Aachen - Viel Fingerspitzengefühl nötig: „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“

Viel Fingerspitzengefühl nötig: „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“

Von: Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
13081158.jpg
„Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ im Aachener Das Da Theater: mit Ursula Michelis als Pfarrerswitwe Lily und Andreas Strigl als schwuler Tanzlehrer Mike. Foto: Achim Bieler

Aachen. Der Schluss ist still, bewegend, man versteht sofort, und ein kleiner Satz im Stück liegt in der Luft – der Satz vom Moment des Sterbens, wenn das ganze Leben noch einmal wie im Kurzdurchlauf vorüberflimmert: Weißes Licht tastet sich über die Flut von Fotos ringsum, überall Lily, jung, frech, attraktiv, nachdenklich, traurig.

Das Stück „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ von Richard Alfieri (Jahrgang 1948) das zurzeit auf so vielen Bühnen in Deutschland gespielt wird, verlangt Fingerspitzengefühl. Für das Aachener Das Da Theater hat Intendant Tom Hirtz das melancholisch-unterhaltende Werk des Amerikaners, das 2001 in Los Angeles uraufgeführt wurde, behutsam und mit viel Sinn für Zwischentöne in Szene gesetzt.

Das Werk hat Schwächen und Längen. Das macht aber nichts, denn mit Ursula Michelis als Lily und Andreas Strigl als Mike konnte das Das Da Theater Hauptdarsteller verpflichten, die den Figuren Charakter und Tiefe geben.

Lily, die 72-jährige Witwe eines bigotten Pfarrers, bestellt sich einen Tanzlehrer ins Haus. Was für eine Entscheidung. Sie hat Angst vor der eigenen Courage. Mike ist Tänzer. Er trauert seiner erfolgreichen Bühnenzeit als Musicaldarsteller hinterher und fühlt sich minderwertig. Mit einer großen Portion Zynismus und peinlichen Witzchen gewappnet, stolziert er zum Unterricht in die Wohnung. Lily reagiert mit Zurechtweisungen und Empörung auf freche Sprüche und Schwindeleien – eine Lehrerin eben.

Im sinnreichen wie praktikablen Bühnenbild von Frank Rommerskirchen entwickeln sich aus gegenseitigen Verletzungen Vertrauen, neuer Lebensmut, Spaß und eine ergreifende Ehrlichkeit. Lilys Leben schwirrte an drei Fotowänden um die Akteure, fünf schlanke Säulen kommen hinzu, an denen sich weitere Spuren finden. Kleine Tischchen an den Stangen bieten dezent Platz, um Tassen oder Gläser abzustellen. Ansonsten ist der Raum bis auf ein Sofa frei zum Tanzen, eine gute Lösung.

Tröstende Gemeinsamkeit

Andreas Strigl ist als schwuler Tanzlehrer Mike eine tadellose Erscheinung. Ein markanter Typ mit eisblauen Augen und gutem Body. Nach und nach zeichnen sich die Brüche in seinem Lebens ab, geht der anfängliche Zynismus in Schmerz und endlich in weiche Sympathie für Lily über. Bei Ursula Michelis spürt man das Feuer unter der ermüdeten, vereinsamten Hülle. Wenn die beiden tanzen, verwandelt sie sich vom Häuflein Elend in eine sinnliche, fröhliche, schöne Frau. Die Dramen in beider Leben ähneln sich, das tröstet und wärmt die wunden Seelen.

Mike spielt nach und nach eine Rolle in Lilys Leben. Hirtz setzt auf allmähliche Entwicklung, auf heiteren Witzen in geschliffenen Dialogen, die ganz schnell „kippen“ können, wenn er oder sie die Krallen ausfahren, alte Ängste aufsteigen. Das verlangt auf allen Seiten Profis.

Nadine Dupont hat für abwechslungsreiche und bis hin zum Bademantel typgerechte Kostüme gesorgt, Heike Sieverts Choreographie ist elegant und dem Ort angemessen. Das Ende ist ein wehmütiger und liebevoller Abschied. Und dann gibt es da noch die Andeutung eines neuen Glücks für Mike. Lilys Vermächtnis.

Viel Applaus für einen nachdenklichen Abend.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert