Verdis „Simon Boccanegra“: Im Karussell der strahlenden Stimmen

Von: Armin Kaumanns
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Eine graue Betonmauer dominiert das Bühnenbild, das sich ständig dreht: Verdis Oper „Simon Boccanegra“ ist beim Premierenpublikum im Theater Aachen vor allem durch die Leistung des Orchesters unter Kazem Abdullah und der Sänger bestens angekommen. Foto: Carl Brunn
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Ein Meister edelster Töne: Bariton Tito You begeistert in der Rolle des tragischen Titelhelden.

Aachen. Schon wieder geht von Kazem Abdullah eine solch lodernde, lichte Energie aus. Kaum hebt der Dirigent den Taktstock, explodieren Farben und Emotionen im Graben, in dem das Sinfonieorchester Aachen den Verdi zum Verdi-Jahr anstimmt.

Das hört sich ganz erstaunlich und über die Maßen erfreulich an, was der neue Generalmusikdirektor hier weiterentwickelt. Verdi im Feuerkleid, mitreißend rhythmisch, sängerdienlich transparent, einfach klasse. Mit diesem wunderbar feinfühligen Streichersound, dem Klangschwerpunkt im Holz und dem mitreißenden Einsatz von Blech und Pauke, wenn’s mal richtig dick sein soll, feilt Abdullah am Ideal. Und wenn er seine Vorstellung von Tempo auch noch bruchlos zu allen Akteuren auf die Bühne überträgt, wird die Kritik bald überhaupt nichts mehr zu meckern haben über Aachens Musiktheater.

Am Ende frenetischer Jubel

Die Premiere von „Simon Boccanegra“ jedenfalls mündete in Jubel, den man fast schon frenetisch nennen darf. Nicht nur GMD und Orchester wurden mit Bravo-Rufen überschüttet, auch der Bariton Tito You, der den tragischen Titelhelden mit wahrlich edelsten Tönen ausstattet, wusste sich vor Beifall kaum zu lassen. Da ist kein Schwulst in der Kehle des Koreaners, der nun schon zum zweiten Mal in Aachen gastiert, bestens verbundene Register sind ihm Mittel zu großer, berührender Musik.

Doch auch die weiteren großen Partien dieses recht frühen, aber äußerst zukunftsweisenden Werks in Verdis Oeuvre sind ausgezeichnet besetzt. Der schlanke, strahlend helle, unbeschwert hochtönige Tenor Alexey Sayapin, der kommende Spielzeit im Ensemble der Essener Aalto-Oper singen wird, stattet den Adorno mit anbetungswürdigem Timbre aus. Ein paar Italienisch-Lektionen allerdings täten not.

Irina Popova glüht als Maria

Die Sopranpartie in dieser Männer-Oper ist bei Irina Popova gut aufgehoben. Sie glüht als Maria sehr zu Herzen gehend, allerdings will sich ihr zur Üppigkeit neigendes Vi-brato nicht recht ins Konzert der vorbildlich fokussierten Kollegen mischen. Der Bass Ulrich Schneider passt sich ebenfalls gut ein, er ist ein alter Bekannter in Aachen, hat immer noch eine imposante Tiefe, füllt die Partie des undurchsichtigen Fiesco solide. Sonderapplaus heimst Hrólfur Saemundssohn ein, der den fiesen Paolo staksig-teuflisch anlegt und für seine Gifttrankzubereitung unfreiwillig zum Lachen Anlass gibt. Aber da sind wir, nicht ohne den teils vorzüglich singenden und agierenden Chor nebst Pawel Lawreszuk in der kleinen Partie des Pietro zu erwähnen, bei der Inszenierung. Die ist nun streitbar.

Imposante Betonmauer

Dem Team um die junge Regisseurin Nadja Loschky mag bei der Bühne von Gabriele Jaenecke ein Bild vorgeschwebt sein, das den Titelhelden in einen Strudel aus Macht und persönlichen Interessen versetzt. Die imposante graue Betonmauer, die sich schon vor Beginn der Ouvertüre um sich selbst zu drehen beginnt – mit all den imposanten Licht- und Schatteneffekten vor dem ebenfalls grauen, ebenfalls gekrümmten Prospekt –, dieses triste Schneckenhaus, diese Wendel ins Nichts, kann einem schon nach einer Viertelstunde auf die Nerven gehen. Immer rundum befördert die Bühne Stühle, Traumbilder, Menschen und Massen in die Arena der Intrigen, in der die Hauptfiguren wie Gladiatoren um ihre Existenz und ihre Träume kämpfen. Drehwurm als Regiekonzept – das ist mal was anderes. Hinzu gesellt sich als eine Art Running Gag der Soundtrack einer Meeresstimmung, mit Möwenschreien und planschenden Kindern, der der Regie so gut gefällt, dass sie ihn schon vor der Ouvertüre bedeutungsschwer inszeniert.

Zu sehen gibt es dazu Tableaus aus der Vorgeschichte der Opernhandlung, Mord, Kindesentführung und so weiter – und später auch eine weiße Frauenleiche unter weißem Laken. Irgendwie will die Regisseurin alles erklärend zeigen, was in dieser reichlich wirren Handlung steckt. Wo möglich, zeigt sie auch Frauen mächtig in Aktion: weibliche Soldateska, eine Revoluzze in Siegerpose. Naja, kann man machen, muss man aber nicht. Die Drehbühne, so überaus praktikabel sie sich sowohl für die Akustik erweist als auch für den Transport von Stühlen, bedeutungsschwangeren Schriftzügen, Menschen und Traumbildern, ist arg überbeschäftigt. Wenn sie mal innehält, kann sich Verdis Opernzauber entfalten – und tut es auch. Denn dieser Opernabend ist ganz oft spannend – rundum spannend, wenn man so will. Verdi setzt sich durch, und das Aachener Publikum feiert seinen 200. Geburtstag.

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