Aachen - Was ein Generalmusikdirektor können muss

Was ein Generalmusikdirektor können muss

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Wie wird man ein guter Dirigent? Lothar Zagrosek meint: learning by doing. Foto: imago/Imagebroker
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Lothar Zagrosek (Foto: Christian Nielinger) erhielt seine musikalische Ausbildung als Mitglied der Regensburger Domspatzen. Foto: Christian Nielinger

Aachen. Nein, zu den Vorkommnissen in Aachen, die dazu führten, dass der Vertrag von Kazem Abdullah nicht verlängert wurde und nun ein neuer Generalmusikdirektor gesucht wird, will sich Lothar Zagrosek nicht äußern. „Ich kenne die Hintergründe nicht“, sagt der 75-jährige Dirigent.

Aber darüber, was einen guten Dirigenten ausmacht und was einen guten Generalmusikdirektor, spricht Zagrosek, der sich für die Ausbildung junger Dirigenten engagiert und selbst langjährige Erfahrungen als GMD an kleinen und später auch großen Häusern gemacht hat, gerne und offen. Unser Redakteur Hermann-Josef Delonge traf auf einen angenehm unprätentiösen, völlig uneitlen Musiker.

Herr Zagrosek, was macht einen guten Dirigenten aus?

Lothar Zagrosek: Zuerst natürlich: Er muss ein hochbegabter Musiker sein. Aber er muss auch eine klare Vorstellung haben von dem, was er will. Er muss in der Lage sein, diese Vorstellung so zu vermitteln, dass das Orchester es versteht und akzeptiert. Er muss auch die Musiker überzeugen, die aus einer anderen Richtung auf das Werk schauen. Aber natürlich gilt Sarastros Spruch aus der „Zauberflöte“ auch für einen Dirigenten: „Zur Liebe will ich dich nicht zwingen.“

Sie blicken auf eine lange Karriere zurück. Hat sich das Image des Dirigenten in dieser Zeit verändert? Gibt es den „Diktator“ am Pult noch?

Zagrosek: Nein, das hat sich total verändert. Es wäre auch überhaupt nicht mehr zeitgemäß, wenn jemand heute noch so agieren würde wie zum Beispiel Toscanini. Er würde die erste Probenwoche mit einem Orchester nicht überstehen – und das völlig zu Recht. Natürlich muss man seinen Stil entwickeln und durchsetzen. In meinen Anfangsjahren in Mönchengladbach/Krefeld war ich bestimmt auch strenger und unduldsamer. Heute aber weiß ich, dass man bessere Ergebnisse erzielt, wenn man auf Augenhöhe mit dem Orchester agiert. Denn die Motivation der Musiker ist das größte Potenzial, das man als Dirigent hat.

Wie wichtig ist Technik?

Zagrosek: Für den Dirigenten wesentlich unwichtiger als für Instrumentalisten oder Sänger. Es gibt übrigens nicht die eine, allgemeingültige, lehrbuchhafte Dirigiertechnik. Das ist wie bei der Handschrift des Menschen: Jede ist völlig anders, aber trotzdem verstehen alle den Text, der geschrieben ist. Ich kenne große Dirigenten, die können überhaupt nicht dirigieren. Aber sie können ein Orchester kraft ihrer Persönlichkeit zu außerordentlichen Leistungen bringen.

Ist jeder gute Dirigent automatisch ein guter Generalmusikdirektor?

Zagrosek: Nicht unbedingt. Man sollte sich über einige Dinge im Klaren sein, bevor man den Posten eines GMD anstrebt. Denn der bringt ein Aufgabenspektrum mit sich, das über das reine Dirigieren weit hinausgeht. Ein Generalmusikdirektor muss natürlich für die Orchestermusiker da sein, für das Opernensemble, für die Chöre. Er muss aber auch für das Publikum da sein. Er muss gesellschaftlich repräsentieren. Er muss mit den Medien umgehen können. Er muss mit der Lokalpolitik zurechtkommen. Er muss Sponsoren werben und pflegen. Er muss innovative Formate entwickeln. Er muss sich in Etatverhandlungen positionieren und durchsetzen. Er muss Kontakte in die Musikverlage haben, er muss Agenten und Solisten kennen. Er muss sich mit der Region, in der er arbeitet, beschäftigen und sich dort irgendwann auskennen. Das ist eigentlich unmenschlich viel.

Bedauern Sie, dass diese „außermusikalischen“ Aufgaben immer wichtiger geworden sind?

Zagrosek: Im Gegenteil. Das ist doch eine wunderbare Herausforderung und Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen. Man steht im Mittelpunkt einer ganzen Region – jedenfalls was die Musikwelt betrifft – und kann in alle Richtungen aktiv werden.

Das ist aber auch eine Typfrage. Das kann nicht jeder.

Zagrosek: Stimmt. Aber es ist der einzige Weg, um in diesem Amt überleben zu können.

Wie wird man GMD? Empfehlen Sie die klassische Ochsentour: Assistent, Kapellmeister, Gastspiele und dann erst als Chef an ein Haus?

Zagrosek: Ich habe es jedenfalls so gemacht, und es war richtig für mich. Aber es gibt den Königsweg nicht mehr. Man kann diesen Weg heute abkürzen, wenn man sich über einen Dirigentenwettbewerb empfiehlt oder eine große, internationale Agentur hat. Wenn man die Traditionen und Strukturen der deutschen Musiklandschaft allerdings nicht kennt und vielleicht aus dem Ausland und unerfahren auf einem GMD-Posten landet, kann das zu einem Problem werden. Das sollte man bei der Besetzung unbedingt beachten.

Ist der Titel eines Generalmusikdirektors in Deutschland immer noch herausragend und erstrebenswert für junge Dirigenten?

Zagrosek: Ich glaube ja. Auch wenn dieser Titel total antiquiert ist und in einer Zeit entstanden ist, als militärische Begriffe auch die Kultur beherrschten. Die Bezeichnung „Generalmusikdirektor“ ist eigentlich untragbar. Aber das damit verbundene Amt ist außerordentlich faszinierend. Das gibt es nur in den deutschsprachigen Ländern. Es ist so einmalig wie unsere Theater- und Orchesterlandschaft.

In Aachen hatten sich über 80 Kandidaten für den Posten des GMD beworben. Das zeigt einerseits, wie begehrt diese Position ist. Das zeigt aber auch, wie eng der Arbeitsmarkt für junge Dirigenten ist.

Zagrosek: Das ist ein großes Problem. Es ist wahnsinnig schwierig für junge Dirigenten, ihren Weg zu finden. Und dann kann es auch ganz schnell passieren, dass man unterwegs scheitert.

Sie kümmern sich intensiv um die Nachwuchsförderung und haben viel Einblick in das System. Also: Wie ist es um die Ausbildung in Deutschland bestellt?

Zagrosek: Zu meiner Zeit gab es keine Möglichkeit, sich während des Studiums als Dirigent auszuprobieren. Das hat sich sehr geändert, auch dank des Dirigentenforums. Viele Orchester haben erkannt, dass es in ihrem ureigenen Interesse liegt, wenn sie sich an der Ausbildung beteiligen und selbst mit jungen Dirigenten arbeiten. Denn praktische Erfahrung ist essenziell. Ein Dirigent muss sich ab einem frühen Zeitpunkt selbst finden; er muss erkunden können, ob er mit einem Orchester zurechtkommt. Und er muss permanent nachjustieren. Das kann ihm kein Professor abnehmen. Der kann eine Basis legen und dem jungen Dirigenten vermitteln, worauf er bei der Probenarbeit achten muss. Aber im Grunde gilt: learning by doing.

Sie haben die Eigenschaften aufgezählt, die ein GMD neben der musikalischen Begabung haben sollte. Werden junge Dirigenten ausreichend auf diese Dinge vorbereitet?

Zagrosek: Viele Dirigenten scheitern nicht an einer mangelnden musikalischen Kompetenz, sondern an ihrer kommunikativen Unfähigkeit. Das wird in der Ausbildung viel zu wenig berücksichtigt. Beim Dirigentenforum bieten wir deshalb Seminare an, in denen genau diese Punkte besprochen und vermittelt werden: das Verhalten gegenüber den Musikern, aber auch das Positionieren im Musikbetrieb. Da sind wir noch ganz am Anfang, das muss intensiviert werden.

In Aachen stehen drei Kandidaten in der letzten Runde: der Engländer Christopher Ward, der US-Amerikaner Ido Arad und der Schwede Per-Otto Johansson. Kann man daraus schließen, dass es nicht so viele junge Dirigenten aus Deutschland gibt?

Jagrosek: Das kann man so nicht sagen. Natürlich hat die Globalisierung auch die Musikwelt erfasst. Und Deutschland ist immer noch ein Sehnsuchtsort für junge Dirigenten und Musiker. Meine Beobachtung ist aber, dass es durchaus eine Reihe von sehr guten Nachwuchsdirigenten aus Deutschland gibt. Deshalb bin ich etwas verwundert, dass in Aachen kein Deutscher unter den letzten drei ist. Aber das kann auch Zufall sein.

Kein Zufall ist aber, dass keine Frau dabei ist. Der Frauenanteil unter den Dirigenten und vor allem Generalmusikdirektoren ist immer noch verschwindend gering. Woran liegt das? Was kann man tun?

Zagrosek: Ehrlich gesagt: Ich bin total ratlos und auch wütend darüber, dass sich das nicht geändert hat. Ich kann Ihnen nicht sagen, woran es liegt. Natürlich sind Frauen genau so begabt. Aber vielleicht steckt in den Köpfen der Entscheider noch das alte, aber falsche Bild vom Dirigenten, der autoritär am Pult steht und herrscht – und sie verbinden dieses Bild mit einem Mann. Und vielleicht fühlen sich nur wenige junge Frauen dazu ermutigt, diesen Beruf zu ergreifen. So oder so: Da geht viel Potenzial verloren.

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