Aachen - Viel Applaus für Tschechows „Onkel Wanja”

Viel Applaus für Tschechows „Onkel Wanja”

Von: Eckhard Hoog
Letzte Aktualisierung:
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Tschechows „Onkel Wanja” mit Theater Aachen: mit (von links) Rainer Krause, Joey Zimmermann und Elke Borkenstein.

Aachen. „Ich bin ungeheuer öde.” „Ich bin böse, böse betrogen worden.” „Ich werde es solange aushalten, bis ich sterbe.” „Ich bin völlig überarbeitet und abgestumpft.” „Ich bin immer noch der, der ich war.” Fünf Personen, die sich selbst charakterisieren.

Fünf Figuren, die ein deprimierendes Menschenbild allgemein empfundener Sinnlosigkeit repräsentieren in Anton Tschechows „Onkel Wanja”. Das Stück erlebte am Freitagabend eine heftig beklatschte Premiere in der Kammer des Theaters Aachen.

Mehr stolpernd und rutschend als voranschreitend bewegen sich diese Menschen durch ihr Leben. Mascha Deneke (Bühnenbild und Kostüme) hat ihnen einen konkaven, nach unten gewölbten Boden aus blanken Holzbrettern bauen lassen, auf dem es sich leicht herunterrutschen, aber nur schwer hinaufsteigen lässt. Sinnbild für die Unfähigkeit, das Schicksal aktiv zu meistern? Jedenfalls gehört die Rutschbahn zu jenen Elementen, die sich Regisseurin Elina Finkel mit viel Sinn für Ironie zunutze macht, um ihrer Inszenierung trotz der Schwere des Themas eine gewisse Leichtigkeit zu geben.

„Scratchen” wie ein DJ

Wenn alle aus ihren Rollen heraustreten und im Chor showmäßig singen „I´m a lonely russian without love” oder jemand wie ein DJ die Grammophonplatte „scratcht”, dann löst sich die Tschechowsche Depression wenigstens stellenweise in allgemeines Schmunzeln auf.

In der hintersten russischen Ackergegend leiden sie alle: Wanja (Joey Zimmermann) an der Dummheit seiner Mitmenschen, Sonja (Elke Borkenstein) an Einsam- und Hässlichkeit, der Arzt (Torsten Borm) an Überarbeitung und Visionslosigkeit der Zeitgenossen, Jelena (Katja Zinsmeister) unter Langeweile und der launischen Tyrannei ihres viel zu alten Mannes (Rainer Krause).

Und keiner wagt es, zu entkommen - etwas anders zu machen. Warum nicht? Auf diese Frage spitzt Elina Finkel die Inszenierung zu. Und zieht die Parallele zur ökologischen Globalsituation mit dem Stichwort „Klimaveränderung” im Text und dem Hintergrundbild von abgestorbenen Bäumen. Die missliche Zukunft liegt auf der Hand - doch es ändert sich nichts, im Kleinen wie im Großen.

Die Figuren sprechen mehr mit sich selbst als miteinander und blicken häufig ins Leere. Starr und trostlos. Enttäuscht wie Wanja, der bitter erfahren muss, dass er sich jahrzehntelang für ein Ekelpaket aufgeopfert hat. Die Schauspieler fesseln durchweg mit ihrer facettenreichen und unterschwellig ironischen Darstellung. Die ergiebigste Rolle hat Katja Zinsmeister, die sie mit Bravour ausfüllt.

Ihre Jelena ist die Einzige in dieser Mischpoke, die, hin- und hergerissen zwischen Pflicht und Neigung, beinahe den - vom Publikum mit Spannung beobachteten - Ausweg wählt: den Alten Alten sein lässt und dem Werben des Arztes nachgibt. Sie macht die innerliche Zerrissenheit der Jelena zwischen unterkühlter Hysterie und Lethargie hautnah plausibel. Herausragend auch Elke Borkenstein als junges Mädchen, das ihrer harten Realität mit flehenden Liebesträumen begegnet. Ihr bitteres Schlusswort vom verzweifelten Glauben an ein besseres Leben im Jenseits geht unter die Haut.

Joey Zimmermann verkörpert überzeugend den Typ des ewig motzenden, verhinderten Intellektuellen, der sich dennoch bedingungslos fügt. Torsten Borm ist der Weltverbesserer, der mit Visionen sein schäbiges Dasein wenigstens gedanklich beiseite schiebt. Rainer Krause gibt den selbstmitleidigen Tyrannen, Thomas Hamm den Zufriedenen aus Einfalt. Das Publikum belohnte alle, wohl auch die geschickte Lichtregie von Pascal Moonen, mit langanhaltendem Applaus. Ein gelungener Abend, der inspirierende Fragen offen lässt.

Tschechows „Onkel Wanja” in der Kammer des Theaters Aachen, 130 Minuten inklusive Pause. Weitere Aufführungen: 13., 16., 22., 29. Mai; 6., 13., 16., 20., 23., 24. Juni; 4. Juli, jeweils 20 Uhr.

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