„Weniger ist mehr“: Das Ludwig Forum würdigt Architekt Mies van der Rohe

Von: Ines Kubat
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Ein besonderer Moment: Andreas Beitin, Leiter des Ludwig Forums, beobachtet die Anlieferung eines Originals von Paul Klee.
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In mehr als 30 Werken hat er sich mit den Arbeiten von Ludwig Mies van der Rohe kritisch auseinandergesetzt: Für die Ausstellung im Aachener Ludwig Forum hat der Düsseldorfer Künstler Mischa Kuball zwei Video-Projektionen geschaffen. Foto: Harald Krömer

Aachen. Angespannte Ruhe herrscht in den Ausstellungsräumen des Aachener Ludwig Forums. Alle Blicke richten sich gespannt auf die große Kiste, die gerade aufgeschraubt wird. Denn hinter Holz und Styropor, mehrfach gesichert und vor allem gut klimatisiert, befindet sich ein wertvolles Gemälde. Vorsichtig heben die Restauratoren es heraus.

Manche Zuschauer zucken zusammen, als der Rahmen etwas zu hart auf den Tisch schlägt. So ist es eben, wenn ein echter Paul Klee geliefert wird. In den vergangenen Tagen sind gleich mehrere solch heikler Transporte an der Jülicher Straße angekommen. Die Kunstwerke haben viele Kilometer hinter sich, die Kuratoren viele Verhandlungen mit den Leihgebern.

An den Wänden hängen bereits ein Kandinsky und mehrere Werke von Klee. Manche Bilder stammen aus Rotterdam, andere aus Privatsammlungen, der Großteil allerdings kommt aus dem Museum of Modern Art in New York: Mehr als 40 Originale hat das weltbekannte Museum nach Aachen verliehen. Und das ist bei weitem keine Selbstverständlichkeit, erklärt Andreas Beitin, Leiter des Ludwig Forums: „Das ist schon ein sehr großes Glück. Wir haben fast alles bekommen, was wir wollten.“

Angefragt, verhandelt und gekämpft hatten die Kuratoren um die Bilder für die große Mies-Ausstellung, die am 27. Oktober eröffnet wird. Eigentlich ist der gebürtige Aachener Ludwig Mies van der Rohe bekannt als Architekt, Lehrer, Bauhaus-Leiter. Ohne Zweifel ist er eine der großen Leitfiguren der modernen Architektur. Die Ausstellung im Ludwig Forum zeigt ihn nun erstmals als bildenden Künstler: und zwar anhand von 50 Collagen und Fotomontagen.

Bekannt wurde Mies durch seine klaren Formen, die Reduziertheit und Funktionalität seines Stils. Diese Merkmale spiegeln sich auch in seinen Collagen wieder, die er nicht nur für Entwürfe, sondern auch für Zeitschriften und Wettbewerbe anfertigte. Mies rückte seinen Entwurfszeichnungen von Räumen und Gebäuden mit Schere und Kleber zu Leibe und fügte ihnen Elemente hinzu, um beispielsweise Zwischenwände oder Statuen visuell darzustellen.

So gestaltete er seine Skizzen ins Detail aus und integrierte dabei häufig Reproduktionen damaliger Künstler: mal einen kleinen Ausschnitt eines Kunstwerks, mal ein ganzes Gemälde großflächig über die Wände verteilt. „Es ist fast frech, wie er mit den Kunstwerken spielt“, sagt Beitin und weist auf eine Collage hin, in die Kandinskys Werk „Große Studie“ geklebt wurde.

Genau neben dieser Collage wird in der Ausstellung das farbenfrohe Original hängen. Denn für die Schau haben die Kuratoren mehrere Originale von Künstlern ausleihen können, die der Architekt kannte, schätzte und die ihn für seine Entwürfe und Collagen inspirierten.

Gleichzeitig zeigt die Schau auch Beiträge von sechs zeitgenössischen Künstlern, die sich mit Mies und seiner Wirkung beschäftigen – darunter der Düsseldorfer Mischa Kuball, der zwei Videoproduktionen eigens angefertigt hat.

„Es gibt in der Architektur unglaublich viele, die einen richtig guten Job machen“, sagt Kuball. „Man würde sie aber nie als ,Architekten-Architekten‘ bezeichnen, an denen sich andere orientieren.“ Genau so ein Vorreiter aber war Mies, findet Kuball, der sich seit 1991 in mehr als 30 Arbeiten mit dem berühmten Aachener Architekten auseinandergesetzt hat. „Mies ist ein Werkstoff für mich – etwas, an dem man sich reiben kann“, sagt Kuball, der den Lehrstuhl für Kunst im öffentlichen Raum an der Kunsthochschule für Medien in Köln inne hat.

Wenn er über Mies spricht, klingt beinahe Ehrfurcht in seiner Stimme mit. „In seinen Arbeiten hat er sich intensiv Gedanken gemacht zu Themen wie ‚Ein- und Ausblick, Transparenz und Raumgefüge‘.“ Auf diese Themen reagiert Kuball mit „Global Window“, das nun also durch das Ludwig Forum flimmern wird: In Endlosschleife laufen auf zwei Bildschirmen und auf einer Leinwand Videos, die Kuball von 19 Hochhäusern der ganzen Welt gemacht hat – auch ein Mies-Bauwerk ist darunter.

Zu sehen sind Details der hohen Fassaden mit endlosen Fenstern. Doch ob die Videoaufnahmen nun Krankenhäuser, Büros oder Privatwohnungen zeigen, kann man als Betrachter nicht erkennen. Kuball versteht sein „Global Window“ als klare Kritik an der modernen Architektur, ihrer Monotonie und schließlich auch ihrer Konformität. „Viele zeitgenössische Bauwerke ignorieren vollkommen, in welcher Umgebung sie gebaut werden. Dahinter steckt ein radikaler Gedanke: Eine Form hat überall auf der Welt dieselbe Wirkung. Genau das stelle ich infrage“, sagt Kuball.

Er nennt dieses Phänomen eine „architektonische Globalisierung“. Ein Prozess, den er kritisiert, für den er Mies allerdings nicht verantwortlich macht. „Denn er hat es trotz seiner minimalistischen Formsprache geschafft, gleichzeitig komplex, einfühlsam und naturverbunden zu sein.“ Viele Architekten versuchen heute noch, Mies nachzueifern, sagt Kuball. „Meistens machen sie das aber rein formal und können das Vorbild inhaltlich nicht erreichen.“ Denn Reduktion und Minimalismus in der Bauweise reichten dafür nicht.

„Mies hat die Materialien selbst zum Reden gebracht. Wenn die Architektur für sich selbst spricht wie bei ihm, dann braucht sie nur wenige Elemente und Materialien.“ Pure Reduktion ohne dieses Element sei „einfach ein schlechtes Plagiat“. So ließe sich das Mies-Motto „Weniger ist mehr“ nicht verallgemeinern. Kuball: „Es gilt eigentlich nur für ihn und sehr sehr wenige andere.“

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