Fotografien von Zirkusdirektoren, Schaustellern und Waldarbeitern bestens passend in der Schau. Hubert Becker, der persönliche Assistent von Gerhard Richter, hat das weltberühmte Bild „Clearing Winterstorm“ des kalifornischen Fotografen Ansel Adams abgezeichnet und selbst wiederum fotografiert – eine Art künstlerischer Mimikry, die die Wahrnehmung auf besondere Weise vor eine Herausforderung stellt. Und Soshi Matsunobes selbst fabrizierte Kieselsteine sind von echten auch nicht zu unterscheiden.

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