Viel Spaß an einer anderen Seite: Neues Solo-Album von Bela B.

Von: Michael Loesl
Letzte Aktualisierung:
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Inmitten von Luftballons: Bela B., Schlagzeuger und Sänger der Ärzte. Luftblasen sind aber nicht sein Ding, auch nicht auf seinem neuen Solo-Album.

Was würde man der Liebe erzählen, wenn man sie an irgendeiner Bar träfe? Bela B. hat sich Gedanken darüber gemacht - er würde sie, wie in seiner aktuellen Single, fragen, warum sie ihn nicht einfach in Ruhe lässt.

Weil sie, wenn man sich auf ihre Seite geschlagen hat, irgendwann zurückschlägt. Das hat sie auf Belas neuem Album „Code B” zwar schon zwei Songs vorher in „Geburtstagsleid” getan, aber der Lamenti von Bela B. wird man einfach nicht überdrüssig. Er artikuliert sie - das ist die große Überraschung des neuen Albums - praktisch ohne Ironien.

Auch insgesamt hat sich das Bild im Solo-Werk des Multitalents von Die Ärzte verändert. War sein Solodebüt „Bingo” noch glamourbunt, so ist „Code B” mit weniger Opulenz und sublimeren, dafür aber effektiver inszenierten Gitarren rauer und, na ja, punkrockiger geworden. Oder um es anders auszudrücken: Die Glamour versprechende Bingohalle im trostlosen Helmstedt ist einer Abrissbirne zum Opfer gefallen.

Auch Las Vegas muss Bela B. offenbar zu steril geworden sein. Er und seine Band, die immer noch Los Helmstedt heißt, sind musikalisch und inhaltlich in der Stadt angekommen, die wie keine andere Metropole der Welt Glamour und Schmutz, Charme und Schande vereint: Paris. Immer wieder lässt Serge Gainsbourg grüßen, wie im Song „Onenightstand”, der wie ein Chlochard dahergetorkelt kommt und davon erzählt, warum Promiskuität nicht nur wegen Aids sehr schlecht ist.

„Ninjababypowpow” zuckt aufgeregt mitsamt Verbeugung vor der Band XTC, und „Liebe und Benzin”, die Geschichte eines Tankstellenkassierers, die Bela B. im Duett mit seiner Schauspielerkollegin Emmanuelle Seigner singt, kann in ihrer gebrochenen Sinnlichkeit nur der Imagination eines leidenschaftlichen Cineasten entsprungen sein.

Eine zusätzliche Dimensionierung erfährt „Code B” durch das Gastspiel eines Helden Belas: Chris Spedding. „Es gibt zwar keine direkte, augenscheinliche Huldigung an Chris Spedding, abgesehen von den Songs auf Code B, für die er Gitarren einspielte”, erzählt Bela B. „Aber im Grunde ist die komplette neue Platte eine Spedding-Huldigung, weil er mich mehr als jeder andere Gitarrist inspirierte. Und ich habe diesmal nicht nur alles selbst geschrieben und mit der Ausnahme eines Songs auch alles arrangiert, sondern viel mehr Gitarrenarbeit selbst geliefert als auf Bingo.”

„Schwarz/Weiß” erfüllt einen Fanwunsch der völlig anderen Art. Marcel Eger, Ärzte-Fan, Hobbydrummer und Abwehrspieler des FC St. Pauli, trommelt mit Bela B., dem St. Pauli-Fan, den Beat zum empathischsten Song des Albums. „Es gibt kein Schwarz und Weiß mehr”, lautet die Kernaussage des Songs, die im Grunde auch die Metabotschaft des Albums ist. Vor allem, weil die Platte mit kollektiv verankerten Bela-B.-Klischees nach Herzenslust bricht. Wird der Mann doch gerne mit den gängigen Rock´n´Roll-Stempeln behaftet.

„Dein Schlaflied”, dessen Duktus sich an der reinsten Form der Liebe orientiert und den tätowierten Helden aller Antagonisten in einem völlig anderen, nicht weniger extremen Licht beleuchtet, ist ein Indiz dafür. „Ich bin immer noch genauso extrem, wie ich es immer war, aber ich habe im Moment totalen Spaß daran, eine andere Seite an mir kennenzulernen als das Erleben durchzechter Nächte, nach denen ich für die Erholung, zugegeben, immer länger brauche”, grinst Bela B.

Diese Musikalität

Aber der radikalen und gradlinigen Lichtgestalt Bela B. ist durchaus bewusst, dass selbst der radikalsten Stimme angesichts des Chors der Mutationen des allgegenwärtigen TV-Einerleis kaum noch Aufmerksamkeit zuteil wird. Nicht, dass er jemals tatsächlich versucht hätte zu schockieren, aber wenn etwas an „Code B” umwirft, dann sind es die Musikalität des Bela B., die scheinbar von Album zu Album im Wachstum begriffen ist, und die individuelle Logik, mit der er sich als Texter, Komponist und eben einfach als Bela B. jeglichen auf ihn projizierten Klischees entzieht.
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