Wenn aus Licht Skulpturen entstehen

Von: Verena Müller
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Eine Silhouette aus Licht: Für die Modemesse in Düsseldorf „zeichnete” das Künstlerkollektiv „Lichtfaktor” aus Köln diese Frauenfigur. Drei Bestandteile sind für die Arbeit der Künstler unerlässlich: Dunkelheit, eine Lichtquelle und Langzeitbelichtung. Foto: Lichtfaktor

Köln. In einem 50er-Jahre-Café im Belgischen Viertel in Köln, 12.17 Uhr. Warten auf zwei Bestandteile des Künstlerkollektivs „Lichtfaktor”, die sich als David und Marcel angekündigt haben. Mehrere mögliche Davids und Marcels steuern das Café an - „Lichtfaktor?” „Hä? Lichtfaktor?”, Achselzucken.

Dabei ist der Name derzeit in aller Munde, kursiert durch alle Medien.

Mit drei einfachen Mitteln - Dunkelheit, Langzeitbelichtung, Lichtquelle - hat das vierköpfige Team aus Köln das geschafft, wovon unzählige Werbeagenturen nur träumen können: Aus der obersten Liga erhält „Lichtfaktor” eine Anfrage nach der anderen. Von Popstars, Automobilkonzernen und Sportartikelproduzenten, von Telekommunikationsanbietern und Vodkaherstellern. Aktuell im Straßenbild präsent sind Werbeplakate für einen 600-Hertz-Fernseher.

12.23 Uhr: Anruf bei Marcel. „Oh Sch...! Ich habe gerade erst den Rechner hochgefahren, um in den Kalender zu gucken. Wir waren gestern in London und sind spät zurückgekommen. Der David schläft wahrscheinlich noch. Wir brauchen 20 Minuten.”

Was die Arbeit von Marcel Panne, David Lüpschen, Jens Heinen und Heiner Krause Kruse offenbar so begehrenswert macht? Die Kunst, mit Licht Außergewöhnliches zu zeichnen, in Stop-Motion-Filmen, auf Fotos und in Video-Projektionen. Ohne Tricksereien am Computer mit Bildbearbeitungsprogrammen.

Konkret kann das etwa in einen wuseligen Blitz münden, der über den nächtlichen Bürgersteig zuckt, oder in eine schwebende Silhouette einer Frau. Bunt, aber nicht kunterbunt. Mit deutlichen Anlehnungen an Graffitikunst.

Der Mann an der Lichtquelle

Nach gut 20 Minuten Wartezeit trudeln nacheinander drei Viertel von „Lichtfaktor” ein. Marcel legt gleich los, erklärt ohne große Umschweife die technischen Details der Arbeit. David rutscht anfangs angestrengt Nikotinkaugummi-kauend auf dem Stuhl hin und her. Ringe unter den Augen, unrasiert.

Anruf der Freundin: Ihre und seine Eltern kommen heute Abend zu einer Ausstellungseröffnung, die „Lichtfaktor” gestalten soll. David wischt sich mit einer Hand über die Augen: „Oh nein, nein, nein...!”

David ist der Mann an und mit der Lichtquelle vor der Kamera, der die Linie des Kollektivs maßgeblich prägt. „Illustrativ, organisch, figürlich, frei”, beschreibt der 29-Jährige den Stil. Gestern, in London, hat er mit Marcel ein Projekt eingetütet, für das das Team für drei Wochen nach Südafrika reisen wird. Weil dort die Nächte im Moment über 13 Stunden lang sind. Optimale Arbeitsbedingungen, wenn man auf Dunkelheit angewiesen ist.

„Super aufwendig” werde der Auftrag, sagt Marcel. Seit dem ersten Stop-Motion-Video, bei dem noch eine Taschenlampe zum Einsatz kam, haben die vier die Kombination aus Fotografie und Malerei perfektioniert. Ähnlich wie mit unterschiedlichen Pinseln „zeichnet” David etwa mit LEDs, Xenon-Lampen oder Lichtröhren. Je nachdem, in welchem Winkel er die Lichtquelle zur Kamera hält, wird die Leuchtspur schmaler oder breiter.

David entwirft auch das Storyboard zur Geschichte, die sich in der Regel Marcel ausdenkt. Um die Figuren im Kopf dann an der richtigen Stelle im Raum zum Leuchten zu bringen, macht David Markierungen auf dem Boden, die in etwa die Proportionen wiedergeben. Ein „Riesenausschuss” sei normal, sagt er, bis innerhalb der 30 Sekunden Belichtung das Motiv an der richtigen Stelle im Kasten sei. Bei assoziativem Zeichnen ist er räumlich freier - aber nicht ganz frei. Denn die Kulisse, meistens Großstädte, werde immer eingebunden, sagt er.

Inzwischen hat sich auch Jens an den Tisch gesetzt, lehnt sich zurück und verfolgt das Gespräch. „Das ist echt schlimm, ich kriege keine E-Mail mehr ohne urgent urgent (Anm.d.Red.: dringend dringend), und wenn man nicht sofort antwortet, kommt in drei Stunden die Erinnerung, das eine Mail geschickt wurde”, erzählt Marcel Panne gerade. „Die rufen sogar vor neun Uhr an”, sagt er. „Die”, das sind potenzielle Auftraggeber.

Termine einzuhalten oder Absprachen untereinander zu treffen, das sei kein Problem. Im Gegensatz zu juristischen Fragen bei Vertragsabschlüssen. „Man muss sich ständig mit Sachen auseinandersetzen, von denen man keine Ahnung hat”, wirft Jens ein. „Klar verkaufst du dich da auch mal viel zu billig.” Wie billig, sagt er nicht. Der 34-Jährige ist Bauingenieur und Entwickler. Er ist hat beispielsweise einen „Lichtprinter” gebastelt, der ähnlich wie eine LED-Pendeluhr funktioniert.

Von Frust spricht Jens mit Blick auf den Alltag und von Leidenschaft, die bei all dem Koordinierungsaufwand, Wettbewerbsdruck und juristischen Fragen manchmal auf der Strecke bleibt.

Obwohl den vier Kölnern gleich mit ihrem Debüt 2007 der Durchbruch gelang und sie ein halbes Jahr im Voraus ausgebucht sind, scheinen sie immer noch vom Erfolg überrollt. „Wir werden gerade zu so etwas wie einer Werbeagentur. Das sind nicht wir”, sagt Marcel Panne. Sonst eher ruhig und geduldig, platzt es plötzlich aus ihm heraus.

„Anne Scherer, wir brauchen eine Frau wie Anne Scherer.” Die wisse allerdings noch nichts davon, dass sie die Lösung all ihrer Probleme sein könnte, sie arbeite für eine Medienagentur. Eine Geschäftsfrau sei sie eben, die sich mit Verträgen und anderen für Kreative lästigen Dingen auskennt.

Wüste - oder Dschungel

Vielleicht wäre dann auch Luft, Ideen außerhalb von Aufträgen weiterzuentwickeln. An die Wüste oder den Dschungel denke er beispielsweise, sagt Marcel. Zum Glück würden sie bei den Auftragsarbeiten nicht mit speziellen Wünschen oder Erwartungen eingeschränkt, sagt David. Während er Graffitikünstler, Illustrator und Grafiker ist, hat Marcel Fotografie gelernt. Alle vier haben neben „Lichtfaktor” noch eigene Projekte.

Marcel beispielsweise, der auch die Idee zu „Lichtfaktor” hatte, ist eigentlich VJ. Der 36-Jährige macht mithilfe von auf die Leinwand projezierten Bildern, Grafiken oder Videos die visuelle Begleitung für DJs. „Dafür habe ich im Moment aber kaum noch Zeit”, sagt Panne. Sehr zum Leidwesen von Heiner Krause Kruse und dessen Drum & Bass Label „Basswerk”, fügt er hinzu. Heiner Krause ist auch für den Ton in „Lichtfaktor”-Videos zuständig.

Beim Thema Zeit erzählt Marcel vom zweiten Werk von „Lichtfaktor”, einem sehr verspielten Video mit dem Titel „Star Wars vs. Star Trek”. Zum Leben erwachte Mülleimer, die wie R2-D2 aus Star Wars durch die nächtlichen Straßen wackeln, sind in dem Werbespot zu sehen. „Das ist echt das, was wir am liebsten mögen”, sagt Panne, „das war spaßig. Wir waren das erste Mal in London und das lief einfach munter weiter.” Weit entfernt von stressigen Pitches und Deadlines.

Innerhalb eines Monats hatte das Video dann eine Million Clicks, der Run auf „Lichtfaktor” begann. Nicht zufällig sitzt in London die Hälfte der Auftraggeber.
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