Vom Techno-Beat bis zur Sprachakrobatik

Von: Sabine Rother
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Kampf mit dem Mantel: Annalisa Derossi faszinierte das Publikum mit tänzerischem Ausdruck während der ersten Aachener Performance Night im Theater. Die Kooperation mit der Toneelacademie Maastricht und dem Festival Cultura Nova fand erstmals statt. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Im vollbesetzten Zuschauerraum der Kammerspiele ist es heiß, dann wird es dunkel. Im Lichtkegel erscheint ein schlanker Mann, ganz in Schwarz gekleidet aufrechte Haltung, der Kopf teilweise rasiert, und er beginnt in gepflegtem Englisch eine grausige, sich zunehmend verzweigende Geschichte zu erzählen, die an einem rätselhaften Ort spielt: „in the middle of nowhere...”.

Was harmlos beginnt, steigert sich zur Orgie aus Gewalt, Vergewaltigung und Perversität. Das Publikum lauscht gespannt - kein Huster, kein Rascheln. „Bobby Baxter Beats a Beast” ist ein Text, den Thomas Dudkiewicz selbst entwickelt hat und ihn nun mit feierlicher, sparsamer Gestik vorträgt - eine von 14 Performances an sieben Plätzen im Theater, das sich am Wochenende erstmals einer „Aachener Performance Night” öffnete.

Im Rahmen einer internationalen Initiative haben hier Theater K, Theater Aachen sowie von niederländischer Seite die Toneelacademie Maastricht und das Cultura Nova Festival Heerlen ein ausgefallenes Ereignis für alle geschaffen, die bereit sind, Tragisches und Komisches, Lautes und Leises in Wechselbädern zu genießen oder zu ertragen. Das war nicht immer leicht, denn die über 500 Zuschauer liefen zu Anfang ein wenig genervt durcheinander.

Man hat Zeit bis 2 Uhr früh. Überall gibt es Requisiten, ob im Parterre der Rehbock mit Brautschleier aus „Des/Jägers/Meisters/Lust” oder Sarg, Bildschirme und Zettel im Foyer des zweiten Rangs, wo Schauspieler Joey Zimmermann seine meditative Botschaft „Der Postchrist” in ein konzentriertes Ritual umsetzt. Die ewige Frage nach der Beziehung zwischen Gott und Mensch trägt er barfüßig in schwarzer Kutte den Zuschauern an.

In die große Stille dringen Geräusche aus einem anderen Teil des Hauses. Von Minute zu Minute verstärkt sich die Verknüpfung zwischen Spielorten, Akteuren und Besuchern. Da verbergen sich hinter schlichten Titeln große Szenen: „Bewegte Bilder” hat Annalisa Derossi - Tänzerin, Musikerin - ihren Soloauftritt im Spiegelfoyer genannt, bei dem sie musikalisch-tänzerische Kraft unter Beweis stellt, eine grandiose Performerin.

Gemeinsam mit den deutschen Künstlern sind es immer wieder die zwölf Gäste aus den Niederlanden, die für Spannung sorgen. Zum Beispiel Evelyne Verhellen, die an der Toneelacademie bei Woody Laurenz (54), Dozent für Performance, studiert hat. „Mein Thema sind Erinnerungen und Erinnerungsstücke, die sie tragen”, erzählt sie. Ihr Aktionsraum ist die Garderobe, an der man heute solche Stücke findet.

„Man kann sie austauschen und so eine neue Erinnerung annehmen”, meint die Künstlerin, die zwischen einem kuriosen Sammelsurium sitzt: Schirme, Kleider, Stofftiere, eine Schreibmaschine, Schlittschuhe, Fotoalben. „Performen bedeutet, dass man etwas ganz tief aus dem eigenen Inneren hervorholt, dort ist die Quelle, das lässt Künstler authentisch sein”, betont Laurenz.

Und das beherrschen gleichfalls die Leute vom Theater K. Witzig und surreal haben Annette Schmidt, Jürgen Sturm, Anirahtak und Simone el Mellouki Riffi ein Stückchen modernes Musiktheater mitgebracht. Das Ringen um Worte und Gedanken wird zu Tanz, Gesang, Atem und Ächzen, zu einem Kichern, zum verspottenden Echo oder tiefen Grummeln: „Expressis Creaturis oder über das Daliegen”.

Und schon eilt man wieder treppab. Es ist 23 Uhr. Von vielen mit Spannung erwartet: „The Gabber Opera”, eine eindrucksvolle Produktion der Toneelacademie. „Gabber”, der Name für eine heftige Variante des Hardcore Techno, prägt die Auseinandersetzung des Ensembles mit Verführung und Macht, Naivität und Demagogentum, gesellschaftlichen Mechanismen, die im Glaskasten wie in einem Treibhaus ausgebrütet werden, bis ein Fremder auftaucht und sie zu einem irrwitzigen Tanz verlockt. Harte Beats, die sofort in die Magengrube fahren, verlangen vom Publikum Stehvermögen.

Wie das Phänomen „Gabber” balanciert das Stück zwischen links- und rechtsextremer Optik, denn oft werden die Männer in Trainingsanzügen den Skinheads zugeordnet. Der deutsch-niederländische Slogan „United Gabbers Against Racism & Fascism” soll dem entgegensteuern. Volker Straebels stille „Novalis-Bestimmung” bietet hier ein Kontrastprogramm, wie es extremer nicht sein könnte.

Der Gast aus Berlin liest aus dem Novalis-Werk „Heinrich von Ofterdingen” - allerdings nur Adjektive und adverbiale Bestimmungen. Ruhig, beherrscht, emotionslos liefert er Begriffsketten wie „bergan, bemoost, lichter” - Raum für Imaginationen. Das halten nicht alle aus. Zu dieser Zeit hat im Spiegelfoyer die Geisterstunde begonnen, ruft Annette Schmidt als „weiße Frau” vom Fenster aus den Kummer der Welt mit Rilkes „Aus einer Sturmnacht” in die Dunkelheit, während die Musiker Heribert Leuchter und Steffen Thormählen Beschwörungen improvisieren. Mit ihnen klingt irgendwann die Performance Night aus.
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