„Warten auf Godot“: Stummfilm und Clownerei lassen grüßen

Von: Eckhard Hoog
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Samuel Becketts „Warten auf Godot“ im Theater Aachen: mit (von links) Thomas Hamm, Philipp Manuel Rothkopf, Tim Knapper und Markus Weickert. Die knapp dreistündige Inszenierung lebt vor allem vom körperbetonten Spiel der Darsteller, die eigens von dem Bewegungstrainer Tony De Maeyer gecoacht wurden. Foto: Marie-Luise Manthei

Aachen. Da sage noch einer: „‚Warten auf Godot‘? Da spielt sich auf der Bühne nichts ab!“ Das Theater Aachen liefert gerade den ultimativen Gegenbeweis, dass Samuel Becketts harter Brocken so witzig wie eine Folge von pantomimischen Clownsnummern, so choreographisch wie ein Tanzstück und so unwirklich komisch wie ein Stummfilm inszeniert werden kann.

„Man muss das alles artifiziell, ballettartig machen, sonst wird alles zur Nachahmung – Nachahmung von Wirklichkeit“, erklärte der Autor selbst einmal das Rezept für eine gelungene „Godot“-Regie. Christian von Treskow hat diese Empfehlung ernsthaft wörtlich genommen und im Verein mit dem Bewegungstrainer Tony De Maeyer und überaus gelehrigen Darstellern eine körperbetonte Interpretation dieser zelebrierten theatralischen Ödnis auf die Bühne gebracht.

Das Publikum singt mit

Beide – von Treskow wie De Maeyer – sind Jünger eines von dem russischen Theaterregisseur und Schauspieler Vsevolod Emilevitch Meyerhold in den zwanziger Jahren entwickelten „biomechanischen“ Schauspielsystems. Da wird jede Fußbewegung des Darstellers mindestens so wichtig wie das, was seinem Munde textlich entfährt. Genau das richtige Konzept, um die in geschichts- und zeitloser Wüste verharrenden Protagonisten Estragon (Philipp Manuel Rothkopf) und Wladimir (Tim Knapper) komödiantisch und überhaupt lebendig aufzupeppen.

Das Dasein mag noch so sinnlos erscheinen – wenigstens lässt sich der absurden Existenz ein Rest von Witz entlocken. Und das Grübeln darüber – womöglich über bodenlose philosophische Untiefen – das hat sowieso keinen Zweck. Stattdessen stimmt Wladimir gleich nach der Pause – das Ganze dauert knapp drei Stunden – die Melodie „Mein Hut, der hat drei Ecken“ an, bereichert um die Variante, wo der Hund in die Küche kommt, und das Publikum gesten- und erfolgreich dazu animiert, das Lied mitzusingen. Parkett und erster Rang – ein einziger Chor. Als „Luftpianist“ spielt Tim Knapper dabei fröhlich auf einer imaginären Tastatur, die Töne kommen aus dem Lautsprecher. Damit spätestens ist die alles entscheidende Beckett‘sche Frage „Wo sind wir eigentlich?“ eindeutig beantwortet: im Theater. Alles nur ein Spiel.

Der Baum ist ein Mast

Dazu passt denn auch, dass der unvermeidliche Baum in dem Stück hier eine Art Mast ist, oben eingeknickt, sonst aber rein aus silbrigem Metall bestehend (Ausstattung: Dorien Thomsen und Sandra Linde). Dass man sich daran nicht wirklich aufhängen kann, erkennen selbst die beiden Bowler-behüteten Unglücksraben, wenngleich sie an der bewusstseinsgetrübten Wahrnehmung „Baum“ beharrlich festhalten.

Sie befinden sich in einer Art Kohlenkeller: Ein Berg von ungenutzten Briketts – womöglich Zeuge der beginnenden Energiewende – führt zum Ausgang aus dieser elenden Lage, in der sich nichts ereignet, außer dass es immer wieder in den Füßen juckt. Gelegentlich erfasst Estragon dabei das Krankheitsbild von Fallsucht und Krampfleiden, wenn er sich auf dem Boden windet und sein Fuß sich überfallartig zuckend selbstständig macht.

Überhaupt: Körperbeherrschung ist alles. Geradezu akrobatischen Gleichgewichtssinn beweisen die weltlosen Gesellen, wenn sie in verknickter Beinhaltung irgendwie noch stehen bleiben und nicht umfallen, und wenn sie umfallen – dann richtig, mit Rolle vor-, seit- und rückwärts. Wie viel intensives Training dazu nötig war, das lässt allein Tim Knappers schwebend-schleichender Gang erahnen, mit dem er immer wieder das trübe Geviert der Bühne ausmisst. Das Innere nach außen kehrend. Und wenn die Zeit mal wieder stehen bleibt, dann wirkt die Szene, als ob der Stummfilm gerissen ist: Nichts tut sich. Nirgends.

Ergreift plötzlich Mut oder das eingeredete Gefühl des Glücklichseins die miteinander verhafteten clownesken Kumpane, dann stoben sie aufeinander zu – und brechen die gelenkige Bewegung und jedes Lachen sogleich wieder ab: Hat ja sowieso alles keinen Zweck.

Alle vier am Boden

Vorübergehende Abwechslung ins existenzielle Einerlei bringen der ebenfalls unvermeidliche Pozzo (Thomas Hamm) und sein halsmäßig angeseilter Diener Lucky (Markus Weickert), der in einem befohlenen, stammeligen Denkanfall die Weltgemeinschaft vor irgendwas vergeblich warnt. Verloren am Boden liegen letztlich alle vier, die Zeit ist endgültig stehen geblieben. Auch das ein Bild wie choreographiert.

Fast unfassbar, wie die Schauspieler neben dem beachtlich umfangreichen Text auch noch den ganzen Bewegungskomplex mit all der Turnerei, den Grimassen, körperlichen Zuckungen und statischen Schwierigkeiten im Griff haben. Philipp Manuel Rothkopf, Tim Knapper, Markus Weickert und Thomas Hamm machen rein körperlich klar: Das Menschsein ist schon ein hartes Brot.

Am Ende gab es viel Beifall vom Publikum für alle Beteiligten auf der Bühne, die Ausstatterinnen, den Regisseur, den Bewegungstrainer und die Zwillinge Simon und Emanuel Heyne, die sich die Rolle des Jungen vor und nach der Pause teilen.

Und Godot? Der soll nach einem 2008 erschienenen Buch des französischen Gymnasiallehrers und Theaterkenners Valentin Temkine in Wahrheit ein Schleuser der Résistance gewesen sein, der 1943 zwei flüchtige Juden aus dem 11. Pariser Arrondissement aus dem von den Nazis besetzten Frankreich heraus nach Italien schmuggeln sollte. – Gleichviel: Er ist schon damals nicht gekommen...

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