Was wird aus der ehemaligen Reichsabtei?

Von: Eckhard Hoog
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Reizvoller Kontrast von Alt und Neu: Die barocke Anlage der ehemaligen Reichsabtei in Kornelimünster beherbergt seit 1976 Kunst aus NRW, im Garten wird diese Plastik des Düsseldorfer Künstlers Norbert Kricke präsentiert. Mit welcher Konzeption und Ausrichtung das Haus ab Juli weitergeführt wird, ist derzeit noch offen. Foto: Michael Jaspers
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Nach 35 Jahren geht sie im Juli in den Ruhestand: Maria Engels, Leiterin der Sammlung „Kunst aus Nordrhein-Westfalen“ in der ehemaligen Reichsabtei in Kornelimünster. Foto: Michael Jaspers

Kornelimünster. Was wird aus der landeseigenen Sammlung „Kunst aus NRW“ in der ehemaligen Reichsabtei Kornelimünster? Diese Frage stellt sich schon wieder – gerade mal drei Jahre, nachdem die letzte Ungewissheit in dieser Hinsicht eindeutig beseitigt wurde.

2010 hatten der Machtwechsel in Düsseldorf von Schwarz-Gelb zu Rot-Grün und der Einsatz des Aachener SPD-Landtagsabgeordneten Karl Schultheis eine Bestandssicherung für das Haus durch die neue Kulturministerin Ute Schäfer (SPD) mit sich gebracht. Damit waren alle Überlegungen des alten Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers (CDU) von 2007 vom Tisch, die „Kunst aus NRW“ in seinen eigenen Wahlkreis, nach Brauweiler fortzuschaffen.

Die Situation jetzt: Maria Engels, langjährige Leiterin des Hauses und guter Geist der Reichsabtei, geht im Juli in den Ruhestand. Und ihre Stelle ist bislang nicht wieder neu ausgeschrieben worden. Anlass für uns, bei der zuständigen Behörde in Düsseldorf – bei der Kulturabteilung im Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen – nachzufragen: Wird die Stelle überhaupt wieder besetzt? Was soll mit der Einrichtung geschehen? Soll sie weiter in Kornelimünster bleiben? Wenn ja, in der jetzigen Form? Oder in einer anderen? Wenn nein, wo mag sie hingehen?

Ministerium braucht sechs Tage

Allein: Das Ministerium nimmt ausschließlich schriftliche Anfragen in Form einer E-Mail entgegen und beantwortet sie auch nur so. Nach sechs Tagen kam die Antwort, ziemlich kurz und bündig, mitgeteilt vom stellvertretenden Pressesprecher des Ministeriums, Lars Rehling: „Nach Ausscheiden der jetzigen Leiterin Maria Engels soll die Arbeit der ‚Sammlung Kunst aus Nordrhein-Westfalen‘ in der ehemaligen Reichsabtei Kornelimünster fortgesetzt werden. Über Konzeption und Ausrichtung der Arbeit werden Gespräche mit der neu zu berufenden Leitung geführt.“

Erfreulich: Die Stelle soll also wieder besetzt werden, und die „Kunst aus NRW“ soll in Kornelimünster bleiben – doch wie? Als Depot, wie sie hier einmal begann, oder weiterhin als bedeutendes Ausstellungshaus, wie sich die Einrichtung unter Maria Engels über Jahrzehnte entwickelt hat? Dazu gibt es keine eindeutige Antwort.

Im Rückblick offenbart sich die außergewöhnliche Entwicklung der „Kunst aus Nordrhein-Westfalen“. Seit 35 Jahren wird sie geleitet von der Kunsthistorikerin Maria Engels, an ihrer Seite eine einzige Mitarbeiterin, Birgit Kamps. 4000 Werke umfasst die Sammlung, rund 1000 davon werden öffentlich ausgestellt – in nordrhein-westfälischen Landesbehörden.

„Es war eine Idee der ersten Stunde“, erklärt die Leiterin den Ursprung der Kunstkollektion. 1948 keimte im frisch gegründeten Kultusministerium im noch jungen Land Nordrhein-Westfalen beim Ministerialrat Mathias T. Engels die Idee auf, wie man besonders begabten, jungen Künstlern nach dem Zweiten Weltkrieg ein wenig auf die Beine helfen konnte: durch den Ankauf ihrer Werke. Das Aquarell „Schildkröte“ von Karl Schwesig war das erste Kunstwerk, das für 200 Mark in den Besitz des Landes überging. „Man wollte sich politisch absetzen von der Indok-trination der Nazi-Zeit“, erklärt Maria Engels die ursprünglichen Beweggründe.

Tausende Ankäufe folgten. Beabsichtigt war zunächst, Büros der Ministerien und Landesbehörden damit repräsentativ auszustatten. Doch über die Jahrzehnte wuchs die Sammlung derart an, dass spätestens in den Siebzigern klar wurde: Ein zuverlässiges Depot musste gefunden werden – zumal einzelne der Werke enorm an Wert gewannen. Manche mittlerweile weltbekannte Namen sind heute mit Millionen Euro verbunden: Gerhard Richter und Sigmar Polke zum Beispiel.

Mit dem zusätzlichen Wunsch nach mehr Öffentlichkeit fiel schließlich die ehemalige Reichsabtei Kornelimünster in den Blick, das Domizil des Bundesarchivs. 1976 wurde zunächst im Mitteltrakt des fünfflügeligen Gebäudes eine ständige Ausstellung eingerichtet: „Kunst aus Nordrhein-Westfalen – Förderankäufe seit 1945“. Nach und nach zog sich das Bundesarchiv zurück, bis es 2006 vollständig verschwand und durch Kunst ersetzt wurde. Ab 1993 steckte das Land 15 Millionen Mark in die Sanierung des Gebäudes. 1995 wurde der Mitteltrakt wiedereröffnet, 2001 zog die Kunst auch in den rechten Flügel ein, 2002 in den linken. 2006 bezog die RWTH Aachen als Mieter beide Nebenflügel, was die „Kunst aus NRW“ aber nicht beeinträchtigte.

Seit 1996 gibt Maria Engels pro Jahr bis zu zehn vorwiegend jungen Künstlern ein Forum – solchen, von denen das Land bereits Werke angekauft hat. Ihre Wechselausstellungen versteht die Kuratorin als „Ergänzung und Vertiefung“ der Fördertätigkeit des Landes. Ganze neun Räume im Mitteltrakt der Anlage standen bereits 1996 dafür zur Verfügung. „Die Künstler schätzen unser Haus sehr“, berichtet Maria Engels, „besonders den Kontrast von Alt und Neu.“ Bis zu 400 Vernissage-Gäste finden sich jedesmal ein, rund 13 000 Besucher zählt die „Kunst aus NRW“ pro Jahr. Und das trotz eingeschränkter Öffnungszeiten. Und so entwickelte sich ein reges Ausstellungswesen, was bei der Gründung noch nicht absehbar war.

Rund 250 der 3000 im Haus selbst untergebrachten Werke werden wechselweise ständig ausgestellt, der Rest befindet sich im Depot unter dem Dach. Geboten wird ein repräsentativer, hochkarätiger Überblick über die Entwicklung der Nachkriegskunst in NRW bis heute. Die Anfänge sind im großzügigen Treppenhaus ablesbar, die künstlerischen Bemühungen, nach der Nazi-Zeit neue Wege zu finden oder an die Vorkriegszeit anzuknüpfen wie bei Bruno Goller, Oswald Petersen und Carl Barth. Die Informellen sind in erster Riege vorhanden – Karl Otto Götz, Ernst Wilhelm Nay, Emil Schumacher, Gerhard Hoehme.

Damals junge, jetzt international bekannte Künstler der Gruppe Zero sind in den reizvollen Kabinetten vertreten: Günter Uecker, Otto Piene und Heinz Mack. Heute von öffentlicher Seite unbezahlbare Bilder von Gerhard Richter, Sigmar Polke und Konrad Klap-heck markieren die 60er und frühen 70er Jahre. Im ehemaligen Rittersaal kontrastieren Skulpturen wirkungsvoll mit den Deckengemälden.

Schweift der Blick aus dem Fenster hinaus, trifft er auf den Skulpturengarten, unter anderem mit einem dynamischen Stahlgebilde von Norbert Kricke. Überdies begegnen dem Besucher Aachener Künstler wie Klaus Schmetz und Joachim Bandau.

Ganz neue Chancen?

Den größten Kostenpunkt verursacht die Unterhaltung des Hauses selbst, für den Bereich Wechselausstellungen steht ein vergleichsweise geringer Etat zur Verfügung. So mutet es selbst wie ein Kunststück an, dass Maria Engels einen Reigen von jährlich bis zu zehn Ausstellungen bewerkstelligen kann. Dabei wäre das Ganze durchaus noch ausbaufähig – die Leiterin denkt an ein Künstleratelier, an Wohnungen für Stipendiaten und an die Einbindung des Hauses in die Euregio. Mit der Einbeziehung anderer Förderprogramme, so die Idee, könnte man ganz neue, potente Partner gewinnen.

So stellt sich die Frage zum Ende der Ära Engels und einem Neubeginn unter veränderten Vorzeichen vielleicht sogar ganz anders: Mit der noch zu klärenden „Konzeption und Ausrichtung der Arbeit“ könnten sich für die „Kunst aus NRW“ in der Alten Reichsabtei auch neue Chancen ergeben...

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