Verführerisch-erotische Klänge am schönen Rursee

Von: Pedro Obiera
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Die Zukunft der „Spannungen“ in Heimbach ist finanziell gesichert: Das dürfte besonders Lars Vogt freuen, den Gründer und Leiter dieses einzigartigen Kammermusikfestivals, das jetzt zu Ende ging. Foto: Stephan Johnen

Heimbach. Mit fünf Konzerten an drei Tagen setzten die diesjährigen „Spannungen“ im Jugendstilkraftwerk zum Endspurt der ereignisreichen Woche an. Besonderes Interesse verdiente dabei als „Composer in Residence“ die gebürtige Russin Tatjana Komarova, die dem Festival seit vielen Jahren eng verbunden ist.

Eine Komponistin, die mittlerweile internationales Ansehen erringen konnte, obwohl sie sehr selbstbewusst ohne Rücksicht auf Trends und Moden eigenständige Wege beschreitet.

Emotionsgeladene Musik

Davon konnte man sich am Freitag mit zwei Werken überzeugen: ihrem Streichquartett „Ungemalte Bilder“ und der Uraufführung eines Poèms für Violine und Klavier, „Umhüllt von Licht und Nebel“. Bereits die Titel deuten auf ein assoziationsreiches, emotionsgeladenes Musikverständnis hin. In der Tat stehen bei ihr nicht sonderlich originelle oder sensationell neue Kompositionstechniken im Mittelpunkt, sondern stets die Ausdruckskraft der Musik.

Die „ungemalten Bilder“ bestehen aus zehn pointiert knapp gefassten Stimmungsskizzen, die in der Fantasie der Hörer zu Bildern ergänzt werden können. Konkrete Hinweise geben die Satzbezeichnungen (etwa „verträumt“ oder „beunruhigt“) bewusst nicht. Die vor zwölf Jahren entstandene Auftragskomposition des Festivals Luzern gab als Thema „Verführung“ vor. Tatjana Komarova stellte sich vor, was ein erotisch aktiver Mann wie Egon Schiele möglicherweise noch gemalt hätte, wäre er nicht so früh gestorben.

Entsprechend gefühlsbetont inklusive starker Kontraste und Spannungen klingt die Musik, die teilweise an die expressive Dichte Anton Webern anknüpft und in ihrer Vielfalt stilistisch nicht einseitig festzulegen ist. Intuition und Spontaneität gehören zu den zen-tralen Attributen ihrer Ästhetik.

Dabei scheut sie sich auch nicht, sich an nostalgischen Erinnerungen zu erfreuen. Das frisch gebackene Poème als Auftragswerk der „Spannungen“ hat sie bewusst mit Bleistift und nicht mit dem Computer notiert. Der Titel „Umhüllt von Licht und Schatten“ ist eine Liebeserklärung an die Landschaft des Rursees in unmittelbarer Nachbarschaft des Kraftwerks. Und nicht zuletzt trug die Geigerin Antje Weithaas, ein Urgestein des Festivals, zur Inspiration der Komponistin bei. Entstanden ist ein vierteiliges Werk von etwa 15 Minuten Dauer, das starke atmosphärische Reize enthält und der reichen, empfindsamen Gefühlsskala der Geigerin entgegenkommt.

Ein wohlklingendes, anrührendes Werk, eine Art Impression, durchaus aus romantischer Tradition erwachsen, das dennoch nicht anachronistisch wirkt. Erst recht nicht in der ebenso kompetenten wie authentischen Interpretation durch Antje Weithaas und Lars Vogt am Klavier. Was übrigens auch für das Streichquartett mit Elisabeth Kufferath an der Primgeige gilt.

Ansonsten schöpfte man zum Leitthema „Musik um 1900“ aus dem Vollen. Gerade in der dichten Folge von gegensätzlichen Werken wie einer Fassung für Klavier zu vier Händen von Strawinskys brutalem Ballett „Le Sacre du Printemps“, Zemlinskys zwischen Spätromantik und Moderne changierendem 2. Streichquartett oder Korngolds schönem, jedoch noch völlig dem 19. Jahrhundert verhafteten Streichsextett von 1914 mit einem ergreifend klagenden Adagio, schlägt sich die schillernde Vielfalt der damaligen künstlerischen Umwälzungen nieder.

Die Finanzierung der „Spannungen“ ist für die absehbare Zukunft gesichert, wie der ausrichtende Kunstförderverein Düren schon zu Beginn der Woche bekanntgab, und auch die RWE haben ihre Bereitschaft erklärt, das Kraftwerk in den nächsten Jahren zur Verfügung zu stellen. Freuen wir uns also auf die „Spannungen 2015“ vom 8. bis 14. Juni.

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