Warnstreik: Mit Posaune, Tuba und Trillerpfeife

Von: Hermann-Josef Delonge
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Solidarisch: Mitglieder des Aachener Sinfonieorchesters protestieren am Montag musikalisch und lautstark. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Theatervorplatz statt Orchestergraben oder Eurogress, gelbe Streikweste statt Smoking oder Abendkleid: So erlebt man das Aachener Sinfonieorchester auch nicht alle Tage.Montagvormittag waren die Musiker in für sie offensichtlich ungewohnter Mission (und übrigens nicht in voller Stärke) aufmarschiert und verschafften sich mit massivem Bläsereinsatz Gehör: als Teil eines bundesweiten Warnstreiks gegen Stellenabbau und für Lohnerhöhungen.

Nach Angaben der Deutschen Orchestervereinigung (DOV) beteiligten sich Musiker aus rund 100 staatlichen und kommunalen Klangkörpern. Hintergrund der Proteste sind die am Dienstag in Berlin beginnenden Tarifgespräche zur Übertragung der Lohnabschlüsse des öffentlichen Dienstes auf die Orchester. „Das Maß ist jetzt voll“, erklärte DOV-Geschäftsführer Gerald Mertens. Ein weltweit einmaliges Kulturerbe sei massiv gefährdet. Allein in den vergangenen 20 Jahren seien von ehemals 168 Orchestern 37 verschwunden. „Auch hiergegen richtet sich der bundesweite öffentliche Protest. Wir sagen: Bis hierhin und nicht weiter!“

Protestaktion auch in Aachen

Die Gemengelage ist kompliziert. Der Tarifvertrag für Musiker in den deutschen Kulturorchestern lehnt sich an den Tarifvertrag des Öffentlichen Dienstes an, dessen Gehaltsabschlüsse lange eins zu eins übernommen wurden. Weil der Deutsche Bühnenverein als Arbeitgeberverband diesen Automatismus nicht mehr mitmachen will, schwelt seit 2010 ein Streit zwischen den Tarifparteien. Die Orchestermusiker haben daher seit drei Jahren keine regulären Tariferhöhungen mehr erhalten. Nach Angaben der Deutschen Orchestervereinigung (DOV) liegen die derzeitigen Vergütungen für die Staats- und Kommunalorchester bereits rund acht Prozent unter denen der Beschäftigten des öffentlichen Dienstes. Ein Urteil des Bundesarbeitsgerichts hat noch zusätzliche für Zündstoff gesorgt: Eine automatische Tarifanpassung an den öffentlichen Dienst sei nicht gerichtlich einklagbar, urteilten die Erfurter Richter in der vergangenen Woche und wiesen eine Klage der DOV ab. Nun also kommt den Tarifgesprächen eine große Bedeutung zu – deshalb die Protestaktionen am Montag.

Dabei sind die Mitglieder des Aachener Orchesters noch in einer relativ guten Position: Die Stadt Aachen ist für rund ein Drittel der Lohnerhöhungen unter Vorbehalt in Vorleistung gegangen, für den Rest gibt es Rückstellungen. Doch die Aachener Musiker erklärten sich demonstrativ solidarisch mit den Forderungen ihrer Gewerkschaft. Orchestervorstand Arnd Sartor und der Aachener DOV-Delegierte Philipp Zehm warfen der Arbeitgebervertretung vor, auf Zeit zu spielen und die Forderung nach automatischer Tarifanpassung etwa mit längeren Arbeitszeiten verrechnen zu wollen. Das Argument, die öffentliche Hand habe für die Lohnerhöhungen kein Geld, bezeichneten sie als „Ausrede“, die man nicht gelten lassen könne: „Wenn für 2,2 Millionen Beschäftigte im öffentlichen Dienst das Geld für Tariferhöhungen da ist, sollte es für rund 8500 Orchestermusiker in Ländern und Kommunen auch noch reichen.“

Dass die am Dienstag beginnenden Verhandlungen nicht leicht werden dürften, bewies die Reaktion der Arbeitgebervertretung am Montag. Sie wies die Anschuldigungen der DOV zurück: „Warnstreiks sind zurzeit unzulässig und rechtswidrig, da sich die Musikergewerkschaft über drei Jahre jeder Verhandlung verweigert hat“, sagte Rolf Bolwin, Direktor des Deutschen Bühnenvereins. Die DOV habe den Verhandlungstisch verlassen, um ein gerichtliches Verfahren einzuleiten – das sie nun verloren habe.

Insgesamt gingen am Montag Tausende Musiker in ganz Deutschland auf die Straße. In Schwerin vertauschten Kollegen der Mecklenburgischen Staatskapelle ihre Instrumente mit Trillerpfeifen. Nach Angaben der DOV sollen die Schweriner auf 25 Prozent der Vergütung verzichten und von derzeit 68 Stellen auf 58 schrumpfen. In Chemnitz sieht es nicht besser aus. Dort sollen sich die 99 Musiker der Robert-Schumann-Philharmonie fortan 86 Stellen teilen. Laut DOV drohen der Staatskapelle Halle und den Hamburger Symphonikern die Insolvenz. Die Anhaltische Philharmonie Dessau laufe Gefahr, abgewickelt oder in die Staatskapelle Halle eingegliedert zu werden.

Auch die Flaggschiffe der deutschen Orchesterkultur beteiligten sich am Protest. Die Berliner Philharmoniker begannen ihren Probentag mit einer Kundgebung: „Denn auch wir tragen eine hohe Verantwortung für die Zukunft der Orchesterkultur in Deutschland“, sagte Orchestervorstand Ulrich Knörzer. Sein Kollege Bernward Gruner von der sächsische Staatskapelle Dresden brachte es so auf den Punkt: Es gehe nicht nur darum, die großen Orchester zu erhalten, sondern auch die Basis. „Es genügen nicht die Leuchttürme allein. Es sind auch die anderen Seezeichen nötig, deren Licht zwar nicht so weit leuchtet, die vor Ort aber existenziell sind für Skipper oder Kapitäne.“

Dass die Orchestermusiker nicht gerade arbeitskampferprobt sind, zeigte sich in Aachen. Die Protestaktion fiel zwischen die Sinfoniekonzerte am Sonntag- und Montagabend (Kritik siehe unten), Proben standen auch nicht an. Sollten die Tarifverhandlungen scheitern, könnte sich die eher zahme Form des Protests aber durchaus ändern.

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