Wenn Bob bellt und der Jägerzaun fällt

Von: Jenny Schmetz
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Der Meister und seine Marionette bei der Probe: Na ja, Rosa Enskat (l.) ist schon Schauspielerin, aber in der „Sandmann“-Inszenierung von Robert Wilson (r.) muss sie mit ihren Gesten sehr präzise haushalten. Doch singen darf sie auch – und wie! Foto: Lucie Jansch

Düsseldorf. Hat die „lebende Theaterlegende“ da gerade wirklich die Dame in der ersten Reihe angekläfft? Ja, tatsächlich. Bob bellt. Die Zuschauerin zuckt zusammen und lacht leicht irritiert. Ziemlich spooky. Der weltberühmte texanische Theatermacher Robert Wilson hat zur öffentlichen Probe ins Düsseldorfer Schauspielhaus geladen.

Und offensichtlich ist der 75-Jährige gut drauf. Am Mikro stimmt der grauhaarige Grandseigneur im schwarzen Blazer das Publikum lächelnd ein. Vor der Kläff-Attacke plaudert er auf Englisch, man habe an jedem Sitz Sicherheitsgurte angebracht.

Horror mit Humor? Ja, das erwartet einen auch in den folgenden knapp zweieinhalb Stunden mit E. T. A. Hoffmanns grausiger Gutenacht-Geschichte „Der Sandmann“.

Vor der Schauermär steht ein Umweg über sandig-staubige Pfade, vorbei an Bauzäunen zum Hintereingang des Schauspielhauses. Durch den Hofgarten gehte_SSRqs zum weißwelligen Bernhard-Pfau-Bau. Denn der Gustaf-Gründgens-Platz ist noch immer eine Baustelle – im Theater wird saniert, davor soll der „Kö-Bogen II“ entstehen, ein gigantischer Büro- und Geschäftskomplex samt Tiefgarage.

Daher ist das Schauspielhaus eigentlich geschlossen – und wird es in diesem Jahrzehnt vermutlich auch bleiben. Aber Intendant Wilfried Schulz hat für seinen alten Bekannten Bob Wilson eine Ausnahme erstritten. Nun probt der „Bühnenmagier“ also abends in der ruhenden Baustelle.

Und Düsseldorf darf mit einem weiteren Theaterstar Werbung machen. In Schulze_SSRq erster Saison haben schon Sönke Wortmann oder Matthias Hartmann in der Ersatzspielstätte Central Regie geführt, dort treten zudem Schauspielgrößen wie Caroline Peters und Burkhart Klaußner auf. Aber nicht nur glamouröse Namen bietet der neue Chef. Mit einer Bürgerbühne und Ausflügen in die Stadt ist es dem 65-Jährigen gelungen, das Theater wieder ins Gespräch zu bringen.

Nun also der Coup Wilson. Vor 30, 40 Jahren galt seine stilisierte Traumbildkunst noch als Avantgarde, heute für manche als Theatermuseum. Schon längst ist der Weltreisende etablierter Solitär der „Hochkultur“, widmet sich gerne Opern und vermusicalisiert Büchner, Shakespeare oder Goethe – gemeinsam mit Popmusikern wie Rufus Wainwright oder Herbert Grönemeyer.

Für Hoffmanns Erzählung hat ihm die Londoner Sängerin Anna Calvi eindringliche englischsprachige Songs geschrieben, die vor allem die Hauptdarsteller Christian Friedel und Rosa Enskat schon bei der Probe stimmstark über die grell leuchtende Rampe schmettern. Ein achtköpfiges Live-Orchester mit Streichern und Bläsern, Schlagzeug und satten Elektro-Sounds sorgt dafür, dass sich die Musik dröhnend laut in Ohren, Herzen und mitunter auf dem Kitschradar festkrallt.

Wilsonsatte Kritiker gähnen schon mal angesichts des zum edlen Kunsthandwerk verkommenen Designertheaters des US-Amerikaners. Daran mag man denken, wenn man auf dem Weg zum Schauspielhaus am Düsseldorfer Theatermuseum vorbeistolpert. Geschlossene Fensterläden, abgeblätterte Farbe.

Doch dagegen wirkt der 75-jährige Wilson noch immer erstaunlich frisch – wie sein Theater. Obwohl er unermüdlich seine alt-bewährten Mittel wiederholt: Schauspieler als gestische Skulpturen; streng choreographierte Bewegungsabläufe, gerne in Zeitlupe; fein austarierte Lichtstimmungen, die fast leere Bühnenlandschaften modellieren.

Das ist beim „Sandmann“ kaum anders, nur etwas schneller und greller. Worum es geht? Ach, Handlung wird bei Wilson nie überbewertet. Er setzt auf Bilddesign statt Werkanalyse, Geometrie statt Psychologie. Ein Junge, wird erwachsen und wahnsinnig. Das muss zum Verständnis reichen.

Das Schöne bei der Probe: zu erleben, wie der menschliche Makel Wilsons Präzisionsmaschine – in der auch ein bühnenhoher Zahnarztbohrer für Schockmomente sorgen darf – zum Stottern bringt. Techniker müssen noch ruckeln und schnippeln; einer Darstellerin fällt beim Öffnen eines Törchens der ganze Jägerzaun um; Finger und Standbeine werden nicht völlig synchron abgespreizt oder angewinkelt; und nicht jeder Spot trifft die weiß geschminkten Grimassen 100-prozentig akkurat.

Aber bis zur Premiere am 3. Mai bei den Ruhrfestspielen und am 20. Mai in Düsseldorf kann sich aus der Mechanik noch die typische Wilson-Magie entwickeln. Eine ganze eigene Ironie entsteht aber schon in der Voraufführung, wenn sich Student Nathanael in den Automaten Olimpia verliebt. Diese seelenlose Puppe mit Aufziehschlüssel im Rücken dreht Pirouetten und unterscheidet sich gar nicht so großartig von den tanzenden Marionetten drum herum.

Wilsons „Sandmann“ wird wohl keine Rocky Horror Picture Show, aber vielleicht eine bildstarke, düsterpoppige Musicaloper mit sanftem Horrortouch. Für Wilson-Fans natürlich ein Muss. Und wer sich Theater-Fan nennt, muss Wilson einfach mal live erlebt haben. Das ist die Chance! Kläffende Hunde spielten in dieser Probe übrigens keine Rolle. „Wenn Ihnen danach ist – lachen Sie!“, hatte der Meister allerdings auch geraten. Also Sicherheitsgurte – bräuchte man die überhaupt? Wohl kaum.

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