Weniger ist mehr: „Homo Faber“ in der Kammer

Von: Sarah Sillius
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Reduziert und intensiv: Thomas Hamm, Karsten Meyer und Benedikt Voellmy (von links) in „Homo Faber“ nach Max Frischs Roman. Foto: Carl Brunn

Aachen. Gefangen in der berechenbaren Welt der Technik, glaubt Walter Faber weder an Schicksal, noch lässt er Gefühle zu. Der Schweizer Ingenieur ist nicht gerade ein Sympathieträger. Jan Langenheim hat sich Max Frischs „Homo Faber“ dennoch angenommen.

Bei seiner Inszenierung in der Kammer des Theaters Aachen verzichtet der Regisseur auf wechselnde Bühnenbilder. Faber (Karsten Meyer) befindet sich im Flugzeug, in der Wüste, auf einem Schiff oder im Krankenhaus, doch bewegt sich stets innerhalb eines Baukastens (Bühnenbild: Anton Lukas). Die 50er-Jahre-Szenerie wirkt zunächst schlicht, entfaltet aber im Laufe der 115-minütigen Spieldauer immer mehr Potenzial. So wechseln die Schauspieler zwischen den einzelnen Séparée des Kastens und sind laufend damit beschäftigt, die darin hängenden Jalousien zu bewegen oder das Mobiliar zu verrücken, um so verschiedene Schauplätze zu assoziieren. Für die Wüste etwa muss ein wenig Sand reichen, den ein junger Mann (Benedikt Voellmy) aus seinen Hosentaschen rieseln lässt.

Wer ist dieser Mann eigentlich? Mal scheint er Fabers doppeltes Ich zu sein. Mal agiert er als Erzähler, der Fabers Ich-Erzählung ergänzt, kommentiert oder ihr gar widerspricht. Der spielerische Umgang mit der Erzählperspektive ist eine der Besonderheiten der Inszenierung (Dramaturgie: Ulla Theißen/Inge Zeppenfeld). Während zu Beginn der nüchterne Tagebuchbericht des objektiven Erzählers dominiert, ergreift Faber später immer öfter das Wort – oder tippt selbst in die Schreibmaschine.

Im Flugzeug nach Venezuela trifft Faber auf den Deutschen Herbert (Thomas Hamm), der sich als Bruder seines Studienfreunds Joachim entpuppt. Fabers Reise in die Vergangenheit beginnt, und eine Verkettung unglücklicher Zufälle nimmt ihren Lauf. Oder sind es gar keine Zufälle, sondern schicksalhafte Fügungen? Mit dieser Verunsicherung Fabers tritt die emotionale Erzählebene stärker hervor. Als er der jungen Sabeth (Emilia Rosa de Fries) auf einem Schiff in Richtung Europa begegnet, lockert die Atmosphäre auf. Nicht nur Fabers Erwartungen, sondern auch die des Zuschauers werden gebrochen: Ganz überraschend gibt es eine Gesangseinlage von Sabeth und dem jungen Mann, die Fabers Technikbesessenheit ins Lächerliche ziehen. Der wiederum wird durch seine Beziehung zu Sabeth allmählich weicher, empfindsamer. Er lacht, öffnet sich der Welt der Kunst und widmet sich der Schönheit der Natur. Faber lernt zu lieben, muss aber schnell auch die Kehrseite dieses Glücks kennenlernen. Zum Ende hin findet er sich in einer antiken Tragödie wieder: Sabeth entpuppt sich als gemeinsame Tochter mit seiner vergangenen Liebe Hanna (Katja Zinsmeister) und erleidet schließlich einen tödlichen Unfall.

Trotz der Reduktion der Original-Handlung: „Homo Faber“ bleibt auch auf der Aachener Bühne komplex. Umso mutiger, dass die Inszenierung auf große Aktion und Ausstattung verzichtet und stattdessen auf das dramaturgische Erzählen setzt. Bilder entstehen so weniger auf der Bühne als vielmehr in den Köpfen der Zuschauer. Ein Effekt, der nur mit großartigen Schauspielern gelingen kann. Großer Applaus deshalb vom Premierenpublikum – besonders für den Hauptdarsteller.

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