Verloren im Sog der Verführung

Von: Sabine Rother
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Oscar Wildes Schauspiel „Das Bildnis des Dorian Gray“ im Grenzlandtheater Aachen mit Jan Stapelfeldt (rechts) als Dorian Gray und Fabian Goedecke als Lord Henry. Foto: Kerstin Brandt

Aachen. Ein Name, der niemanden kalt lässt. Er vereint begehrenswerte Schönheit und schlimmste Niedertracht wie kein anderer in der weiten Welt der Literatur: Dorian Gray. In seinem 1891 erschienenen einzigen Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ hat der irische Schriftsteller Oscar Wilde all das zusammengeführt, was ihn fasziniert und sein gesellschaftliches Umfeld schockiert.

Die für ihn so typischen Aphorismen erhöhen den Reiz des Werkes. 1910 betrat Dorian Gray in London erstmals die Theaterbühne. Am vergangenen Wochenende hatte das Stück im Grenzlandtheater Aachen Premiere.

Regisseur Udo Schürmer setzt auf die Kraft des Textes und die Fantasie der Zuschauer. Das eindrucksstarke Bühnenbild von Steven Koop, der die Ausstattung betreut, zeigt eine raffiniert zersplitterte Wand – zerbrochener Spiegel, und schimmerndes Glasmosaik zugleich. Schön und düster. Die Elemente können zudem schnell verändert werden.

Das zentrale Element der Handlung – besagtes Bildnis – bleibt unsichtbar. Der Gemälderahmen ist leer und zugleich erfüllt von Schönheitsidealen in den Köpfen der Menschen. Und Dorian Gray? Jan Stapelfeldt spielt ihn jung, unerfahren, neugierig und verführbar. Die Geschichte ist bekannt. Im Atelier des Malers Basil Hallward, der in eine schwärmerisch liebende Abhängigkeit zu seinem Modell geraten ist, lernt Dorian seinen Verführer kennen. Lord Henry ist ein zynischer Intellektueller, der Spaß an psychologischen Spielchen hat. Fabian Goedecke verkörpert ihn mit Esprit, Eloquenz und Kälte, klug und lebenssatt. Es reizt ihn, Macht über die Psyche des unbedarften Dorian zu erlangen.

Jan Stapelfeldt ist als Dorian ein williges Opfer, unbedarft, ein eitler Jüngling, charmant und egozentrisch. Doch der Weg vom smarten 20-Jährigen zum grausam-eisigen Täter, der in einen Abgrund der Verderbtheit rutscht und den Sog der bösen Taten, die lediglich das langsam faulende, sich selbst auf magische Weise zerstörende Gemälde spiegelt, nicht stoppen kann, ist darstellerisch ein Kraftakt. Das verlangt mehr als einen klar gesprochenen Text. Eine Schärfung hätte diesem Charakter gut getan – und zugleich Stapelfeldt als Akteur. Da hätte es vielleicht geholfen, den Cordsamt-Anzug gegen einen Smoking zu tauschen, um den innerlich verdorbenen und nach außen hin makellosen Dandy stärker zu betonen.

Aber Theaternebel und Geisterstunde können psychische Prozesse, die sich im Verhalten eines Menschen abzeichnen, nicht ersetzen – selbst dann nicht, wenn er, wie Dorian, bildschön bleibt.

Armin Jung spielt den Maler Basil Hallward mit einer anrührenden Mischung aus künstlerischem Genie und menschlicher Wärme. Bewegend setzt Annika Schneider die Gestalt der jungen Schauspielerin Sibyl Vane um. Als Sybil bemerkt, dass sich Dorian nur in ihre diversen Theaterrollen verliebt hat, für sie als Mensch aber nichts empfindet, tötet sie sich – Dorians erste Grausamkeit zeigt Wirkung. Jim Vane, Sibyls Bruder, spürt das drohende Unheil. Daniel Heck verkörpert ihn eindringlich und verzweifelt. Schön, wie er es in kurzen Szenen schafft, einen Kontrast zur übersättigten Intelligenz zu bilden. Birthe Gerken ist eine reife und lebenshungrige Lady Wotton im schulterfreien Jumpsuit, das weibliche Pendant zu Ehemann Lord Henry.

Berühmter Stoff

Mord, Entsetzen, Erkenntnis und der panische Versuch später Reue – auf der Bühne wird das alles Szene für Szene umgesetzt, aber es fehlt dem Ganzen der Esprit, der dunkle Glanz, der von diesem berühmten Stoff ausgeht, der Choreographen, Komponisten Musical- und Filmproduzenten elektrisiert – bis heute. Es geht doch um mehr, als Jugendwahn und Eitelkeiten. Freundlicher Applaus. Nicht alle Zuschauer bleiben bis zum Schluss der Vorstellung.

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