Von wegen plump: Die Kuh, ein unterschätztes Lebewesen

Von: Marco Rose
Letzte Aktualisierung:
8938450.jpg
Künstlerin neben Charakterkopf: Ursula Böhmer zeigt im Raum für Kunst ihre eindrucksvollen Porträts von Kühen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Der Blick: neugierig und freundlich, ein bisschen stolz sogar. Die Statur: ungemein kraftvoll, von einer ganz natürlichen Würde und gar nicht so plump wie erwartet. Und die Wirkung? Betrachter, die aus dem Staunen nicht mehr herauskommen! Das bitteschön sollen Kühe sein?

Ursula Böhmer, Jahrgang 1965, hat „dem lieben Vieh“ ein fotografisches Denkmal gesetzt. Die in Aachen geborene Künstlerin beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Sujet Kuh. Ihre Porträt-Reihe „All Ladies“ hat in der Szene für Furore gesorgt, war sogar im Europaparlament zu sehen.

Es ist zum einen der streng dokumentarische und formale, noch von den legendären Bechers inspirierte Stil, der diese Reihe auszeichnet. Reduziert auf das Wesentliche, in Schwarz-Weiß und dem immer gleichen Blickwinkel hat Böhmer Rindviecher in ganz Europa abgelichtet. Mit ihrer analogen Mittelformat-Kamera ist sie dazu auf Wiesen und Weiden von Norwegen bis nach Griechenland unterwegs gewesen. Zum anderen – und das ist wohl entscheidend – nähert sich Böhmer ihren tierischen Protagonisten voller Respekt und Sensibilität.

Man spürt und sieht das in jedem Bild. Böhmers Kühe haben jede Menge Charakter; sie sind quasi der Gegenentwurf zu jenen geschundenen Kreaturen, die die moderne Vieh- und Milchwirtschaft bisweilen hervorbringt. Das kommt nicht von ungefähr, schließlich hat die Fotografin weite Strecken zurückgelegt, um alte und teilweise vom Aussterben bedrohte Haustierrassen vor die Linse zu bekommen.

Vor zwei Jahren waren einige Bilder der inzwischen in Berlin lebenden Fotografin bereits in Kornelimünster zu sehen. Der Raum für Kunst in Aachen widmet Böhmer nun die erste Einzelausstellung in der alten Heimat. Erstmals zeigt die Künstlerin in Aachen unter dem Titel „Travelogue“ Körperstudien von Kühen und Pferden.

Dazu ist sie den Tieren sprichwörtlich auf den Pelz gerückt. Böhmer beschränkt sich in ihren neuen Arbeiten nämlich ganz auf Details, bildet zum Beispiel steile Hüftknochen und als solche kaum zu erkennende Halsfalten von Kühen ab. Licht und Schatten modellieren das Fell der Tiere, deren haarige Körper sich vor der Kamera in merkwürdig vertraute Landschaften zu verwandeln scheinen. Sanft geschwungene Bergkämme, mit Schnee bedeckte Gipfel und saftige Almwiesen meint der Betrachter auf den Fotos zu erkennen.

„Kühe wurden schon in den frühen Höhlenzeichnungen abgebildet, weil sie etwas Mystisches haben“, sagt Ausstellungsmacherin Helga Scholl. „Sie schaffen Leben aus dem Nichts, aus Gras machen sie Verwertbares. Für den Menschen waren sie daher seit jeher von existenzieller Bedeutung.“ Ursula Böhmer, die „Beinahe-Vegetarierin“, hat diese Mystik auf bemerkenswerte Weise neu entdeckt.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert