Vuyani Dance Theatre: Bewegungen wie Flügelschläge

Von: Sabine Rother
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Zwei Stücke – zwei Stile: Das Vuyani Dance Theatre mit „Double Bill: Between us” und „Wake Up“ beim Aachener Schrittmacher-Festival. Foto: Andreas Steindl
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Zwei Stücke – zwei Stile: Das Vuyani Dance Theatre mit „Double Bill: Between us” und „Wake Up“ beim Aachener Schrittmacher-Festival. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Sie gehen einem nicht so schnell aus dem Kopf, die intensiven Bilder, die das Vuyani Dance Theatre seinem Publikum eindringlich nahe bringt. Das Schrittmacher-Festival in der Aachener Fabrik Stahlbau Strang ist eben ein Ort der ungewöhnlichen Begegnungen.

Die renommierte südafrikanische Compagnie verscheucht alles, was sich selbst Kenner der Szene in etwa unter zeitgenössischem afrikanischem Tanz vorstellen. Dabei verbinden die acht Tänzerinnen und Tänzer durchaus traditionelle Bewegungsmuster mit Modern Dance, fest wurzelnd in perfekter klassischer Ausbildung und pulsierender Körpersprache.

Zwei Stücke – zwei Stile. „Double Bill: Between us”, choreographiert von Fana Tshabalala, ist ein Stück über die Angst vor Freiheit nach deformierender Unterwerfung. Zwei Tänzer in kolonialer Kleidung – khakifarbene Shorts und Hemden, altmodische Brillen – stehen Hand in Hand und mit leicht gebeugten Knien und dumpfen Blicken da, wie verspätete Schuljungen. Zaghafte Bewegungen steigern sich zum ekstatisch Ausfall einer dämonischen Besessenheit, der Raum weitet sich, wird zitternd erkundet. Jedes Geräusch lässt sie zusammenzucken. Konkurrenz führt zu Aggressionen. Die symbiotische Gemeinschaft der „doppelten Bills” konkurriert mit dem Sog einer Selbstbestimmung, die scheitert. Frappierende, tänzerisch perfekt gestaltete Doppelbilder entwickeln sich, die Gangarten variieren bis hin zum skurrilen Marionettenzappeln, das Tempo nimmt zu. Bald nimmt das Auge Arm- und Beinaktionen nur noch verwischt war, weil sie so schnell sind wie Flügelschläge. Eine mutige und vielschichtige Arbeit zu irritierender Tropfen-Klangcollage. Und bestimmt nicht das, was man üblicherweise als Duett oder Pas des deux erwartet.

Ähnlich und doch wieder ganz anders entwickelt sich das Ensemble-Stück „Wake up”. Das ist junger Tanz mit intensiv gelebter Botschaft zum schweren Takt eines heftig schlagenden Herzens. Was laut und spaßig beginnt, lässt bereits den Kern tief sitzender Emotionen spüren. Sechs Tänzer – zwei Frauen und vier Männer – zeigen, was mit und in ihnen passiert, was nicht nur Südafrika belastet, sondern jede Gemeinschaft, besonders, wenn sie so heterogen ist wie diese. Schon die Auswahl der Akteure durch das Choreographen-Team, den Südafrikaner Gregory Maqoma und den Kongolesen Florent Mahoukou, ist bemerkenswert. Die Hautfarbe vereint sie, aber jeder ist ein anderer Typ – vom etwas schlaksig großen Athleten bis zum zerbrechlich wirkenden filigranen Körperbau.

Das Stück beginnt mit spielerischem Imponiergehabe, die Blicke sind provokant auf das Publikum gerichtet. Dann der blitzartigen Gewaltausbruch, ein fast tödlicher „Rudelangriff” auf einen Einzelnen. Das Ensemble steht permanent unter Spannung, Kraft wird auf den Punkt gebracht, höchste Disziplin sorgt für scharf abgegrenzte Bilder und atemberaubendes Tempo, Muskeln und Gelenke sind bis zur Entgrenzung unter Kontrolle. Stark die Szene, in der die Tänzer selbst im Schneidersitz ihre Körper wie die Kolben einer starken Maschine beben lassen. Da leuchten Gedanken an Voodoo-Zeremonien auf, liegt Street Dance mit all seinem Hinterhof-Staub in der Luft, gibt es religiöse Anklänge. So etwa wenn die Frauen ihre Tücher vor sich tragen, als wollten sie den gekreuzigten Christus begraben. Und immer wieder die Erkenntnis, dass die Gruppe ein Opfer sucht, das man zuckend und hilflos abseits liegen lässt. Da gibt es auch bei den Frauen kein Erbarmen. Ein beeindruckender Abend, den das Publikum mit donnerndem Applaus honoriert.

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