Verdis Requiem: Vom Flüstern zum wilden Paukengetöse

Von: Armin Kaumanns
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Aachen. Das tiefe religiöse Gefühl. Bei Verdi wird man den Eindruck nicht los, als sei es genau kalkuliert in seiner auf Gänsehaut ausgerichteten Wirkung.

Etwa das fast geflüsterte „Requiem aeterna” des Beginns, die wild über Paukengetöse peitschenden Piccolo-Hiebe des „Dies irae”, ja selbst der entzückende Dur-Akkord zum Beschluss des „Libera me”: Das alles macht Verdis opulente Totenmesse, die „Messa da Requiem”, zu seiner schönsten „Oper”. Nun, seis drum, die Aufführung des Bachvereins im architektonisch ebenfalls auf grandiosen Effekt ausgerichteten Krönungssaal des historischen Aachener Rathauses darf als ein Höhepunkt in den Annalen der Chorgemeinschaft verzeichnet werden. Denn wer von dieser kompetenten und engagierten Art zu musizieren nicht nachhaltig angetan ist, ist selber schuld.

Georg Hage am Pult ist ein Schatz für jeden Chor. Im Grunde dirigiert der Annakantor das riesige Ensemble aus Sinfonieorchester Aachen, Solisten und einer unübersehbaren Menge Sänger ganz dezent, sachlich, ja fast zurückhaltend.

Dann aber fangen seine Hände plötzlich an zu sprechen, wenn er seinem Chor, dieser Vereinigung des Bachvereins mit dem von Hermann Godland trainierten Ars Cantandi, die Konsonanten wie aus den Mündern zieht. Wenn seine Gesten darauf bestehen, dass die Phrasen gespannt werden, auch wenn es fugiert zugeht im Notentext.

200 Chormitglieder

Und die fast 200 Sängerinnen und Sänger sind voller Spannung, bekommen während der gesamten Aufführung kaum Intonationsprobleme, im Gegenteil: Eine große dynamische Bandbreite legen sie an den Tag, erzeugen einen Chorklang, dem man mit Genuss die fulminant große Männer-Fraktion anhört - diesem raumfüllenden Chor hört man die gute Schule und genaue Probenarbeit an. Es gelingt nicht nur der diffizile Beginn, auch die Dies-irae-Passagen entgleisen nicht zur Schrei-Orgie, fast selbstverständlich gelingt Polyphones, Inniges innig. Und die Balance zwischen Chor und famosem Orchester ist nie gefährdet.

In diesem Klangapparat ist auch das Solisten-Quartett bestens aufgehoben, Könner ihres Fachs allesamt.

Mit außerordentlich geschmeidigem und vor Kostbarkeit leuchtendem Sopran ragt am ehesten Julia Borchert heraus, die die erkrankte Sabine Ritterbusch ersetzte. Ihr zur Seite, verlässlich mit runder Tiefe und vielleicht ein wenig zu sachlichem Duktus, überzeugt Marion Eckstein im Mezzo-Fach. Fulminant versieht Raimund Nolte die Basspartie, Carsten Süß hat eventuell das italienischste Timbre, wenn auch gelegentlich leicht angestrengt.

Doch gleichfalls in den Ensembles: reiner Wohlklang aus den Kehlen von vier Teamplayern. Verdi dürfte seine Freude gehabt haben an diesem Konzertereignis. Und das Publikum applaudiert nach andächtig langem Innehalten frenetisch.
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