Verführung und Mord sind sein Geschäft

Von: Eckhard Hoog
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Weihnachten verbringt er zu Hause in Passau: Wieland Satter, der in Tschaikowskis Oper „Mazeppa” im Theater Aachen sein Debüt gegeben hat. Ab Februar steht der Bassbariton hier als „Don Giovanni” auf der Bühne. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Väter, die ihre Töchter umsorgen, räumt er gnadenlos aus dem Weg: Den einen lässt er hinrichten, den anderen ersticht er gleich selber. Und die Frauen liegen ihm auch noch reihenweise zu Füßen. Die Rollen, mit denen Wieland Satter im Theater Aachen gerade sein Debüt gibt, haben es in sich: Verführung ist sein Geschäft.

Als Hauptmann Mazeppa treibt er sein Unwesen in Tschaikowskis gleichnamigem Musikdrama, seit 5. Dezember gefeiert vom Aachener Publikum - allerdings, versteht sich, wegen seiner stimmlichen Qualitäten.

Als Don Giovanni stürzt er ab 20. Februar in der Mozart-Oper die Damenwelt ins Verderben. Wir treffen den 42-Jährigen nach der „Don Giovanni”-Probe im Theatercaf.

Sportlich, muskulös, lässig in Jeans und kariertem Hemd, ein gepflegtes Bärtchen um die Lippen - wer sich einen gestandenen Opernsänger mit einem gut ausgestatteten Resonanzkörper in der Mitte vorstellt, registriert durchaus mit Erstaunen die athletische Erscheinung des gebürtigen Frankfurters. Dass man mit ihm einen Sänger vor sich hat, das freilich kann der Mann nicht verhehlen, und dazu muss er nicht einmal singen: Die tiefe Stimme offenbart auf Anhieb mit dem ersten Satz den Bassbariton. Und was er gleich zu Beginn des Gesprächs so gelassen von sich gibt, klingt beinahe unerhört: „Oper? Die fand ich früher dämlich!”

„Eine fremde Welt”

Was für ein Bekenntnis! Ausgerechnet aus dem Munde eines Stimmathleten, dessen Repertoireliste um die 30 Partien umfasst - vom Escamillo über den Klingsor bis zum Don Pasquale und wie sie alle heißen. Möglicherweise spricht er damit manchem opernfernem Zeitgenossen, der das immer schon genauso gesehen hat, ja aus der Seele -, aber Wieland Satter erklärt sein Empfinden so: „Oper, das ist eigentlich eine fremde Welt”, und meint damit vor allem das Äußerliche, das Drumherum, das „kleine Schwarze”, in dem viele Publikumsdamen stecken - schlicht: „die elitäre Atmosphäre”. Und doch hat Wieland Satter, der eigentlich Musiklehrer werden wollte und in seiner Heimatstadt Schulmusik studierte, erstaunlicherweise bereits mit jungen Jahren zur Oper gefunden.

Wie es dazu kam? „Man muss den ganzen Glamour überwinden”, sagt er, „die chicen Kleider abstreifen und von allem Glänzenden absehen.” „Die Schale durchbrechen” - so formuliert er das Rezept, mit dem man den Blick freibekommt auf den Kern dieser Kunstgattung: „die großen, tiefgehenden Gefühle, die den Menschen aus seiner alltäglichen Gefühlswelt herausheben.” Und damit lohnt es sich eben doch, die Oper für sich zu erobern: „Das ist ein elementares Erlebns - auch für den unbedarften Zuschauer. Und das ist auch das Schöne an dieser Arbeit: zusammen mit dem Regisseur eine Figur tief zu durchdringen.” Mazeppa und Don Giovanni, das sind für ihn keineswegs Bösewichter, sondern eher gebrochene Charaktere mit vielen Facetten und Zwischentönen. Wie auch sonst würden Don Giovanni die Frauen zu Füßen liegen? „Er ist ein vielschichtiger Charakter mit Charme.” Und den gelte es, glaubhaft darzustellen. Schauspielerisch wie sängerisch, betont Satter die für ihn absolut gleichgewichtigen Parts seines Berufs. „Beides muss miteinander einhergehen”, sagt er. Und das heißt für den Archetypus des Frauenhelden in der Mozart-Oper, die Stimme flexibel mit „verführerischen Farben” einzusetzen.

Angefangen hat Wieland Satter mit einem Freund als Straßenmusiker in den Städten Europas - er mit Flöte, der Kumpel mit Gitarre. Der hat seine Leidenschaft gleichfalls zum Beruf gemacht, spielt heute Gambe in der Alte-Musik-Szene.

1995 schloss Satter sein Schulmusikstudium, Hauptfächer Querflöte und Chordirigieren, mit dem Ersten Staatsexamen ab. Seine Gesangslehrerin erkannte das Talent und empfahl ihm weiterzustudieren. Satter ging nach Weimar an die Hochschule für Musik und studierte Gesang.

Weimar war es auch, wo er eine Operntradition eher jenseits der von ihm ungeliebten Glamouratmosphäre erleben konnte - überkommenes Resultat noch aus DDR-Zeiten: „Zwar staatlich verordnet, aber da ging eben der VEB Braune Erde einmal im Monat in die Oper.” Ohne das „kleine Schwarze”. Große Kunst fürs Volk, hieß die Devise, Oper für den Normalverbraucher. Berührungsängste? Fehlanzeige!

Wieland Satter ist durch und durch bodenständig geblieben und erzählt amüsiert, dass sich bei ihm schon sehr früh eine Ambivalenz zur Oper entwickelt hat. Die Eltern waren beide regelrechte Opernfans, viele Gespräche am heimischen Herd drehten sich darum.

Wenn ihm damals jemand gesagt hätte, dass er einmal ein Dreivierteljahr an einer einzigen Partie - der des Mazeppa - üben würde, dass er sich zum Training für diese Rolle in russischer Sprache sogar von der Studienleiterin des Bolschoi-Theaters in Moskau „coachen” lassen würde, er hätte ihn vermutlich für verrückt erklärt. Wenn da nicht jene großen, tiefgehenden Gefühle wären... - und ganz offensichtlich auch eine Neigung zur Perfektion.

Ein Schlüsselerlebnis war es, das Satter mit seinem altgermanischen Vornamen, der so viel bedeutet wie „Goldgießer” und bereits selbst auf eine Nähe zu Wagner und zur Oper hinweist, zum Künstler werden ließ. „Es war während des Flötestudiums im sechsten Semester. Da hat sich ein deutlicher künstlerischer Ausdruckswille geregt.” Er sollte ein Stück so spielen, als ob man den Text mithören würde - es gelang. Auf die Oper übertragen: Auch ohne den russischen Text zu verstehen, soll der Zuschauer in jedem Moment deutlich spüren, was Mazeppa gerade singt.

Wieland Satter lebt mit seiner Frau, der russischen Pianistin Ekatherina Tarnopolskaja, in Passau, mit der er dort eine kammermusikalische Reihe mit Musik, Literatur und Liedgesang betreibt. „Eine Liebhaberei”, sagt er. „Leben kann man davon nicht.”

Wie die Inszenierung des „Don Giovanni” in Aachen letztlich ausfallen wird, mag er nicht verraten, nur so viel: „Die Regisseurin (Eva-Maria Höckmayr) hat eine sehr ausgefeilte Sicht auf alle Rollen. Das wird eine sehr intensive Arbeit.” Man darf gespannt sein...

In Aachen hat der Mann nach eigenem Geständnis im Übrigen auch eine ganz neue Leidenschaft entdeckt: für Reisfladen!
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