Von modernen Giganten bis zum PC-Spiel

Von: Dorothea Hülsmeier und Eckhard Hoog
Letzte Aktualisierung:
45674576
Die Schau des Jahres in Aachen gehört zu den Höhepunkten des Ausstellungsjahres 2016 in NRW: „Schöner als die Wirklichkeit – Die Stillleben des Balthasar van der Ast (1593/94-1657)“. Gezeigt wird sie zur Zeit der Kunstmesse Tefaf in Maastricht. Foto: Suermondt-Ludwig-Museum
5675467
In eine neue Ära geht ab 1. Februar das Aachener Ludwig Forum über: Dann übernimmt der 1968 im schleswig-holsteinischen Uetersen geborene Kunsthistoriker Andreas Beitin als Nachfolger von Brigitte Franzen das Direktorenamt. Foto: Felix Grünschloß

Aachen/Düsseldorf. Degas, Rodin, Richter, Polke – natürlich findet man auch große Namen unter den Kunstausstellungen in Nordrhein-Westfalen 2016. Doch übermäßig viele sind es nicht. Quer durch das Land versuchen die Museen vielmehr, Kunst aus ungewöhnlichen Blickwinkeln zu betrachten.

Eine Übersicht:

Giganten im Dialog: Ohne den Maler Edgar Degas und den Bildhauer Auguste Rodin, die beide 1917 starben, wäre die Moderne nicht denkbar. Beide kannten und schätzten sich, beide warfen Regeln über Bord. Das von Kritikern immer wieder hochgelobte Von der Heydt-Museum in Wuppertal stellt die beiden Impressionisten ab Ende Oktober in der Schau „Giganten im Wettlauf zur Moderne“ nebeneinander.

Zweiter Künstlerdialog: Sigmar Polke und Gerhard Richter – beide kannten sich so gut, dass sie „nicht mehr miteinander pokern konnten“. „Schöne Bescherung“ heißt die humorvolle Ausstellung im Museum Morsbroich in Leverkusen, die von März an auch mal einen Blick in trivialere Gefilde der beiden Superstars wagt.

Augenweide zur Tefaf: Das Aachener Suermondt-Ludwig-Museum setzt wie jedes Jahr bereits Anfang März parallel zur Maastrichter Kunstmesse Tefaf den Höhepunkt des Jahres: Diesmal liefert ihn der in Middelburg geborene niederländische Meister Balthasar van der Ast (1593/94-1657) mit grandiosen Stillleben unter dem bezeichnenden Titel „Schöner als die Wirklichkeit“. Er kombinierte auf raffinierte, augentäuschende Wei-
se schillernde Insekten mit wunderbaren Blüten und chinesischem Porzellan.

Grenzgänge: Das Tanztheater der 2009 gestorbenen legendären Wuppertaler Choreographin Pina Bausch ist nun museumsreif. Die Bundeskunsthalle Bonn widmet der Pionierin von März an eine Ausstellung mit Objekten, Installationen, Fotografien und Videos aus dem Pina-Bausch-Archiv. Sogar der einstige Probenraum in einem alten Wuppertaler Kino wird nachgebaut. Im Herbst wird in Bonn auch der Rhein biografisch und kulturhistorisch betrachtet.

Private Sammlungen: Gleich mehrere Häuser präsentieren Werke aus bekannten Privatsammlungen. Im Oktober breitet das Museum Folkwang in Essen mit „Dancing with Myself“ moderne Kunst aus der Sammlung des französischen Multi-Milliardärs François Pinault aus. Die Schau legt den Schwerpunkt auf Selbstdarstellungen von Künstlern wie Cindy Sherman oder Gilbert & George.

Die Kunstsammlung NRW in Düsseldorf präsentiert ab April erstmals einer größeren Öffentlichkeit Ausschnitte aus der Kunstsammlung des Henkel-Konzerns. Fast 4000 Werke hat die Mäzenin Gabriele Henkel über Jahrzehnte zusammengetragen. Den Weg vom amerikanischen abstrakten Expressionismus zur Konzeptkunst verfolgt das Haus ab Ende September.

Dann werden in der Ausstellung „Wolke und Kristall“ Werke aus der von der Kunstsammlung angekauften Sammlung des Düsseldorfer Galeristen Konrad Fischer mit museumseigenen Arbeiten kombiniert. Fischer hatte seit dem Ende der 1960er Jahre die Deutschen mit amerikanischer Konzeptkunst und Minimal Art vertraut gemacht.

Im Kölner Wallraf-Richartz-Museum treten Meisterwerke unter anderem des Impressionismus und der Klassischen Moderne mit der Schweizer Sammlung Bührle in Dialog. In den 50er Jahren waren beide Häuser Konkurrenten auf dem Kunstmarkt. Das Dürener Leopold-Hoesch-Museum zeigt ab Juni in der Ausstellung „Artists‘ Painters“ Werke internationaler Künstler, für die das Rheinland in den 1980ern einen signifikanten Standort darstellte. Die Werke von Cora Chohen, Greg Kwiatek und Chris Newman stammen aus der Kölner Privatsammlung von Dirk Schroeder. Dazu zählen auch Gemälde und Papierarbeiten des Cobra-Künstlers Pierre Alechinsky.

Fotografie: Das gesamte Jahresprogramm des Kunst- und Kulturzentrums der Städteregion Aachen in Monschau (KuK) widmet sich dem Schwerpunkt Fotografie mit vier viel versprechenden Ausstellungen. Die erste gilt ab Februar dem US-Amerikaner Ken Heyman. Sein Bildmateriel entstand ab 1956 bei über 60 Reisen in alle Teile der Welt. Er richtete seinen Blick auf soziale Brennpunkte, aber er begleitete auch Künstler wie Andy Warhol und Roy Lichtenstein bei ihrer Arbeit.

Will McBride, ebenfalls US-Amerikaner, verliebte sich in den fünfziger Jahren in die Stadt Berlin. 120 Motive zeigt das KuK ab April. Mehr als 50 Jahre schlummerten die Exponate der ersten Ausstellung der legendären Pariser Agentur Magnum vergessen in einem Innsbrucker Keller – ab Juli wird sie im KuK rekonstruiert. Die revolutionären Aufnahmen aus sechs Jahrzehnten der amerikanischen Fotografin Berenice Abbott beschließen im KuK ab Oktober das Jahresprogramm mit einem weiteren Höhepunkt.

Das Museum Folkwang widmet dem Fotokünstler Thomas Struth, Absolvent der berühmten Becher-Klasse, ab März eine Werkschau mit aktuellen Arbeiten von 2007 bis 2015. Struths Künstlerkollege Andreas Gursky präsentiert ab Juli in der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf neue Arbeiten, und zwar im Dialog mit US-Heroen wie Robert Rauschenberg und Mark Rothko.

Im NRW-Forum Düsseldorf werden ab Februar rund 250 Werke des „Königs der Modefotografie“, Horst P. Horst (1906-1999) gezeigt. Von Marlene Dietrich bis Coco Chanel – der „Vogue“-Fotograf bekam alle vor die Linse. Das Museum für Gegenwartskunst in Siegen enthüllt ab Juni ein fotografisches Geheimnis: Der Maler Hans Hartung (1904-1989) war nicht nur ein Pionier der abstrakten Informel-Kunst, in seinem Nachlass befinden sich auch 30 000 Foto-Negative.

Malerei: Dem rheinischen Expressionismus und zeitgenössischen Positionen der Malerei widmet das Dürener Leopold-Hoesch-Museum die Frühlingsausstellung „Materie Malerei“ ab Anfang März – darunter Werke von den beiden  in Köln lebenden und arbeitenden Künstlern David Ostrowski und Michail Pirgelis.

Skulptur/Installation: In eine umfassende Rauminstallation verwandelt ab März die Künstlergruppe Konsortium (Lars Breuer, Sebastian Freytag und Guido Münch) die zentrale Ausstellungshalle im Aachener Ludwig Forum. 15 teilnehmende Künstlerinnen und Künstler versammeln hier eigens für diesen Ort produzierte Werke aller Gattungen in der künstlerischen Sprache historischer Avantgarden. Das reicht von klassizistischen Formen bis zur Computerspiel-Ästhetik unserer Tage.

Das Von der Heydt-Museum präsentiert ab April eine Retrospektive des Wahl-Wuppertalers Tony Cragg. Dem „Malerfürsten“ und Bildhauer Markus Lüpertz widmet das Duisburger Museum Küppersmühle zu dessen 75. Geburtstag ab März eine Werkschau. Die spielerischen Maschinen des Schweizers Jean Tinguely (1925-1991) rotieren ab April im Museum Kunstpalast in Düsseldorf.

Der besondere Blick: Der Kunst der Langsamkeit spürt das Kunstmuseum Bonn ab Juni in den Werken von 30 internationalen Künstlern von Bruce Nauman bis Chris Martin nach. Im Museum Ludwig in Köln, das mit einer großen Ausstellung auch sein 40-jähriges Jubiläum feiert, sind ab April Fernand Légers Wandgemälde für Privathäuser und öffentliche Gebäude zu sehen. Draußen und drinnen spielt die Ausstellung „Lasst Blumen sprechen!“ im Museum Moyland. Der Titel ist Programm: Es geht um Blumendarstellungen von Andy Warhol über Gerhard Richter bis zu Pipilotti Rist.

Die europaweit erste Ausstellung des bildnerischen Werks der britischen Künstlerin und Musikerin Antony Hegarty ist ab Juli in der Kunsthalle Bielefeld zu sehen. Hegarty gilt als wichtige Identifikationsfigur für die transsexuelle Bewegung.

Fragezeichen Gurlitt: Die Herkunft der Kunstsammlung von Cornelius Gurlitt ist noch nicht restlos erforscht. Dennoch will die Bundeskunsthalle Bonn Ende 2016 Bilder aus der umstrittenen Sammlung zeigen.


Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert