Wem glauben wir? Und warum? Theaterprojekt „Eine Handvoll“ im Mörgens

Von: Christina Merkelbach
Letzte Aktualisierung:
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Manipulation und Angst: das Ensemble des Theaterprojekts „Eine Handvoll“ im Mörgens. Foto: Ludwig Koerfer

Aachen. Acht Jugendliche tanzen ausgelassen zu lauter orientalischer Musik. Sie lachen, lassen die Hüften kreisen, zeichnen mit hochgereckten Armen unsichtbare Linien in der Luft nach. Ein weißer, transparenter Vorhang umgibt sie. Acht Mal stoppt die Musik. Jedes Mal verlässt eine andere Person die Gruppe, um in das Mikrofon am Rand der Spielfläche im Mörgens zu sprechen. Dann geht es weiter mit Musik und Tanz.

Die jungen Erwachsenen im Alter zwischen 15 und 20 Jahren sprechen über Heimat, Flucht, Angst, Glaube und Hoffnung. Aber auch über ihren Alltag in der Schule oder im Freundeskreis. An der Wand hinter ihnen laufen dazu passende Filmsequenzen ohne Ton. Verwackelte Bilder einer Fahrt über das Mittelmeer, gefilmt aus einem Flüchtlingsboot. Ein Bus, der vor einer Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge vorfährt. Die Terrormiliz Islamischer Staat, die im Internet um Rekruten wirbt und Ungläubige verteufelt. Der Aufmarsch bewaffneter Hamas-Kämpfer. Polizisten, die ein Haus von Neonazis stürmen.

Große Fragen, ganz konkret

Was glauben wir? Wem glauben wir es? Und warum? Das sind die großen Fragen, die über der Uraufführung von „Eine Handvoll“ stehen. Acht starke Laiendarsteller geben Antworten: Youssef Abojobbah, Mustafa Alzuabidi, Muhammed Duran, Ahmad Gorbani, Zanyar Hannan, Ali Mohammadi, Judith Okon und Jule Urmes. Unter ihnen sind fünf Geflüchtete aus Syrien, Irak, Afghanistan, Iran und Palästina.

Robert Seiler, am Theater Aachen unter anderem in fast 100 Vorstellungen des Dauerbrenners „Tschick“ zu sehen, hat dieses „Projekt über Manipulationen durch Menschen und Medien“ mit den Darstellern entwickelt und packend und dicht inszeniert. In einer Stunde und 15 Minuten folgen kompakte Szenen oft abrupt aufeinander. Es ist ein Abend, der dazu einlädt, seine eigenen Vorstellungen, Überzeugungen und Gewohnheiten auf den Prüfstand zu stellen.

Gleich zu Beginn werden die Zuschauer überrascht: Sie müssen ihre Schuhe gegen rote Pantoffeln tauschen, die in Metallregalen am Eingang bereit stehen. Eine Handvoll Darsteller ist schon im Raum. Einige tragen traditionelle orientalische Kleidung, darunter etwa ein schwarzer Anzug mit goldfarbener Stickerei und Bauchschärpe (Bühne und Kostüme: Tanja Kramberger).

Mit kleinen Verbeugungen und höflichem Lächeln empfangen sie die Gäste und weisen ihnen ihre Sitzplätze zu. Dabei werden Männer und Frauen voneinander getrennt, ganz so, wie es in Moscheen üblich ist. In der Mitte des Raumes liegen Perserteppiche aus, die in einer Szene als Gebetsmatten dienen.

„Eine Handvoll“ handelt viel vom Islam, dem kulturellen und religiösen Hintergrund der meisten Darsteller. Davon, wie er für extremistische Ziele und Manipulation missbraucht wird. Aber es geht nicht nur um dieses sehr aktuelle Thema, sondern auch ganz allgemein um menschliche Angst. Diese vermitteln die Darsteller besonders intensiv in einer Szene: Sieben kreisen um eine in ihrer Mitte, die ihre Augen geschlossen hält und sich tastend vorwärts bewegt.

Die anderen fauchen sie an, schnalzen mit der Zunge, flüstern, säuseln und pfeifen, bis sie vollends in sich zusammensinkt. Manipulation, das zeigt dieses Stück, lauert überall und hat viele Gesichter. Viele von ihnen sind nun im Mörgens zu sehen. Das Publikum feierte die Premiere zu Recht mit starkem Applaus.

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