Verschollenes Gemälde: Mit Beharrlichkeit und Gespür zum Erfolg

Von: Eckhard Hoog
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Seit März hat sie alle Hebel in Bewegung gesetzt, um dieses Gemälde des niederländischen Barockmalers Balthasar van der Ast wiederzufinden, das seit den 80er Jahren verschwunden war: Sarvenaz Ayooghi vom Aachener Suermondt-Ludwig-Museum. Ein Internetaufruf und ein Zufall führten schließlich zu dem Bild „Tulpe Sommerschön“ – es krönt nun eine Van-der-Ast-Ausstellung ab Anfang März. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Detektivisches Gespür, Engelsgeduld und die gefühlte Beharrlichkeit von Michael Endes Schildkröte Tranquilla Trampeltreu auf dem unendlich erscheinenden Weg zum Hochzeitsfest – all das war nötig, um eines der kostbarsten, schönsten und zugleich seltensten Gemälde der Kunstgeschichte nach Aachen zu holen: das Bild „Tulpe Sommerschön“ des niederländischen Barockmalers Balthasar van der Ast.

Das Kleinod soll die Ausstellung „Schöner als die Wirklichkeit. Die Stillleben des Balthasar van der Ast“ krönen, die zeitgleich zur weltgrößten Kunst- und Antiquitäten-Messe Tefaf in Maastricht (11. bis 20. März) im Aachener Suermondt-Ludwig-Museum beginnt.

In die Fußstapfen von Vicki Nelson, Laura Holt, Jessica Fletcher oder wie die weiblichen Pendants zu Philip Marlowe auch immer heißen mögen, ist am Suermondt-Ludwig-Museum die Kuratorin Sarvenaz Ayooghi getreten. Mit Erfolg.

Seit 30 Jahren war das Bild wie vom Erdboden verschwunden – aber wegen seiner unvergleichlichen Eleganz und Kunstfertigkeit sollte es unbedingt eine Spitzenstellung einnehmen in der ersten monografischen Ausstellung dieses Barockmeisters überhaupt – darin war sich die Co-Kuratorin, neben Museumsdirektor Peter van den Brink, von Anfang an, im März 2015, im klaren. Nur: Seit ihrer letzten Ausstellung in Amsterdam 1984 ist die „Tulpe Sommerschön“ nie wieder aufgetaucht.

Letzter Standort Solingen

Also wälzte die junge Kunsthistorikerin die Folianten, recherchierte im Internet, bei den einschlägigen Auktionshäusern und bei Kollegen auf der ganzen Welt – immer in der Hoffnung, einen entscheidenden Hinweis zu bekommen. Nach Monaten erbrachte ein Kollege den ersten Ansatz: Ein Kunsthändler aus Solingen mit Namen Kurt Müllenmeister sollte das Bild in den 80er Jahren gekauft haben; er ist mittlerweile aber verstorben.

Eine weitere Kollegin wiederum konnte einen Kontakt herstellen zu Müllenmeisters Witwe – allerdings auch ohne Ergebnis, wo das Tulpengemälde tatsächlich abgeblieben ist. Allein der Hinweis, dass es an einen deutschen Privatsammler gegangen sein soll, der inkognito bleiben wollte, das kam bei dem Gespräch heraus.

Aber wo stände die Welt heute wohl ohne die Erfindung des Internets? Hier fand sich schließlich die entscheidende „Brücke“ zum verschollenen Bild. Ayooghi startete am 13. Oktober 2015 auf www.codart.nl, einem internationalen Netzwerk für Kuratoren von niederländischer und flämischer Malerei, einen Aufruf: Wer weiß etwas über den Verbleib der „Tulpe Sommerschön“? „Die Chancen waren eigentlich aussichtslos“, sagt Sarvenaz Ayooghi. „Ich bin in der Branche nur belächelt worden.“

Doch der Zufall spielte Pate: Seit drei Jahren wirkt die Kerpener Diamanten- und Schmuckhändlerin Susanne Steiger bei der ZDF-Trödel-Show von Horst Lichter mit, in der allerlei antike oder schmucke„Schätzchen“ zu Geld gemacht werden. Zu ihrem Geschäft gehört es, zusammen mit dem Diamanten-Gutachter Christian-Frederik Plötz Privatkunden zu Hause aufzusuchen, die die Absicht verfolgen, eben solche „Schätzchen“ zu veräußern.

In etwa zeitgleich zu Ayooghis Internet-Aufruf besuchten sie einen deutschen Kunden, um sich sein Angebot anzusehen. Plötz: „Und wie das so ist, geht man durch die Räumlichkeiten . . .“ Und sogleich stach ihm dort ein grandioses Stillleben ins Auge! „Das musste etwas ganz Besonderes sein“, erzählt er. „Ich hatte das Gefühl: Da ruht etwas seit 400 Jahren und hält doch nur den Moment eines Augenblicks fest.“

Diamanten-Experte Plötz recherchierte seinerseits die mögliche Herkunft und Identität des Bildes – und stieß dabei auf den Internetaufruf aus Aachen. Plötz erinnert sich: „Das war um halb drei Uhr in der Nacht.“ Der Rest ist schnell erzählt – allerdings bleibt etwas verschwiegen. Der Kontakt zur Aachener Kuratorin kam schnell zustande.

Plötz ist jetzt „Berater“ des Bildeigentümers – dessen Identität wird auf dessen Wunsch hin nicht verraten. Plötz hat Zugriff auf das Werk und stellt es nun für die Ausstellung im Suermondt-Ludwig-Museum zur Verfügung. Es gehört ihm aber nicht.

Am Mittwoch konnte die Presse einen ersten Blick auf die „Tulpe Sommerschön“ werfen. Entstanden ist das Gemälde um 1625 während der Zeit der „Tulpenmanie“, als in den Niederlanden Tulpenzwiebeln bis zu 10.000 Gulden erzielten.

Die Sorte „Sommerschön“ – Peter van den Brink: „Die einzige aus der Zeit, die es heute noch gibt.“ – war wohl der allseits beliebteste Megastar unter den Tulpen. Ihm widmete Balthasar van der Ast dieses Einzelporträt. 1637 mündete der Tulpenwahn dann in einen Börsencrash – die erste Spekulationsblase der Wirtschaftsgeschichte.

Schau mit 39 Gemälden

39 Gemälde und zwölf Papierarbeiten van der Asts reisen Anfang März an – unter anderem aus London und Paris. Van den Brink: „Das wird eine unglaublich tolle Ausstellung.“ Das Reichsmuseum in Amsterdam trennt sich von seinen beiden einzigen van der Asts, denen ebenso wie einem Exemplar im Louvre exponierteste Präsentationsorte vorbehalten sind.

Der Meister pflegte überwiegend auf Holz zu malen und nur wenig auf Leinwand – ein entscheidender Grund dafür, dass es bis jetzt noch keine monografische Schau gab. Die Werke sind für den gewöhnlichen Leihverkehr einfach zu empfindlich. Und so darf Aachen ab März internationales Kunst-Publikum erwarten. Van den Brink: „In London freut man sich schon.“

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