Viertes Sinfoniekonzert: Liza Ferschtman über das „Erlebnis Musik“

Von: Sabine Rother
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Instrumentale Perfektion ist ihr wichtig, aber das Gefühl muss stimmen: Liza Ferschtman steht Samstag und Sonntag mit dem Sinfonieorchester Aachen auf der Bühne. Foto: Marco Borggreve

Aachen. Wenn sie zu ihrer Geige greift und den Bogen ansetzt, schwingt im Klang weit mehr mit als die Melodie einer Komposition: Die niederländische Virtuosin Liza Ferschtman, eine Künstlerin mit russischen Wurzeln und einem offenen Blick für die Welt, will erzählen, berühren, die Zuhörer mitnehmen auf die abenteuerliche Reise hin zum „Erlebnis Musik“.

Die Solistin beim 4. Sinfoniekonzert am Sonntag, 14. Februar, und Montag, 15. Februar, musiziert nicht zum ersten Mal mit dem Sinfonieorchester Aachen – damals war es ein Konzert in Belgien unter der Leitung des ehemaligen Generalmusikdirektors Marcus Bosch. „Ich bin jetzt sehr gespannt auf Kazem Abdullah“, gesteht sie im Gespräch mit unserer Zeitung. „Mit dem Orchester habe ich mich jedenfalls gut verstanden.“

Der Abend steht unter dem Motto „Östliches Europa“. Weckt das bei Ihnen besondere Emotionen?

Ferschtman: Natürlich spielen meine russischen Wurzeln eine Rolle, besonders die Ausstrahlung der musikalisch-intellektuellen Kreise des 20. Jahrhunderts.

Was fasziniert Sie besonders an der Musik dieser Zeit?

Ferschtman: Es ist die unglaubliche Fantasie, die Lust am Geschichten-Erzählen. Ich denke da gern an die russischen Märchenbücher, die ich hatte, diese wunderbaren Bilder. Das war prägend.

Setzen Sie das in Ihrer Musik um?

Ferschtman: Ja, durchaus, und ich möchte die Zuhörer mitnehmen in diesen Farbenreichtum, dieses Wohlfühlen. Andererseits ist Ludwig van Beethoven einer meiner Lieblingskomponisten. Auch hier sehe ich gewaltige musikalische Bilder, aber die sind ganz anders.

Sie werden Karol Szymanowskis Violinkonzert Nr. 1 aus dem Jahr 1916 nach einem Gedicht von Tadeuz Miciski in Aachen spielen. Wieder eine Geschichte?

Ferschtman: Ein wunderschönes, außergewöhnliches Werk. Szymanowski ist mir zum Glück schon vertraut, ich habe seine „Mythen“ op. 30 gespielt. Dieses Violinkonzert ist ein vertontes, romantisches Liebesgedicht, ein Nachtgedicht, das uns in eine Traumwelt führt, dunkel, schön und mystisch, zum Schluss klingt es weich aus.

Wie werden Sie dieses Werk in Aachen umsetzen?

Ferschtman: Es gibt zwar einzelne Sätze, aber ich spiele es mit einem langen Atem quasi in einem Stück. Die Übergänge sind gleitend, es ist ein Tongedicht für Geige.

Sie sind als Solistin mit internationalen Orchestern unterwegs, widmen sich andererseits der Kammermusik. Gibt es da Gemeinsamkeiten oder reizt Sie die Abwechslung?

Ferschtman: Auf jeden Fall empfinde ich Gemeinsamkeiten. Kammermusik bedeutet für mich intensive Beschäftigung mit der Musik. Das kann mit wenigen Leuten oder mit einem großen Orchester geschehen. Es gibt ja viele Werke, unter anderem von Beethoven, da spielt man als Solist die ganze Zeit, auch als Orchesterstimme. Im kleinen Kammerensemble trainiere ich die Flexibilität, das Hinhören, die ich auch in Zusammenarbeit mit dem Orchester brauche.

Sie sprechen von instrumentalem und musikalischem Spiel, wie ist das zu verstehen? Wie ist der Zusammenhang?

Ferschtman: Die Qualität des Spiels muss stimmen, die instrumentale Perfektion. Sie muss der Musik und dem Ausdruck dienen, sollte ihn jedoch nicht dominieren.

Was hat Sie stark geprägt? Gibt es eigentlich ein Orchester, einen Dirigenten, die Sie besonders beeindruckt haben?

Ferschtman: Ganz sicher das Budapest Festival Orchester unter der Leitung von Iván Fischer. Ich bin kurzfristig bei einer Tournee eingesprungen und musste kurzfristig Leonard Bernsteins Serenade nach Platos „Symposium“ lernen, dass ist ein Werk, in dem es um die Liebe geht, das war spannend.

2007 haben Sie die Musikalische Leitung des Kammermusikfestivals in Delft übernommen, wie geht es Ihnen damit?

Ferschtman: Stimmt, das leite ich auch heute noch. Ich habe anfangs ein enormes Gewicht auf meinen Schultern gefühlt, aber jetzt genieße ich die positive Entwicklung und auch die Verantwortung. Die Mischung bei den rund 15 Konzerten ist wichtig. In diesem Jahr besteht das Festival 20 Jahre, und ich leite es seit zehn Jahren. Vom 28. Juli bis 7. August haben wir das Motto „DNA“, das bietet Raum für viele Interpretationen.

Sie haben Bachs Werke für Violine solo aufgeführt. Haben Sie eine besondere Beziehung zu Johann Sebastian Bach?

Ferschtman: So ein Abend ist eine sehr intensive emotionale Anstrengung und Reise, denn ich bin zwei Stunden allein mit dem Publikum und der Musik. Bach geht in die Tiefe.

Auf welchem Instrument spielen Sie in Aachen?

Ferschtman: Auf einer Guarneri Del Gesú-Geige. Sie ist sehr stark, eher dunkel im Timbre. Ich bin ja Tochter eines Cellisten, und ich habe diese dunkle Färbung, die man selbst bei hohen Tönen spürt, immer sehr geliebt.

Musik ist für Sie wie Atmen, wie Gesang und Stimme, haben Sie einmal gesagt. Wie setzen Sie das um?

Ferschtman: Ich musiziere schließlich mit dem ganzen Körper. Ich praktiziere sehr intensiv Yoga, das hilft mir bei emotionalen Belastungen und es führt auch zum richtigen Atmen.

Wie sehen Ihre nächsten Pläne aus, vielleicht eine neue CD?

Ferschtman: Szymanowski hat das Violinkonzert, das ich in Aachen spiele, vor genau 100 Jahren komponiert, und auch Prokofjews 1. Violinkonzert entstand in dieser Zeit. Diese beiden möchte ich in einer Produktion verbinden.

Wie stehen Sie persönlich zur Gegenwartsmusik?

Ferschtman: Ich bin für eine Mischung aus bekannten Werken und neuen, überraschenden Kompositionen. Das Publikum sollte schon erfahren, dass es nicht nur Johann Sebastian Bach und Musik der Romantik gibt.

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