Welt ohne Hoffnung: Tschaikowskys „Mazeppa“

Von: Armin Kaumanns
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Orange als Farbe der Revolution: Davon bleibt am Ende von Tschaikowskys „Mazeppa“ in Mönchengladbach nicht viel übrig. Foto: Matthias Stutte

Mönchengladbach. Dass derzeit in Kiew die Revolution tobt, ist natürlich Zufall. Und auch wieder nicht. Denn Regisseurin Helen Malkowsky legt in ihrer Inszenierung der selten aufgeführten Tschaikowsky-Oper „Mazeppa“ in Mönchengladbach Fährten in die jüngste Geschichte – schließlich spielt auf der Bühne der Anführer einer ukrainischen Separatistenbewegung die Hauptrolle.

Orangefarbene Bänder und Kokarden dekorieren die Szene des ersten Aktes als Verweis auf die so genannte Orangene Revolution, deren Ausläufer ganz aktuell das Land erschüttern. Am Ende der Oper allerdings hat es sich ausrevoluzzert, das Land ist in Schutt und Asche, die Schlacht verloren, die Helden sind tot, zumindest tödlich verletzt oder gar wahnsinnig. Ohne Hoffnung ist die Welt, irgendwo in Moskau lacht sich der Zar ins Fäustchen. Herrn Putin können wir uns selbst dazudenken.

Titelheld beherrscht Szenerie

Ewa Teilmans’ hatte in ihrer Aachener Inszenierung noch eine Geschichte erzählt, in der die Figur der Marie im Mittelpunkt stand – sie ist in der Oper wie in der wirklichen Geschichte die um Jahrzehnte jüngere Geliebte und Ehefrau des ukrainischen Freiheitshelden. In Mönchengladbach beherrscht der Titelheld die Szenerie.

Mit Johannes Schwärsky hat das Haus einen Hünen für die Titelrolle verpflichtet, dessen dunkler Bariton mühelos sehr, sehr viele dieser extremen Register und Klangfarben erreicht, mit der Tschaikowsky diesem widersprüchlichen Charakter musikalische Gestalt verliehen hat. Es ist vielleicht ein bisschen viel folkloristisches Parfüm im Spiel, aber diese zärtlichen Gefühle, die hohen, leisen, lyrischen Passagen des Verliebten gelingen Schwärsky hervorragend.

Malkowsky mag die Geschichte vom Aufstieg und Fall des Machtmenschen nicht bruchlos erzählen. Dazu versetzt sie den ersten Akt in eine Art Erinnerungstraum. Den träumt Mazeppas Gegenspieler Kotschubej, der zarentreu und überdies unwillig ist, seine Tochter dem alten Mann zur Frau zu geben, hinter Gittern. Dorthin nämlich hat ihn Mazeppa verbracht, um ihn – als Strafe für einen Verrat an den Zaren – zu foltern und zu töten. Die Regieidee sieht zumindest gut aus: Hayk Dèinyan schmachtet pittoresk, später beherrscht er weite Teile des ersten und zweiten Aktes mit seinem wunderbar geschmeidigen Bass.

Im ersten Akt also sehen wir ein bisschen Folklore im Kostüm (Alexandra Tivig), danach dräut Gegenwart. Das Bühnenbild (Kathrin-Susann Brose) ist opulent. Die Szene sieht wenig freundlich aus, eher nach Beton denn Liebeslaube. Im letzten Akt, nach der orchestralen Schlacht von Poltawa, türmen sich Kerkerwände, herausgerissene Zellentüren, zerstörtes Mobiliar und Leichen zur finalen menschlichen Katastrophe. Marie wahnsinnig, Mazeppa vom eigenen Scharfrichter angeschossen, Andrej, der vergebens Liebende, gemeuchelt.

Reichlich Getöse quillt aus dem Graben, in dem GMD Mihkel Kütson die Niederrheinischen Sinfoniker sicher durch die brodelnde Partitur lenkt. Wunderbar ist das Konzert der dunklen timbrierten Stimmen. Selbst die beiden jungen Liebenden, die dramatisch aufwallende Sopranistin Izabela Matula als Marie und der profunde Tenor Carsten Süss in der Partie des Andrej, bevorzugen gedeckte, erdige Klangfarben. Ihren Teil an der homogenen, durchweg hörenswerten Leistung des Ensembles hat sicher die russische Originalsprache mit ihren kehligen, dunklen Vokalen.

Man darf also diesen „Mazeppa“ empfehlen, selbst wenn die Regie meint, zur Hinrichtung Kotschubejs vergifteten Wodka reichen zu müssen. Maries Wiegenlied an den sterbenden Andrej jedenfalls sorgt für eine zartes, wunderbar melancholisches Ende. Reichlich Bravi für alle.

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